Freude und Erleichterung empfindet die Schulleitung mit Wolfgang Bocks und Regina Wessely darüber, dass eine schwierige Phase zu Ende geht und sich das Durchhalten gelohnt hat. Endlich besteht für die VHS als Träger Planungssicherheit und für die Große Kreisstadt erfüllt sich ein politischer Wunsch als Bildungsstandort.

Vor wenigen Tagen ist die Nachricht in Rheinfelden eingetroffen. Was im Amtsdeutsch mit „Verleihung der Eigenschaft einer anerkannten Ersatzschule“ bezeichnet wird, ist die für den eigenständigen Lehr- und Prüfungsbetrieb notwendige staatliche Anerkennung. „Der Jubel unter den Anwesenden war groß“, erinnert sich Wolfgang Bocks an den Abschluss der Feier für die vier Absolventen des Jahres. Damit geht ein über einjähriges Prozedere zu Ende, das die Beteiligten vor Ort auf eine Geduldsprobe stellten.

Die Änderungen

Mit der Anerkennung kann das Abendgymnasium alle Prüfungen ohne Einschränkung selbst abnehmen und die Schüler, die mit mindestens zweijähriger Berufserfahrung zum Abitur kommen wollen, können sicher sein, dass ihr Abschluss als gleichwertig mit dem allgemeinbildender Gymnasien gilt. Finanzielle Vorteile bringt die Anerkennung indes nicht.

Neu ist, dass die Lehrergehälter vom Land erstattet werden und es jetzt für den Träger einen Pro-Kopf-Zuschuss für die in Deutschland lebenden Schüler gibt. Mit der staatlichen Anerkennung können Verträge im Angestelltenverhältnis geschlossen werden, was zur zuverlässigen Unterrichtsplanung beiträgt. Bisher wurde vor allem auf Honorarbasis unterrichtet. Für die Pensionäre wird dies auch so bleiben, meint Regina Wessely, die Gemeinschaftskunde und Wirtschaft gibt. Für junge Lehrer, die etwa in Elternzeit sind, gibt es aber eine neue Perspektive.

Die Grundvoraussetzung erfüllt das Abendgymnasium: Mindestens zwei Drittel der Lehrkräfte verfügen über das zweite Staatsexamen und fünf Pflichtfächer werden geboten. Das sind: Englisch, Mathematik, Deutsch, Geschichte/Gemeinschaftskunde und Biologie sowie als sechstes Fach, um an der Uni Basel zu studieren, Physik und Geografie. Wie viele Schüler pro Klasse unterrichtet werden, sei nicht schriftlich fixiert, heißt es im Redaktionsgespräch mit Schulleitung und VHS-Führung.
 

Schüler des Abendgymnasiums.
Schüler des Abendgymnasiums. | Bild: Boris Burkhardt

Wessely spricht beim Idealziel von zehn bis 14 Schülern pro Klasse, denn „ein, zwei springen ab“, weiß Wolfgang Bocks aus Erfahrung. Die Anmeldungen fürs kommende Schuljahr laufen vielversprechend, acht sind schon da. Das Abendgymnasium in Rheinfelden deckt den Bedarf für den gesamten Hochrhein bis nach Laufenburg, sagen die Leiter, erst in Konstanz gibt es das nächste. Die große Nachfrage auf dem zweiten Bildungsweg zum Abitur zu kommen, entwickelte sich in den 1970er/80 Jahren. Inzwischen, beobachtet Wessely, gebe es auch einen Bedarf „im Migrantenmilieu“; in der Regel wollen sich die Teilnehmer, die diesen harten Weg auf sich nehmen, über das Abitur beruflich zu verbessern.

Aus dem aktuellen Abi-Jahrgang wollen zwei an der Dualen Hochschule studieren, eine Absolventin Architektur und eine orientiere sich noch. Im nächsten Jahr wird es keine Abiturienten gegen, das sei den Unsicherheiten im Vorfeld der Anerkennung geschuldet, heißt es dazu von Leitungsseite. Aber vom Schuljahr 2018 wird der Pavillon an der Hartdtstraße zu erweitern sein, weil dann auf jeden Fall eine dritte Klasse unterrichtet wird, erläutert Gaby Dolabdjian die weitere Entwicklung.

Schulleitung und Träger zollen allen, die sich drei Jahre am Abend fürs Abitur engagieren, große Anerkennung. „Das bewundere ich“, meint Wolfgang Bocks, der auch weiß, dass Betriebe diesen Abschluss ebenso sehen und wissen, dass die Absolventen Durchhaltevermögen haben, wenn sie drei Jahre lang am Abend fünf Unterrichtsstunden absolvieren.

Der Weg zum Abitur

Schüler müssen als Grundvoraussetzung den Nachweis von mindestens zweijähriger Berufstätigkeit und den Nachweis des mittleren Bildungsabschlusses vorlegen. Das Mindestalter liegt bei 19 Jahren. Nach oben gibt es aber keine Begrenzung. Jeder in Deutschland lebende Schüler zahlt ein monatliches Schulgeld von 65 Euro zur Deckung der Kosten des Schulträgers.

Das Abendgymnasium

Wer sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg in drei Jahren nachholen möchte, kann sich beim Abendgymnasium der VHS Rheinfelden über die Bedingungen informieren unter: per E-Mail an leitung@agy-rheinfelden.de, sowie unter der Telefonnummer 07623/724016. Auf dem Weg zum Abitur können für die letzten drei Kurshalbjahre Bafög beantragt werden.