Wer vom Ausstellungspavillon den Natur-Energieweg etwa hundert Meter rheinaufwärts geht, kann dort von der Dolivo-Plattform auf das Aufstiegsgewässer sehen, das den Oberwasserkanal des alten Kraftwerks ersetzt hat.

Michael Ossipowitsch von Dolivo-Dobrowolsky, wie sein komplizierter voller Name lautet und der maßgeblich für die technische Ausstattung des ersten großen europäischen Flusskraftwerks in Rheinfelden verantwortlich war, starb am 15. November 1919, also vor 100 Jahren, mit 57 Jahren in Heidelberg. Beerdigt ist er in Darmstadt, wo auch seine Ausbildung an der dortigen Technischen Hochschule begann.

Er prägte die Bezeichnung „Drehstrom“

Dolivo-Dobrowolsky hat eine überragende Bedeutung für die Entwicklung der Elektrotechnik, speziell des dreiphasigen Wechselstroms oder auch bekannter als Drehstrom. Dieser Begriff geht auch auf ihn zurück. Er war nicht der erste, der als Alternative zum Gleichstrom mit ein- beziehungsweise mehrphasigem Wechselstrom experimentierte, aber er war derjenige, der als Ingenieur, später auch Chefingenieur der AEG in Berlin, zwischen 1888 und 1891 den ersten dreiphasigen Käfigläufermotor entwickelte und zur Serienreife brachte.

Stromtransport über 175 Kilometer

Den Durchbruch verschaffte ihm 1891 die Internationale Elektroausstellung in Frankfurt a.M., wo die deutsche AEG und die Schweizer Firmen Maschinenfabrik Oelikon und Escher Wyss zum ersten Mal über eine Strecke von 175 Kilometer von Laufen a. Neckar bis Frankfurt Wechselstrom transportierten, der dort die 1000 Lampen des Eingangstors erglühen ließ und einen 100-PS-Motor in Gang setzte, der einen Wasserfall betrieb.

„50 Hertz“ tritt den Siegeszug an

Die neue Technik fand Eingang bei den zehn Wechselstromgeneratoren des Rheinfelder Kraftwerks, die hier mit der Frequenz von 50 Hz (Hertz) betrieben wurden. Dolivo-Dobrowolsky war persönlich in Rheinfelden anwesend, um Einbau und Funktionsweise zu überprüfen. Von Rheinfelden aus traten Drehstrom und 50-Hz-Frequenz ihren Siegeszug an. Das weltweit erste große Kraftwerk, das Nicola Tesla 1895 an den Niagara Fällen baute, verwendete zweiphasigen Wechselstrom bei einer Frequenz von 25 Hz und war ein Inselbetrieb. Rheinfelden besaß also das innovativere Kraftwerk.

Von St. Petersburg an den Hochrhein

Dolivo-Dobrowolsky war ein echter Europäer. Er wurde in der Nähe von St. Petersburg am 2. Januar 1862 geboren und hatte polnische Wurzeln. Seine Mutter stammte aus einer griechischen Familie in Odessa. Sein gesamtes Wirken spielte sich weitgehend in Deutschland ab, was ihn aber nicht hinderte, bei einem vierjährigen Aufenthalt in Lausanne die Schweizer Staatsangehörigkeit zu erwerben. Von 1987 bis 1903 und dann wieder von 1907 bis 1919 war er in leitender Funktion bei der AEG in Berlin tätig, zuletzt als technischer Direktor der Apparatefabrik und stellvertretendes Vorstandsmitglied.

Übrigens: Nach seinem „Chef“ und Förderer Emil Rathenau, dem Generaldirektor der AEG und „Gründungsvater“ Rheinfeldens, ist die zweite Plattform am Rhein benannt.