Frau Dolabdjian, ist die Leitung einer Volkshochschule ein Traumjob?

Ja, es ist und war für mich ein Traumjob. Ich hatte unzählig viele Gestaltungsmöglichkeiten und die Freiheit, meine eigenen Ideen und die anderer umzusetzen. Das Themenspektrum war dabei immens, die Herausforderungen und die Verantwortung groß. Aber an den Schwierigkeiten, auf die man ständig erwartet und unerwartet trifft, wächst man. Ich bin unendlich dankbar für das, was ich umsetzen durfte.

Die Programme zielen auf lebenslanges Lernen ab. Wie erfolgreich ist das Motto: Für Weiterbildung ist es nie zu spät?

Ich denke, dass dieses Motto bei uns tatsächlich sehr intensiv gelebt wird, und wir das auch selbst umsetzen und andere daran teilhaben lassen. Ich hoffe, dass dieses Signal auch von der Leitung und des Teams an alle Teilnehmenden weitergegeben wird. An diesem Konzept hat sich seit Jahrzehnten nichts verändert. Das ist immer aktuell. Die große Herausforderung besteht darin, Menschen aus anderen Kulturen und Biografien diese Überzeugung zu vermitteln, ohne dass sie den Eindruck haben, wie Kinder behandelt zu werden, obwohl sie ja der Schule eigentlich längst entwachsen sind.

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Auf den multikulturellen Aspekt in ihrer knapp zwölfjährigen Leitungszeit haben Sie stets großen Wert gelegt, warum?

Mit ist es sehr wichtig gewesen, in dieser Einrichtung Zeichen zu setzen. Für mich ist die Volkshochschule Rheinfelden eine Einrichtung der Stadt Rheinfelden. Hier gibt es zwei Gemeinschaftsunterkünfte und einen relativ hohen Anteil an Migranten in der Bevölkerung. Rheinfelden ist durch Migration entstanden, weil ganz viele Menschen hierher gekommen sind und das Kraftwerk damals gebaut haben. Von daher muss man das leben, indem man diese Menschen alle mitnimmt.

Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg. Auf was kommt es Ihnen bei der Wissensvermittlung an?

Als Leiterin einer Weiterbildungseinrichtung ist man natürlich an das gebunden, was übergeordnete Verbände vorschreiben. Um Sicherheit zu haben für den Fortbestand der Einrichtung und für eine Kofinanzierung durch das Land, muss man bestimmte Kriterien erfüllen. Dazu zählt das breitgefächerte Angebot aus sechs Fachbereichen. Man kann etwas die Relation verändern. Das muss man zwangsläufig, weil es Situationen gibt, denen man nicht entkommt. Beispielsweise gibt es kaum eine VHS in Baden-Württemberg, die einen so hohen Anteil an Sprachkursen bedient. Dieses Verhältnis ändert sich wahrscheinlich irgend wann einmal zugunsten eines andren Fachbereichs.

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Aber nicht alle Kurse kommen gleich gut an?

Ich erlebe, dass berufliche Bildung abwärts läuft, weil heute schon geschultes Personal in die Unternehmen kommt und nicht so sehr auf unser Zutun angewiesen ist. Wichtig ist mir aber besonders Gesellschaft, Kultur und Politik, weil politische Bildung etwas Essenzielles darstellt. Dazu muss man die Menschen aber geradezu hintragen, damit sie die Veranstaltungen auch wahrnehmen. Da ist es mir sehr darauf angekommen, viele Kooperationspartner an Land zu ziehen, mit denen man gemeinsam das Programm bestückt. Dann läuft es definitiv viel besser, als wenn man selbst ein großes Programm vorhält und keiner kommt.

Da heißt, Sie sind eine gute Netzwerkerin?

Das würde ich mal so behaupten.

Das macht Spaß an der Arbeit und damit den Erfolg aus?

Ja, vor allem weil das Netzwerk auf Gegenseitigkeit beruht und nicht einseitig ist.

Staatliche Schulen unterrichten kostenlos. Die VHS ist aber ein Verein, dessen Arbeit die Stadt finanziell unterstützt. Halten Sie das Modell für zukunftsweisend?

Ich hoffe sehr zukunftsweisend vor dem Hintergrund, wie wir sehr daran gearbeitet haben, dass die Landesregierung die Zuschüsse endlich wieder angehoben hat, und wir uns mittlerweile an den Bundesdurchschnitt angenähert haben. Ich finde, es ist ein Armutszeugnis, wenn ein so reiches Bundesland die höchsten Gebühren hat für Angebote öffentlicher Weiterbildung, die niederschwellig und sozialverträglich sein sollten. Wenn die Förderung beibehalten wird, dann ist es zukunftsträchtig.

Was halten Sie von der landläufigen Ansicht, dass Bildungsangebote, die nichts kosten, auch nicht viel wert sind?

