Rheinfelden „Es gibt immer etwas zu tun“

Menschen aus aller Welt sind in der Gemeinschaftsunterkunft Schildgasse untergebracht. Für fast 400 Flüchtlinge aus 26 Nationen ist Sarah Steiner als Heimleiterin zuständig. Über den Alltag in der Unterkunft für Asylbewerber und die Schwierigkeiten der Verwaltung spricht sie im Interview. 

 

Frau Steiner, die Gemeinschaftsunterkunft beherbergt bis zu 400 Leute. Worin besteht für Sie als Generalmanagerin die Schwierigkeit und Herausforderung der Verwaltung?

Wir haben eine Kapazität von 394 Personen und laut Statistik vom Januar sind wir im Augenblick mit 377 Menschen belegt. Die Zahl ändert sich aber jede Woche. Das Schwierige ist, klar zu machen, dass das, was wir hier anbieten, vorübergehend ihr Zuhause darstellt. Da kommen auch Leute zusammen in den Zimmern, die sich gar nicht kennen. Es ist beengt, es gibt gemeinsame Küchen und Sanitäranlagen.

Hier leben Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturen auf engem Raum, da entstehen Missverständnisse aus Unkenntnis einer anderen Lebensweise. Wie sehen die verbindlichen Regeln fürs Miteinander in der Unterkunft aus?

Es gibt grundsätzlich unsere Hausordnung. Die gilt für alle. Die Sozialbetreuung macht dazu auch ein Willkommenstreffen mit Hinweisen, was zu beachten ist, welche Formalitäten zu erledigen sind, etwa sich im Rathaus anzumelden. Ich weise auch immer darauf hin, dass wir alle hier sind, um Frieden zu finden, dass wir hier in Sicherheit sind, sage, dass es darauf ankommt, auch tolerant zu sein, damit jeder mit der anderen Nationalität klarkommt.

Sarah Steiner ist als Leiterin der Gemeinschaftsunterkunft Schildgasse, die der Landkreis Lörrach betreibt, seit August 2015 verantwortlich. Sarah Steiner wurde beim Landratsamt Lörrach ausgebildet zur Verwaltungsfachangestellten. Nach einer Babypause hat Sarah Steiner Tourismus- und Beherbergungsmanagement studiert.
Sarah Steiner ist als Leiterin der Gemeinschaftsunterkunft Schildgasse, die der Landkreis Lörrach betreibt, seit August 2015 verantwortlich. Sarah Steiner wurde beim Landratsamt Lörrach ausgebildet zur Verwaltungsfachangestellten. Nach einer Babypause hat Sarah Steiner Tourismus- und Beherbergungsmanagement studiert.

Da stoßen Sie aber doch schnell an Verständigungsgrenzen?

Ja, wir verständigen uns oft auch mit Händen und Füßen, wir behelfen uns auch mit der Hilfe von Bewohnern, die schon ein bisschen Deutsch können oder Englisch. Dann haben wir eine Arabisch sprechende Sozialbetreuerin, wir haben einen Sozialbetreuer, der Italienisch spricht, denn viele Menschen aus Afrika sprechen gut Italienisch. Man kann sich in der Regel mitteilen.

Worin besteht Ihre Hauptaufgabe hier, lässt die sich personell bei Vollbelegung überhaupt schultern?

Wir in der Verwaltung sind drei Leute, ich als Heimleiterin, dann gibt es eine 100-Prozent-Stelle Verwaltungskraft und eine 80-Prozent-Stelle Verwaltung. Wir machen die Belegung, wir fordern neue Menschen aus den Erstaufnahmestellen an, wir verteilen Zimmer und erledigen die ganzen anderen Sachen wie Anmelden und Geld auszahlen.

Jeder, der ankommt, hat Anspruch auf eine Geldleistung. Wie läuft das ab?

Die Leute liefern ihre Papiere ab und wir berechnen, wie viel Geld jedem zusteht. Das ist gesplittet in Erwachsene, Ehepartner, Kinder verschiedener Altersstufen. Wir rechnen das aus und es wird ausgezahlt an dem Tag, an dem die Leute bei uns ankommen und dann monatlich zum Ersten.

Wird dieses System akzeptiert oder gibt es in der Praxis Probleme damit?

Es wird schon einmal nachgefragt, warum bekommt der etwas anderes als ich? Aber im Grunde läuft das ganz gut. Viele haben auch ein eigenes Konto.

Das war aber bisher nicht möglich und galt deshalb als Manko.

Jetzt nimmt es aber ganz stark zu. Die Leute können ziemlich problemlos ein Bankkonto eröffnen, dazu bringen sie die Papiere zu uns, wir prüfen das mit unserer Leistungsabteilung. Sie bekommen das Geld überwiesen, müssen aber ein paar Tage vor der Auszahlung bei uns vorstellig werden, weil eine Wohnsitzpflicht besteht. Wir verwalten nicht blind.

Die Flüchtlinge sollen sich in der Schildgasse nicht länger als zwei Jahre aufhalten, ist das auch die Praxis? Es leben doch noch immer Menschen aus sicheren Balkanstaaten hier, die seit mehr als zwei Jahren auf Anerkennung warten?

In der Regel werden die Leute recht zuverlässig in die Anschlussunterbringung zugewiesen. Das heißt aber nicht automatisch, dass sich für sie im Asylverfahren etwas getan hat. Es ist nur so, dass die Leute nach 24 Monaten an die Kommunen verwiesen werden, ohne dass das Einfluss auf das Verfahren hat.

Wie lange ist der Durchschnittsaufenthalt in der Sammelunterkunft?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Wenn die Leute die Anerkennung bekommen, erhalten sie von uns keine Leistung mehr und sind auch nicht mehr hier.

