Rheinfelden – Der Wald kann vieles sein: Lebensraum für Pflanzen und Tiere, Arbeitsplatz, Wirtschaftsraum und Erholungsort. Sein sensibles Ökosystem muss gehegt und gepflegt werden, wird jedoch auch immer wieder bedroht, oftmals durch den Menschen selbst. In einer Serie stellen wir den lokalen Wald mit all seinen Facetten vor. Heute berichtet Revierförster Gerd Fricker über einen Schädling, der ihm große Sorgen macht: den Borkenkäfer.

Weil das Jahr bisher wieder viel zu milde und warm sei, könnten sich die Borkenkäfer gut vermehren. „Wenn es im kommenden Winter keinen starken langen Frost mehr gibt, hat der Käfer 2019 leichtes Spiel mit den wenigen Fichten, die es überhaupt noch gibt“, befürchtet Fricker.

Im Gewann Herzogenegerten im Eichsler Wald hält er seinen Jeep an einem Stapel Baumstämme. Mit dem Beil entfernt er ein armlanges Stück Rinde. Wie erwartet, findet er darunter ein symmetrisches Muster: zwei parallele Striche und viele kleine Äste, die seitlich davon abgehen. Das Holz darum herum ist deutlich dunkler: Der Anblick sieht eigentlich ganz hübsch aus.

Weniger hübsch ist, was sich in diesen Linien, die sich auf den zweiten Blick als Gänge in der Rinde entpuppen, bewegt: schwarze kleine Käfer, etwa fünf Millimeter lang, und viele weiße Larven – erwachsene Borkenkäfer und ihre Nachkömmlinge. Genau genommen handelt es sich um den Buchdrucker, einen der 400 Borkenkäferarten in unseren Breitengraden, und beim Holz um Fichte, seine Lieblingsspeise. „Der Käfer frisst und gräbt sich Gänge ins Holz und legt dort seine Eier ab“, erklärt Fricker. In frühestens drei Wochen seien die Larven erwachsen und flögen wie ihre Eltern aus, um sich neue Bäume zu suchen und dort Eier zu legen.

Eine gesunde, kräftige Fichte könne Hunderte Borkenkäfer ertragen, ohne Schaden zu nehmen. Leider gebe es auf dem ganzen Dinkelberg keine gesunden, kräftigen Fichten, so Fricker. Das natürliche Habitat der Fichte liege nämlich in Höhen über 1000 Meter. Der Mensch habe sie aus forstwirtschaftlichen Gründen in unserem Klima angepflanzt, das ihr weniger und weniger bekomme. Heute macht der Anteil der Fichten am Baumbestand im 1300 Hektar großen Stadtwald laut Fricker nur noch 14 Prozent aus: „Vor zehn Jahren waren es noch 21 Prozent und davor nochmal mehr.“ Als Flachwurzlerin, deren Wurzeln gerade 40 Zentimeter in den Boden reichten, sei die Fichte besonders anfällig für Stürme; entsprechend habe auch „Burglind“ zu Jahresbeginn hauptsächlich Fichten umgeworfen oder gebrochen: die perfekte Brutstätte für Buchdrucker.

Das Landratsamt hat deshalb vor wenigen Tagen eine Mitteilung an alle privaten Waldbesitzer herausgegeben, dass alles Totholz aus dem Wald gebracht werden solle. Nur so könne verhindert werden, dass sich der Buchdrucker auf lebende Fichten ausbreite. Eine Alternative könne sein, die gefällten Baumstämme zu entrinden, sagt Fricker: „Dann liegen die Larven offen und werden von Wespen und Hornissen gefressen.“ Der Revierförster bittet alle privaten Holzbesitzer, ihren Bestand wöchentlich zu kontrollieren. Aus Erfahrung weiß er, dass sich der Borkenkäfer nach Jahren mit Bedingungen wie diesen in den drei Folgejahren stark vermehrt, bevor die Population dann zusammenbricht. Nur nach Lothar seien es sogar sechs Jahre gewesen.

Skeptischer Blick: Revierförster Gerd Fricker zeigt ein Stück Rinde. Er befürchtet in den kommenden Jahren eine starke Vermehrung des Borkenkäfer, des Buchdruckers. Bild: Boris Burkhardt
Skeptischer Blick: Revierförster Gerd Fricker zeigt ein Stück Rinde. Er befürchtet in den kommenden Jahren eine starke Vermehrung des Borkenkäfer, des Buchdruckers. Bild: Boris Burkhardt

Im Degerfelder Gewann In den Aumatten hat Fricker drei, vier befallene Fichten ausgemacht. Das konnte er schon von weitem; denn die Nadeln ihrer Kronen haben eine ungesunde rote Farbe angenommen. Als er unter dem Baum steht, findet Fricker schnell die Einstiegslöcher der Käfer. Auch das Sägemehl am Fuße des Baums, das laut Fricker aussieht wie „frisch gemahlener Kaffee“, ist ein eindeutiges Indiz für den Befall. Und dann entdeckt der Förster noch etwas ganz Seltenes: Ein Käfer schaut mit dem Kopf aus der Borke heraus; er wurde in dieser Position vom Baumharz eingeschlossen und ist so verendet. „Er merkte, dass der Baum ihn mit dem Harz ersticken wollte, konnte aber nicht mehr rechtzeitig fliehen“, sagt Fricker bewundernd über die Mechanismen der Natur: Denn auch die Fichten sind nicht völlig wehrlos gegen ihre Feinde – wenn sie nur noch gesund und kräftig genug dazu sind.