Das ist immer heiß umstritten. Ich muss gestehen, wir fahren da kein konsequentes Konzept. Wir machen ganz viele Dinge einzelfallabhängig. Das Angebot ist überschaubar. Wenn ein Partner an dieser Reihe mitwirkt, müssen wir nicht unbedingt Eintritt verlangen. Man bekommt irgendwoher vielleicht noch eine kleine Förderung dazu oder teilt sich die Kosten, dann ist das in Ordnung.

Sie haben immer auch einen sozialen Blick darauf, was VHS leisten soll?

Ja, doch. Weil, wenn ich etwas anbiete, aber es kann nur der annehmen, der es gar nicht braucht, dann ist mein Angebot nicht zielgruppengerecht.

Sie haben das Kursangebot erfolgreich ausgebaut. Sehen Sie noch Steigerungsmöglichkeiten?

Wir hatten im letzten Jahr vom Verband aus eine Statistikreform. Die sieht einen eigenen Bereich Grundbildung künftig vor. Wir bieten schon seit vielen Jahren Kurse für den Hauptschulabschluss an. Das ist ein Angebot hauptsächlich an Jugendliche, aber auch Erwachsene, die ohne Abschluss geblieben sind. Aber aus den Zahlen, die bekannt sind, könnte ich mir vorstellen, dass in den kommenden Jahren an Grundbildungsangeboten und Heranholen dieser Zielgruppen einiges gemacht werden muss. Da muss man auch mit anderen Einrichtungen kooperieren, die diese Zielgruppen auch zuweisen.

Was bleibt Ihnen als besonderer Erfolg in Erinnerung?

Ich habe ein ganz tolles Mitarbeiterteam, das alles mitgemacht und mitgetragen hat, was hier gelaufen ist. Das ist nicht selbstverständlich, weil die Arbeit, die durch Angebotsvergrößerung aber auch gestiegene bürokratischen Vorschriften sehr viel mehr geworden ist, nicht so viel mehr zusätzliche Arbeitspensen gebracht hat. Aber wir haben nie gesagt, erst mehr Leute und dann machen wir. Wir haben immer anders herum angefangen, geschaut, wie wir das hinbekommen, oder etwas umstrukturieren müssen. Aber die Frage stand auch immer im Raum: Müssen wir weiter wachsen? Aber wenn da plötzlich eine Welle von Menschen kommt, die hier wohnt und man könnte sie versorgen, weil man die Einrichtung hat, dann kann man doch nicht einfach nein sagen. Man muss sie versorgen. Wenn man der einzige Anbieter von Basiskursen wie die Sprachen ist, das haben alle mitgemacht.

Als Sie die Leitung übernommen haben, wussten Sie, was auf Sie zukommt, oder sind Sie ins einfach ins kalte Wasser gesprungen?

Ich glaube, ich war schon sehr mutig und habe zum Glück nicht alles gewusst. Aber da ich immer schon, wo ich mich hineingestürzt habe, es auch komplett wahrgenommen habe, denke ich, dass ich damit gar nicht schlecht gefahren bin.

Was werden Sie vermissen?

Die Struktur, die mir meine Arbeit vorgibt. Ich mag zwar manchmal einen chaotischen Eindruck vermitteln, aber vielleicht liegt das an meiner Spontaneität und Flexibilität, Ich bin ein Mensch, der eine Struktur braucht. Ich möchte wissen, wofür ich etwas tue. Ich bin noch nie ein Mensch gewesen, der einfach so in den Tag hinein lebt. Das mache ich mal einen Tag oder zwei, aber dann wird es langweilig.

Wie definitiv ist denn Ihr Abschied, wenn Sie jetzt als Leiterin in Ruhestand gehen: Kann es sein, dass Sie als Dozentin immer mal wieder zurückkehren?

Wenn ich die Tür zuschließe, bin ich erst mal weg und werde mit dieser Art von Schlüssel erst einmal nicht mehr hereinkommen. Aber die Volkshochschule ist meine große Liebe und die wird mich nicht mehr loslassen, es sei denn, man möchte mich hier nicht mehr sehen, egal aus welchen Gründen. Ich habe schon noch Ideen, die man mit der Volkshochschule verbinden und anderen kleinen Aufgaben kombinieren könnte. Außerdem bin ich Rheinfelderin. Ich wohne in Herten. Die Stadt liegt mir am Herzen. Für mich gehört zum Wohnen, dass ich versuche, mich mit meiner Gemeinde zu identifizieren. Deswegen möchte ich gerne noch etwas mitmischen. Somit werde ich ab und an wieder in Erscheinung treten.

Haben Sie einen guten Rat für Ihre Nachfolgerin?

Ich bin froh, dass hier eine ganz neue Generation antritt. Frau Krenze wird viele Dinge gänzlich anders angehen als ich, und das ist auch gut so. Wenn sie mit Sachverstand und Einfühlungsvermögen die Arbeit hier angeht, wird sie genauso viel Zuspruch und genauso viele Kooperationspartner und Bereitschaft erfahren, wie ich.

Fragen: Ingrid Böhm-Jacob