Was ist, wenn sich das Verfahren hinzieht?

Dann hat das keinen Einfluss auf den Aufenthalt hier. Manche verlassen die Schildgasse auch früher, das hat unterschiedliche Gründe, auch weil sie zum Beispiel Arbeit finden.

Die Cafeteria ist auf dem Gelände der einzige Gemeinschaftsraum, reicht das?

Es ist schon wenig Platz, aber wir kommen ganz gut hin. Wir haben insgesamt viele Angebote. Dazu gehört zum Beispiel die Fahrradwerkstatt, die findet draußen statt.

Der Freundeskreis Asyl ist seit Jahren sehr aktiv. Inzwischen hat er mehrere Arbeitskreise gebildet, die Ehrenamtlichen unterstützen ihre hauptamtliche Arbeit. Wie tauschen sie sich aus, um sich zu ergänzen?

Wir haben die kommunalen Netzwerktreffen. Das ist eine ganz tolle Sache. Da entsteht gerade ganz viel. Frau Wallaschek vom Freundeskreis kommt einmal in der Woche zu uns zur Sozialbetreuung. Da findet ein Austausch statt, es besteht ein vertrauensvolles Verhältnis.

Sie sagen Frieden ist unser großes Thema, wir wollen hier alle friedlich miteinander leben. Das ist ein hoher Anspruch, wie weit erfüllt er sich? Was muss der Sicherheitsdienst dazu leisten?

Bei uns ist die Security stundenweise, in der Regel in den Abend- und Nachtstunden und Ansprechpartner für unsere Bewohner, wenn es Probleme gibt, es zu Streitigkeiten kommt. Das wird von unseren Bewohnern ziemlich gut angenommen. Sie verstehen es schon als Hilfe. Die Security ist niemand, der ihnen auf die Füße tritt. Die Leute kommen, damit die Nachtruhe eingehalten wird ab 22 Uhr und da sagt der Sicherheitsdienst schon mal, dass die Musik zu laut ist.

Der Sicherheitsdienst achtet darauf, dass der Alltag reibungslos verläuft?

Genau, er hilft auch, wenn ein Zimmerschlüssel verloren wurde oder ruft auch mal den Rettungswagen.

Es gibt aber auch Fälle und Straftaten, bei denen die Polizei eingreifen muss. Wie oft kommt das vor?

Das kann man nicht pauschal sagen. Wir haben Zeiten, da ist es ganz, ganz ruhig und dann gibt es Zeiten, da muss man öfter mal die Polizei rufen. Aber im Resümee muss ich sagen, dass wir dafür, dass wir so eine große Unterkunft sind, und auch so beengte Verhältnisse haben, es noch in Ordnung ist.

Was muss passieren, damit die Polizei auf den Plan kommt?

Es hat eigentlich wenig mit außerhalb der Schildgasse zu tun, es ist eher intern, dass die Leute Streit haben, es gibt auch körperliche Auseinandersetzungen. Es gibt auch Gewalt, das ist aber nur ein minimaler Prozentsatz. Wenn von 400 Leuten fünf auffällig sind, sind die dann einfach im Fokus. Man sieht dann nur, oje da gibt es Unruhe und Theater und die Polizei kommt, aber es geht meistens um eine kleine Gruppe.

Zum Miteinander tragen auch vielen Ehrenamtliche bei, vor allem die Aktiven im Freundeskreis Asyl. Gelingt es ihnen, den Flüchtlingen ein Gefühl zu geben, nicht abgestellt zu sein?

Ja der Freundeskreis ist sehr aktiv und er geht auch zu den Leuten hin, aber es kommen auch manchmal einfach Leute aufs Gelände die etwas verteilen.

Als ich gerade kam, haben zwei Männer Kühlschränke ausgepackt und sich riesig gefreut, weil alle einen neuen Kühlschrank bekommen, stimmt das?

Leider nicht. Die sind für die Neuzugänge, die diese Woche kommen.

Um welche Nationalitäten handelt es sich, die aus der Lea (Landeserstaufnahmestelle) kommen?

Das ist bunt gemischt. Diese Woche sind es Syrien, Irak und Afghanistan.

Sie sagen es läuft hier alles gut?

Ja, wir sind ein gutes Team hier. Dazu gehören auch Hausmeister und Helfer, wir haben auch Leute für 1-Euro-Tätigkeiten, die machen die Wäscherei, sind in der Kleiderkammer.

Wie erleben Sie die Wechselwirkung von Flüchtlingen und Einwohnern, welche Erfahrungen machen Sie da?

Ich habe den Eindruck, dass weil es die Schildgasse schon so lange gibt, die Einrichtung akzeptiert ist.

Und wie sieht die Rückmeldung der Flüchtlinge aus? Sagen die, das ist eine Übergangssituation, die in Ordnung ist?

Das ist völlig unterschiedlich. Die Anspruchshaltungen sind sehr unterschiedlich. Viele sind superdankbar und verstehen die Situation auch, wenn man ihnen erklärt, dass es halt eine alte Unterkunft ist und andere sagen, hier kann ich nicht bleiben. Es gibt beides.

Der Freundeskreis plant eine ärztliche Anlaufstelle in der Römerstraße, wie sieht es bisher mit der medizinischen Versorgung in der Unterkunft aus?

Das ist schon schwierig. Die Ärzte sind überlastet.

Wie viele Neue kommen diese Woche?

Es sind 15.

Gefällt es Ihnen, dafür zu sorgen, dass die Menschen hier eine ordentliche Übergangsphase erleben?

Ja, es macht auch Spaß. Man könnte eigentlich immer hier wohnen, denn es gibt immer etwas zu tun. (ibö)

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