Weiheämter für Frauen, die Aufhebung des Zölibats: Es sind große Fragen, die die katholische Kirche in Deutschland derzeit umtreiben. Eine Antwort darauf erhofften sich viele Christen nach der Amazonas-Synode im Oktober. Am Mittwoch hat Papst Franziskus nun sein nachsynodales Schreiben veröffentlicht und darin die Hoffnung vieler Reformer zerschlagen. Kein Wort zum Zölibat, keines zur Rolle der Frau. Auch die Engagierten der hiesigen Seelsorgeeinheiten zeigen sich enttäuscht.

Michael Oertlin bezeichnet sich selbst als progressiven und der Ökumene zugewandten Katholiken. Gerade von Papst Franziskus hätte er sich daher mehr erhofft. „Wenn nicht er, wer dann?“, fragte der Pfarrgemeinderatsvorsitzende von Grenzach-Wyhlen. Sicherlich habe beim Thema Zölibat oder Weiheämter für Laien und Frauen niemand einen Freibrief erwartet. Aber mögliche Ausnahmeregelungen für die Amazonas-Region hätten auch eine Reform in der deutschen Kirche möglich gemacht. „Die relativ eindeutige Stellungnahme des Papstes ist enttäuschend und entmutigend“, sagte Oertlin. Er könne sich vorstellen, dass dies nun für viele Katholiken der Schlusspunkt ist und Kirchenaustritte folgen. „Wie kann Kirche den Menschen nahe sein, wenn sie sich aus der Fläche zurückzieht, also nicht mit (geweihten) Amtsträgern vor Ort präsent ist – eine Frage, die ja auch die Menschen hier bei uns im Zusammenhang mit Pastoral 2030 bewegt“, sagte Oertlin auf Nachfrage dieser Zeitung. Bei der Reform im Erzbistum Freiburg, in der die Zahl der Pfarreien von mehr als 1000 auf 40 reduziert werden soll, kommt gerade den Ehrenamtlichen eine gesteigerte Bedeutung zu. Sie sollen in Gemeindeteams Aufgaben vor Ort übernehmen.

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Dazu werden sicherlich auch viele Frauen zählen. Doch für sie wird es auch künftig keinen Zugang zu Weiheämtern geben. In dieser Diskussion fehlen Oertlin, selbst Vater von drei Töchtern, schlicht die Argumente, warum Frauen nicht auch den vollen Zugang zu geistlichen Ämtern erhalten sollten. Und nur die Begründungen, „es war schon immer so“ und „der Papst und die Kirche möchten es so“, seien für ihn ganz schwache Argumente.

Gerade, was die Rolle der Frau in der Kirche betrifft, hätte sich auch Doris Portmann von der Frauengemeinschaft St. Elisabeth Karsau mehr Offenheit vonseiten des Papstes gewünscht. „Ich hätte gedacht, er wäre nicht so konservativ“, sagt sie. So viele Frauen engagierten sich im Hintergrund, ohne sie würde vieles in der Kirche nicht funktionieren. Allein die Frauengemeinschaft Karsau hat etwa 130 Mitglieder.

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Besonders schade findet sie die Entscheidung für junge Frauen und Mädchen, die sich in der Kirche engagieren. „Früher wurden nur Jungs Ministranten, heute haben wir bestimmt 80 Prozent Mädchen.“ Auch der konfessionsübergreifende Zusammenhalt ist Portmann sehr wichtig. „Wir sind hier sehr um Ökumene bemüht, und das kommt bei den Menschen sehr gut an.“ Dennoch befürchtet auch sie, dass die Entscheidung des Papstes zu weiteren Kirchenaustritten führen wird.

Auch wenn Beate Lahoz, Vorsitzende der Frauengemeinschaft St. Josef, diese Angst nicht unbedingt teilt, ist auch sie enttäuscht von dem Ergebnis der Synode. „Wir haben sogar im Herbst in Freiburg für Neuerungen demonstriert“, sagt sie. Aber mit dem Papst sei es eben wie mit der Regierung: „Wenn da jemand sitzt, der nicht will, kann man nichts machen.“

Wie es weitergehen soll, weiß Lahoz nicht so genau, schließlich gebe es immer weniger Priester und auch die Frauengemeinschaft – derzeit hat sie 220 Mitglieder – schrumpfe. „Das ist einfach nicht mehr so zeitgemäß, immer mehr Frauen haben viele Hobbys und sind berufstätig, da bleibt nicht mehr viel Zeit für ein Ehrenamt“, erklärt Lahoz.

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Und dennoch sind es gerade Frauen, die sich in der Kirche engagieren, wie auch der Rheinfelder Dekanatsreferent Matthias Wößner weiß. „Wenn alle Frauen, die in der Kirche aktiv sind, aufhören würden, könnten wir den Laden dicht machen.“ Was diesen Bereich angehe, „haben wir ein entscheidendes und notwendiges Signal verpasst.“ Aber auch wenn die Antwort auf die großen Fragen, die die deutsche Kirche umtreiben, enttäuschend sei, findet Wößner in dem päpstlichen Schreiben auch Ermutigendes. „Dass Franziskus die ökologische und soziale Frage miteinander verknüpft, ist ein großer Gewinn.“ Ebenso, dass die Rolle der Laien in den Kirchengemeinden gestärkt werden soll.

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Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt die Seelsorgeeinheit Rheinfelden: Bis ein leitender Pfarrer gefunden ist, führen Wößner, Pastoralreferent Kassian Burster-Hake und Dekan Gerd Möller die Einheit gemeinsam. Und: „Die Diskussionen um Weiheämter für Frauen wird und muss weitergehen“, ist sich Wößner sicher. Die Tür sei nicht verschlossen, gleichwohl sie sich nach der Synode auch nicht weiter geöffnet habe.

Klaus Blechschmitt aus Nollingen ist Mitglied des Pfarrgemeinderats der Seelsorgeeinheit Rheinfelden. Er ist „sehr enttäuscht“ über den Ausgang der Synode und macht sich Sorgen darüber, was dieser für die im März anstehende Neuwahl des Pfarrgemeinderats bedeuten könnte. „Da wird es sicher schwierig, Menschen zu finden, die das noch machen wollen“, sagt er. Dennoch ist er optimistisch: „Das ist zwar ein Schlag, mit dem wir fertig werden müssen, aber wir hier vor Ort können trotzdem etwas bewirken. Hier gibt es viele tolle Leute und tolle Ansätze.“ Dieser Meinung ist auch Oertlin: „Ich möchte die Botschaft weitergeben, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern vor Ort das Gespräch mit der Kirche zu suchen.“

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