Jetzt folgt die „Linde“. Ende des Monats endet nach über 50 Jahren die gut-bürgerliche Küche der Familie Hohmann in ihrem Traditionsgasthaus in der Hertener Ortsmitte. Immer mehr Familienbetriebe mit regionaler Kost verabschieden sich in den Ortsteilen, aber auch in der Kernstadt. Das gastronomische Angebot verkleinert sich nicht grundsätzlich, aber verändert sich. Dehoga und Industrie- und Handelskammer beobachten die Entwicklung mit Sorge und versuchen, zu vermitteln, wenn sich in der Familie keine Wirte- Nachfolge findet.

In der „Linde“ endet eine Tradition

Stattlich steht das Haus Rabenfelsstraße 1 mit gepflegter Fassade da, über dem Eingang prangt das Ortswappen. Gegenüber liegt die katholische Kirche St. Urban. Ortsvorsteherin Sabine Hartmann-Müller schmerzt es, dass in der „Linde“ eine gute Tradition endet, weil die Eigentümer, die deutlich im Seniorenalter sind, in den Ruhestand gehen. Seit einem Jahr hat sie sich mit bemüht, eine Nachfolgelösung auch in Verbindung mit der IHK und Wirtschaftsförderer Elmar Wendland möglich zu machen. Dass die guten Zeiten mit der Dorfgaststätte vorbei sind, hält sie für „sehr bedauerlich“. Früher war die „Linde“ in Nachbarschaft des Rathauses stets für Nachsitzungen ein Treffpunkt. Mitglieder im Kirchenchor oder aus den Turnergruppen trafen sich hier. Der Gasthof ist gesellschaftlichen Bestandteil.

Chinesisches und Griechisches

Hartmann-Müller tröstet sich damit, dass Herten immerhin noch Lokale mit Schwarzer Adler, Engel und „im Stall“ hat und nach dem Besitzerwechsel wieder eines eröffnen wird, dann aber mit internationaler Küche. Das passiert an anderen Stellen in der Stadt schon seit einiger Zeit. Im „Danner“ steht heute Chinesisches auf der Speisekarte im Café Paul Griechisches. Die Küche der ganzen Welt kommt in Rheinfelden auf den Tisch, nur die regionale verschwindet immer mehr.

Schnitzel und Pommes fehlen auf der Karte

Torsten Ehrentraut von der Tourist-Info sieht dies auch so. Er kann zwar eine dicke Broschüre mit gastronomischen Adressen Gästen vorlegen. Die aber fragen häufig nach „deutscher Küche“ und zeigen sich gerade bei einem Aufenthalt in der Innenstadt enttäuscht, dass Schnitzel und Pommes nicht auf der Karte stehen. Nicht alle Besucher, die nur kurz weilen, wollen bis in die Ortsteile nach Karsau, Degerfelden, Eichsel, Minseln, Adelhausen und Nordschwaben, wo es Häuser mit regionalem Angebot gibt.

Wirte müssen viel leisten und haben viel Stress

Der Grund für den Strukturwandel in der Branche ist bei Dehoga und IHK Hochrhein bekannt. „Wirte müssen viel leisten und „haben viel Stress“, sagt Geschäftsführer Bertram Paganini, der auch im Handelsausschuss und im Tourismusausschuss agiert. Er sieht in der Entwicklung ein Riesenproblem. Zusammen mit der Gaststättenvereinigung Dehoga wird versucht, von Fall zu Fall zu vermitteln. Auch eine Austauschbörse bietet sich an. Dabei verweist der IHK-Fachmann darauf, dass es auch guten Häusern schwer falle, Lösungen zu finden. Ein Problem bestehe bei gut-bürgerlichen Adressen drin, qualifiziertes Personal zu gewinnen. „Oft steigen Köche früh aus, weil sie nicht genug verdienen.“ Es komme sogar vor, dass Mitarbeiter diktieren, wann geöffnet werde.

Vereinswirtschaften sind eine Konkurrenz

„Wenn die Kinder sehen, wie sich die Eltern abrackern, dann steigen die aus“, weiß Paganini. Eine „Riesenherausforderung“ stelle auch der oft hohe Investitionsstau dar, der Eigenkapital erfordere. Hinzu komme Konkurrenz durch Vereinswirtschaften, so dass es Paganini für einen Glücksfall hält, wenn die Nachfolge gelingt. Das kann Alexandra Mußler als Dehoga-Sprecherin nur bestätigen. „Die kleinen Familienbetriebe schaffen es nicht mehr, wegen der Personalarbeitszeiten, viel Bürokratie und Dokumentationspflichten. Wer will das noch machen?“, sagt sie aus eigener Erfahrung. Wird Gewinn gemacht, müsse auch investiert werden, damit das Gasthaus auf der Höhe der Zeit bleibt. Die Familienbetriebe, die jetzt noch existieren „halten zusammen“.

Internationale Gastronomie mit anderer Arbeitsmoral

Das halten auch Bertram Paganini und Alexandra Mußler für das Erfolgsgeheimnis vieler italienischer, griechischer oder türkischer Betriebe. In der internationalen Gastronomie herrsche noch eine andere Arbeitsmoral und werde nicht genau auf die Uhr geschaut, sondern voller Einsatz geleistet. Bei manchen Betrieben allerdings frage man sich als Beobachter aber auch, woher das Geld komme, wenn augenscheinlich wenig Gäste kommen, aber der Laden dennoch laufe.