Ein geheimnisvolles Mädchen, das einem Dichter den Kopf verdreht, ein Kommissar in Kur, der auf eine Leiche im Solebad stößt, und ein Schriftsteller, der sich jahrzehntelang in einem Haus versteckte: Solche spannenden Geschichten erzählte Martina Kuoni am Sonntag bei ihrem Literaturspaziergang durch das schweizerische Rheinfelden. Eine Gruppe von 20 literaturbegeisterten Besuchern folgte ihr bei dieser Altstadttour unter dem Titel „Literarischer Tatort Rheinfelden“. Kuoni hat in den Rheinfelder Neujahrsblättern, in Stadtchroniken und Archiven recherchiert und lotste die Gruppe zu besonderen Orten im Zähringerstädtchen.

Der erste Halt war vor dem Haus zum Atlas in der Marktgasse, wo 1819, also vor fast 200 Jahren, ein auffallend schönes Mädchen auftauchte: die 17-jährige Maria Meyer, die in diesem Haus als Haushaltshilfe arbeitete. Die sprunghafte Maria landete auf Wanderschaft mal hier, mal dort, die Männer verfielen der Schönheit. Auch der Dichter Eduard Mörike geriet in den Bann dieser Femme fatale, schrieb ihr Liebesbriefe und verewigte sie in den Peregrina-Gedichten.

Nächste Station war ein schmales enges Haus in der Futtergasse, wo sich Gottlieb Otto Hausmann im zweiten Stock 20 Jahre lang verborgen hielt. Man nannte ihn den „Kastenmann“, weil er sich immer, wenn jemand kam, im Schrank versteckte. Kuoni erzählte die Geschichte des Mannes, der in dubiose Geldgeschichten verstrickt war und untertauchte. Seine Frau versorgte ihn im Versteck im Haus. Er war auch Schriftsteller, schrieb Geschichten, Anekdoten, Gedichte und Berichte, brachte das „Vagabunden-Brevier“ heraus und tauchte erst 1970 wieder in der Öffentlichkeit auf, mittellos, und wurde zu einem Stadtoriginal in Rheinfelden.

Vor dem Schulhaus Hugenfeld erzählte Kuoni einiges über die Rheinfelderin Elsa Steinmann-Brunner (1901-1973), Tochter des damaligen Stadtammanns, die in diesem Gebäude zur Schule ging. Sie wurde Schriftstellerin, schrieb über 30 Jahre lang Kinder- und Jugendbücher, aber auch Romane für Erwachsene. Weiter ging es zum Hotel Schützen, wo Kuoni über Rheinfelden als einstigen berühmten Badekurort erzählte. Zu den ersten prominenten Badegästen im 19. Jahrhundert zählte der weithin geschätzte Staatsmann, Schriftsteller und Bestsellerautor Heinrich Zschokke. Kuoni las Passagen aus Briefen, in denen Zschokke den Kuralltag beschreibt.

Mord-Horst streift durch die Gassen

In der Wagengasse, vor dem Wandgemälde „Ein Schneider befreit Rheinfelden“, erklärte Kuoni, wie das Städtchen zum Krimischauplatz wurde. Der Berliner Krimiautor Horst Bosetzky dachte sich als Auftragswerk für ein Krimifestival den Kurzkrimi „Stimulus“ aus, der in Rheinfelden spielt. Darin geht es um einen Krimi-Schriftsteller, der einmal nicht nur in seinen Büchern, sondern in echt einen Mord begehen will. So schleicht dieser „Mord-Horst“ durch die Gassen der Stadt und zum Inseli, immer auf der Suche nach einem Opfer.

Auch der Basler Autor Hansjörg Schneider ließ seinen Kommissär Hunkeler schon hier ermitteln. Im Roman „Hunkeler und die goldene Hand“ ist der Kommissär gerade zur Kur im Solbad eines Hotels, als plötzlich eine Leiche im Schwimmbecken treibt.