Der Bandname Tschernobyl soll provozieren. Provozieren möchte die Hertener Punkrockband auch mit ihren Songtexten. Privat sind die drei jungen Männer, die seit etwa 15 Jahren zusammen Musik machen, jedoch ziemlich angepasst – und das trotz Vogelspinnen im Keller.

Stefan Berndt stolziert in kurzer Hose, seine Bassgitarre umgeschnallt, breitbeinig wie eine Spinne über die Bühne, rotiert auf dem Rücken wie ein Break-Dancer und springt agil in die Luft. Tobias Baier raunzt derweil in treibender Monotonie zu seiner immer schneller werdenden Gitarre die einzige Textzeile des Lieds: „Walter, Walter, Walter, druck dr Schalter.“ Das Publikum johlt und hat den Text sofort verinnerlicht.

Hier im „White Rabbit“ in Freiburg, so weit weg von zu Hause, hatte die Hertener Deutschpunkband Tschernobyl ein einziges Mal auf ihren Evergreen – den einzigen auf Alemannisch – verzichten wollen. „Aber selbst in Freiburg gab es Leute, die uns kannten und das Lied forderten“, erzählt Baier viel später. Beim Auftritt der Band beim Konzert „Metal versus Punk“ am kommenden Samstag im Tutti Kiesi wird Tschernobyl auf ihre Bekanntheit als Lokalmatadore setzen müssen: Denn sie spielen als erste Band um 19 Uhr und müssen das Publikum aufwärmen.

Andererseits dürfte das Berndt (33) aus Herten, Baier (35) aus Warmbach und, seit 2017 dabei, dessen Cousin Felix Siegmann (26) aus Müllheim am Schlagzeug kaum schwerfallen: Sie sprühen vor Humor und Selbstironie und holen die Zuhörer absichtlich auf so niedrigem Niveau ab, dass fast jeder Partymuffel mithopst. Daneben gibt es nachdenkliche und gesellschaftskritische Texte, etwa über den Klimawandel (in dem zwar nicht Tschernobyl, aber Fukushima erwähnt wird). Berndt sagt: „Wir spielen alles durcheinander, Hauptsache, es passt nicht zusammen.“ Und Baier ergänzt im Rückblick auf die 15-jährige Bandgeschichte: „Älter sind wir ja geworden, aber nicht besser. Wir sind uns treu geblieben.“

20 Jahre alt war Baier, und Berndt 18, als sie sich 2005 im St. Josefshaus während der Ausbildung zum Heilerziehungspfleger kennenlernten. Eine richtige Bandschmiede sei das St. Josefshaus gewesen, erklären die Beiden: Die Metalcore-Band Fear My Thoughts und die Rap-, Rock- und Raggaeband Die Jungs ausm Hof fanden dort in den 90er Jahren zusammen.

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Baier und Berndt entschieden sich für Punk. Weil Berndt von seinem Vater eine Bassgitarre geschenkt bekommen hatte, „obwohl ich gar keinen Bass spielte“, war die Verteilung der Instrumente schnell geregelt. Der Bandname war ebenfalls schnell gefunden und hat außer der Provokation keine tiefere Bedeutung. Zunächst hüpften und raunzten Baier und Berndt noch ohne Schlagzeuger, der aber in Person von Benjamin Dietz noch vor dem ersten Auftritt in einem Keller in Beuggen vor 20 bis 30 Leuten dazukam. Weitere Auftritte folgten im renommierten Szeneschuppen „Sternen“ in Auggen, in der mittlerweile abgerissenen, damals besetzten „Villa Rosenau“ in Basel sowie 2012 auf dem von der Polizei wegen fehlender Genehmigung abgebrochenen Festival „Chainsaw Massacre“ auf einer Wiese bei Steinen, wo Tschernobyl zwei Stunden lang spielte.

2007 veröffentlichte die Band das Demotape „Kot für die Welt“, 2012 das bisher einzige Album „Verlange nichts – warte ab“. Lokal trat die Band im Jugendraum „Morgenrot“ in Herten auf, 2008 auf dem Markhof-rockt-Festival, das ihr Arbeitgeber organisiert, und 2017 bei der Kulturnacht Rheinfelden (am 8. Mai 2020 erneut) sowie 2016 auf dem Crossover in der Hertener Scheffelhalle, wo sie mit den unterschiedlichsten Hertener Musikern spielte.

Kann man bei so viel Integration in seinen Wohnort noch Punk sein? Baier hat drei Kinder – alle von derselben Frau, aber die ersten zwei unehelich, wie er betont, um dem Eindruck von zuviel Spießigkeit vorzubeugen. Berndt zwei Kinder und ein Haus. Immerhin hält er sich im Keller, in dem das Interview stattfindet, Vogelspinnen.