Der strahlende Sonnenschein am Ostersamstag sorgte für pulsierendes Leben in der Fußgängerzone. Die Menschen sind meist eilig unterwegs, doch auf dem Oberrheinplatz halten viele erstaunt inne: Vor ihnen stehen jede Menge bunte Stühle, die von Frauen, Männer und Kindern mit ganz besonderen Botschaften kreativ bemalt, beschrieben oder gestaltet werden. Ein Schild erklärt, um was es geht: „Asylstühle gestalten – Landesweite Aktion „Platz für Asyl in Europa“.

Mindestens 700 sogenannte Asylstühle sollen am 15. Mai im Vorfeld der Europawahl auf dem Marktplatz in Stuttgart als Installation ausgestellt werden. Jeder soll zeigen, wie groß das Engagement für Asyl in der Gesellschaft ist und dass Menschen bereit seien, Fremde aufzunehmen und viele nicht einverstanden sind mit einer Politik der Abschottung und Ausgrenzung. Veranstalter sind der Freundeskreis Asyl, das Diakonische Werk im Landkreis Lörrach sowie Jörg Hinderer, Beauftragter für Flucht und Migration im evangelischen Kirchenbezirk Markgräflerland. Jeder Passant kann sich beteiligen.

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Zunächst getrauen sich wenige, zeigen aber Interesse. „Keine Zeit, kann ich wenigstens etwas spenden“, fragt jemand. Jörg Hinderer freut sich, denn, so betont er, es gehe in erster Linie nicht darum, dass Leute Stühle bemalen, sondern, dass sie stehen bleiben, neugierig sind und nachdenken, „das ist das wichtige Ziele der Aktion“. Herwig Popken fügt an, dass man symbolisch den Menschen aufzeigen müsse, „dass etwas Schlimmes passiert, was mit unseren Werten nicht übereinstimmt“, es müsse heißen „Menschenwürde statt Bürokratie“.

Eine Frau mit Fahrrad hält an, sie habe es zwar eilig, lässt sich aber von Eva Schlenker-Gorenflo informieren. Sie zeigt ihren fertigen Stuhl (vom Sperrmüll), bemalt mit vielen Augen für „Augenblicke der Hoffnung, des Lebens, Friedens, der Hilfe“, denn so ihre Erfahrung: „Wenn man einem Asylsuchenden in die Augen schaut, sagt das viel aus, da braucht man die Sprache nicht zu verstehen.“ Von denen, die stehenbleiben, gibt es immer wieder zustimmende Meinungen.

Beim Bemalen der Asylstühle zeigten die Teilnehmer erstaunliche Kreativität.
Beim Bemalen der Asylstühle zeigten die Teilnehmer erstaunliche Kreativität. | Bild: Claudia Gempp

Auch die Schwestern Thanika und Lagitha Annalingam aus Sri Lanka sowie der Künstler Konrad Grund aus Hausen und Mitglied der Fahrradwerkstatt, sind aktiv. Sie grundieren weitere Stühle mit Lack. Es macht ihnen sichtlich Spaß, „weil es mit Menschen zu tun hat und wir uns damit für die Asylarbeit engagieren können“. Es seien zwar leere Stühle, weil der Mensch fehlt, meint Grund, „aber bei uns werden sie lebendig“. Zwei Frauen unterhalten sich mit Jörg Hinderer. Sie wollen zwar keinen Stuhl gestalten, seien aber bewusst gekommen. Die eine, Friedrun Meyer aus Nördlingen in Bayern, ist zu Besuch in Rheinfelden. Seit 20 Jahren sei sie in der Asylarbeit tätig und jetzt wolle sie sehen, wie die Idee mit den Stühlen angenommen wird, um sie eventuell in ihrer Heimat zu verwirklichen.

Zeichen für Freiheit und Frieden

Auch Elodie Alb Martin und ihr neunjähriger Sohn Alois bleiben stehen, obwohl „wir eigentlich einkaufen wollen, aber das hier ist wichtiger“. „Gibt es einen Stuhl für Alois“, fragt die Mama. Der Junge weiß, dass es „um Asyl geht“. Er möchte einen blauen Himmel mit weißen Wolken malen, als Zeichen für Freiheit und Frieden. „Hier ist ein blauer Stuhl für dich“, sagt jemand. Den will Alois nicht, weil die Sitzfläche blau ist, „aber der Himmel ist doch oben“. Er bekommt einen anderen Stuhl und beginnt andächtig, die Lehne mit weißen Wolken zu bemalen.

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Immer mehr vollendete Asylstühle ziehen die Blicke auf sich, jeder drückt etwas anderes aus, vieles macht betroffen, so wie der Stuhl, den Hinderer, Irmtraud Jerger und Rüdiger Lorenz gemeinsam gestalten: Ein Kinder-T-Shirt über der Lehne, darauf der Name „Aylan“ und ein Schild mit dem Wort Seebrücke. Der Stuhl führt ein grausames Flüchtlingsschicksal vor Augen, das von dem zweijährigen Aylan, einem syrisch-kurdischen Jungen, dessen Leichnam nach Ertrinken 2015 an der türkischen Mittelmeerküste angeschwemmt wurde. Deshalb soll der Stuhl auch als Hinweis auf Initiative „Seebrücke – die schafft sichere Häfen“ verstanden werden, sagt Hinderer.

Die Flüchtlingsmädchen Sali und Yara wählen für ihren Stuhl die Farben Schwarz, Rot, Gold – weil so die deutsche Flagge aussieht und „wir leben ja jetzt hier“. Ansonsten wird oft die Farbe Blau für Wasser gewählt, auch bei dem Stuhl, auf dessen Lehne das Bild eines Flüchtlings geheftet ist. Drumherum drapiert Eva Schlenker-Gorenflo eine Rettungsdecke aus dünner Goldfolie – man denkt sofort an die aus Booten oder dem Meer geretteten und mit solchen Decken geschützten Flüchtlinge.

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30 Stühle, schätzt Hinderer, könnten bei den Aktionen im Landkreis zusammen kommen, und weil bei dem bereits in Lörrach veranstalteten Projekt etliche Leute gefragt haben, ob sie so einen Stuhl haben könnten, sei, wenn alle aus Stuttgart zurückkommen, eine Versteigerung geplant, sagt er. Der Erlös soll für die Asylarbeit verwendet werden.