Herr Zell, die Kundgebung, die Sie am Samstag organisieren, ist nicht Ihre erste. Was ist Ihre Motivation, immer wieder Demonstrationen zu organisieren?

Ja, es ist tatsächlich nicht meine erste Kundgebung. Ich bin Initiator und langjähriger Moderator der Rheinfelder Montagsdemos, die für zehn bis zwölf Jahre wöchentlich stattgefunden haben. Anfangs haben wir gegen die Agenda 2010 und Hartz IV demonstriert. Manche Dinge macht man einfach, meiner Meinung nach ist das eine Pflicht. Man fragt nicht nach, ob es sich auszahlt und direkt eine politische Veränderung bewirkt.

Sondern?

Sehr wichtig ist bei Demonstrationen, gerade bei der aktuell geplanten zum Anti-Kriegstag, etwas gegen die Vergessenskultur zu tun. Man kann sich fragen, was es uns heute noch angeht, dass vor 79 Jahren der zweite Weltkrieg begonnen hat. Doch dieses Thema ist aktueller denn je, man schaue etwa auf den Handelsstreit zwischen den USA und China. Ich sage nicht, dass bald der nächste Weltkrieg ausbricht, aber es gibt viele Anzeichen, die zeigen, dass die Welt nicht sicherer wird. Die Gefahr steigt und dem muss man sich stellen.

Verfolgen Sie mit den Demonstrationen nicht das Ziel, konkret etwas zu verändern, also etwa Harzt IV abzuschaffen?

Doch, Ziel der Montagsdemos war es schon, Hartz IV abzuschaffen, das hat bis heute aber nicht funktioniert. Nicht einmal der Name, der ja auf Peter Hartz zurückgeht, wurde geändert, obwohl die Person keinen sehr guten Ruf hat, etwa wegen der Korruptionsaffäre bei VW. Immerhin haben landesweite Demonstrationen es aber geschafft, in der SPD unter Martin Schulz eine breite Debatte zum Thema Hartz IV auszulösen. Und sie haben es geschafft, dass Hartz IV in der Bevölkerung sehr negativ gesehen wird.

Und warum gibt es die Montagsdemos nicht mehr?

Wir haben die Montagsdemos in Rheinfelden abgebrochen, da es immer weniger Teilnehmer wurden, am Ende waren es noch zehn bis 20 Aktivisten. Derzeit ist das Thema Hartz IV ja nicht mehr das brennende soziale Problem.

Mit der Demo am Samstag greifen Sie zwei der derzeit „brennenden“ Themen auf, Faschismus und Krieg.

Richtig, wir demonstrieren gegen Krieg und die Rechtsentwicklung, auch innerhalb der Politik. Wir glauben, dass durch diese Entwicklung, für die etwa auch Horst Seehofer in Bayern steht, Gruppen wie die AFD und Pegida Aufwind bekommen. Dieses Getrommel gegen Flüchtlinge, dieses Anbiedern mit rechten Kräften, das ist unserer Meinung nach der Grund, warum die rechte Szene so viel Zulauf bekommt.

Das zeigt sich derzeit vor allem im Osten von Deutschland, aktuelles Beispiel ist Chemnitz. Wie schätzen Sie das rechte Potenzial hier in der Region ein?

Es gibt auch hier immer wieder rechtsradikale Ausfälle, in der Vergangenheit etwa in Weil am Rhein. Meiner Meinung nach gibt es auch im Westen ein rechtsradikales Potenzial, vielleicht nicht ganz so groß wie im Osten Deutschlands. Hier in der Region gibt es eine viel stärkere antifaschistische Kultur als im Osten, da hier seit jeher mehr Ausländer sind und daher auch die Solidarität etwa mit Flüchtlingen größer ist. Wir erwarten heute auch einige Teilnehmer aus der Flüchtlingshilfe.

Wen meinen Sie mit wir?

Wir, das sind Einzelpersonen aus verschiedenen Bewegungen, etwa der Frauen-, der Umwelt- oder der Flüchtlingsbewegung, der Gewerkschaftsbewegung und von der Friedensbrücke in Lörrach. Im Kern sind wir etwa 20 Menschen. Für die aktuelle Demo haben wir uns zu sechs Vorbereitungssitzungen getroffen. Die erste Frage war, ob wir überhaupt eine Demo gegen Krieg und Faschismus in der Region starten wollen, da es die nächste erst wieder in Müllheim gibt. Die klare Antwort war: Ja. Die zweite Frage war die nach dem Wo. Da haben wir uns für Rheinfelden entschieden, da es hier durch die Montagsdemos ja eine gewisse Tradition gibt. Wenn die Kundgebung erfolgreich ist, können wir uns vorstellen, sie in den kommenden Jahren in weiteren Städten, etwa Lörrach, Weil am Rhein oder Schopfheim, durchzuführen.

Und wann ist die Demo erfolgreich?

Wir haben uns beim ersten Mal keine großen Ziele gesetzt, da wegen der Urlaubszeit viele Menschen nicht da sind. Mit 20 bis 30 Teilnehmern wären wir schon zufrieden. Außerdem ist der Anti-Kriegstag nicht sehr bekannt. Auch das soll die Demo ändern.

Fragen: Elena Borchers