Herr Trüby, haben Sie bereits weniger Aufträge aus der Industrie zu verzeichnen?

Momentan ist noch keine Eintrübung erkennbar, wir sind noch ausgelastet. Doch die Anfragen nach neuen Aufträgen hat schon nachgelassen. Es ist nach wie vor schwierig, angemessene und sinnvolle Arbeiten zu finden, die zu einem wirtschaftlichem Erfolg beitragen können. Dankenswerterweise haben wir mit vielen Bestandskunden langjährige Kooperationen. Wir finden immer wieder Arbeiten, die für beide Seiten nutzbringend bei uns bearbeitet werden können, denn wir arbeiten zu günstigen Konditionen in geforderter Qualität. Die Arbeit in den Werkstätten ist breit gefächert, es gibt Industriemontage, die Holzwerkstatt, einen starken Textilbereich, Aufträge mit C+C-Maschinen, wir bieten auch Dienstleistungen an.

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Wie haben Sie die Krise 2009 überwunden?

Die Weltwirtschaftskrise hat uns gezwungen, die Löhne der Beschäftigten anzupassen. Ein Beschäftigter erhält einen gesetzlich festgelegten Grundbetrag von 80 Euro pro Monat und einen Steigerungsbetrag (Bonus), wenn die Wirtschaftslage es erlaubt. Zusätzlich wird ein Arbeitsfördergeld ausbezahlt. In schwierigen Zeiten wird der individuelle Bonus geringer. Auf den Grundbetrag hat jeder einen Rechtsanspruch. Diesen zu erwirtschaften ist eine permanente Herausforderung. In einer Betriebsversammlung haben wir 2009 die Lage mit den Beschäftigten kommuniziert und sind auf viel Verständnis gestoßen. Sie waren über die allgemeine Wirtschaftslage bestens informiert, und wir gaben das Versprechen, wenn sich die Lage bessert, den Bonus wieder zu erhöhen.

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Dieser Lohn reicht nicht für den Lebensunterhalt. Woher kommt das übrige Geld?

Die Beschäftigten erhalten Grundsicherung, die jährlich beantragt werden muss. Diese Systematik halten wir für nicht mehr zeitgemäß, wir fordern daher die Einführung des allgemein üblichen Mindestlohns auch in den Werkstätten. Das nicht über die Aufträge erwirtschaftete Geld sollte über Sozialleistungen refinanziert werden. Wer also regelmäßig zur Arbeit geht, würde damit am Ende des Monats so viel Geld erhalten, dass er davon seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Dies würde den Staat vermutlich nicht mehr kosten, aber es wäre für die Menschen mit Behinderung respektvoller und an die Lebensrealität aller Menschen angepasst. Der Zusammenhang zwischen Arbeit und selbstverdientem Lebensunterhalt wäre realisiert.

Joachim Trüby, Leiter des Bereichs Arbeit im St. Josefshaus.
Joachim Trüby, Leiter des Bereichs Arbeit im St. Josefshaus. | Bild: Danielle Hirschberger

Bleibt der Grundbetrag bei 80 Euro im Monat?

Für die nächsten Jahre ist tatsächlich in Etappen eine Lohnsteigerung geplant. Der Bundestag beschloss am 6. Juni 2019 die Erhöhung des Ausbildungsgeldes im Berufsbildungsbereich, und daran orientiert die Erhöhung des Grundbetrags für Beschäftigte im Arbeitsbereich von Werkstätten, dort allerdings zeitlich gestaffelt bis 2023. Gleichzeitig sinkt kontinuierlich die Produktivität der Werkstätten, politisch und gesellschaftlich gewollt, weil die Hilfebedarfe von deren Beschäftigten immer größer werden. Dies führt zu einem unlösbaren, fast schon paradoxen Konflikt, die Neuordnung der Refinanzierung von Werkstätten ist deshalb unerlässlich. Neben den Werkstätten nehmen derzeit über 200 Menschen im Förderbereich eine Tagesstruktur wahr, in der sie ihre persönlichen Kompetenzen entwickeln, mit dem Ziel, die Arbeitsfähigkeit zu erreichen. Im Förderbereich qualifizieren sich Menschen mit einem sehr hohen Hilfebedarf. Deren Zahl nimmt ständig zu. Besonders freuen wir uns, wenn es auf der anderen Seite gelingt, Menschen so zu fördern, dass sie Arbeitsplätze im allgemeinen Arbeitsmarkt wahrnehmen können. Auch hier können wir zunehmend Erfolge verbuchen.

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In den Werkstätten werden auch eigene Produkte hergestellt. Haben Sie hier gute Aufträge zu verzeichnen?

Wir haben feste Partnerschaften für Auftragsarbeiten im Holz – und Textilbereich, die die Produkte als Serie abnehmen. Etwa zwei Prozent der Produkte vermarkten wir selbst über die Verkaufsstelle im St. Josefshaus und Veranstaltungen wie den stimmungsvollen Abendverkauf am 15. November 2019.

Wie sieht die Zukunft des Werkstattladens aus?

Es besteht der Plan, den Werkstattladen im Café „grenzenlos“ zu integrieren. Damit könnte die Fläche des gut besuchten Cafés vergrößert werden, und die dortigen Mitarbeiter verkaufen auch die ausschließlich von Menschen mit Behinderung hergestellten Waren.

Sie sind auch Geschäftsführer des Dienstleistungsunternehmen Scala. Wie sieht die Auftragslage hier aus?

Die Firma Scala ist ein anerkanntes Inklusionsunternehmen, übrigens das größte im Landkreis Lörrach. Zurzeit hat die Firma gut 100 sozialversicherte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Schwerpunkte liegen in Gebäudereinigung, hauswirtschaftlichen Dienstleistungen und Leistungen gemäß der Unterstützungsangebote Verordnung für Haushalte mit pflegebedürftigen Menschen. Damit unterstützt unser gut geschultes Personal insbesondere ältere Menschen im Haushalt, hier steigt die Nachfrage ständig. Seit diesem Jahr bieten wir auch das Prüfen mobiler Elektrogeräte für Unternehmen und Heime an. Hier würden wir uns über mehr Aufträge freuen, dieses Angebot ist noch wenig bekannt.

Fragen: Danielle Hirschberger

Zur Einrichtung: Das St. Josefshaus bietet 325 Plätze in den Werkstätten, 189 im Förderbereich sowie weitere sozialversicherte Arbeitsplätze im Inklusionsunternehmen Scala an.