Wie sieht ein Musikverein heute aus, der 1894 gegründet wurde, um „eine instrumentale Musikgesellschaft ins Leben zu rufen, und bleibend zu erhalten“, wie es in den Statuten des Vereins heißt. Ziemlich jung bei einem Durchschnittsalter von 36 Jahren und keineswegs nur männlich. 47 Prozent der 49 Musiker im Hertener Blasorchester sind weiblich. Bevorzugte Instrumente: Flöte und Klarinette. 125 Jahre feiert der Verein dieses Jahr mit einem Festwochenende im Mai.

Lückenlose Protokolle trotz zweier Kriege

Dazu hat sich der Vorstand in die Archivarbeit mit bemerkenswerten Ergebnissen gestürzt. Die Hertener Musiker verfügen trotz zweier Weltkriege über lückenlose Vereinsprotokolle, die Bücher werden als Schatz im Stahlschrank gehütet. Dabei zeigt sich: Einmal im Musikverein, immer dabei. Die Begeisterung für die Orchesterarbeit zieht sich zum Teil über Generationen durch.

Familientraditionen bei einigen Musikern

Der Vizevorsitzende Dirk Witzig spielt Trompete, sein Vater hat schon beim Musikverein musiziert und davor der Opa. Und auch Stefan Übelin, der seit 1998 mit der Trompete dabei ist, und den Verein jetzt als Vorsitzender leitet, weiß sich in Familientradition: wie der Vater, so der Sohn. Dennoch handelt es sich bei diesem, von Céline Pellment dirigierten, Blasorchester keinesfalls um eine geschlossene Gemeinschaft. Der Zuzugsort Herten mit Neubaugebieten hat schon den einen oder anderen Neuzugang gebracht, und es sollen dass es mehr werden.

Alles dabei: Vom Zehn- bis zum 72-Jährigen

Und so hört sich ein dynamischer Verein, bei dem Mitglieder zwischen zehn und 72 Jahren Musik machen, nach Stimmen an: acht Trompeten, neun Klarinetten, sieben Föten, fünf Posaunen, sechs Saxophone sechs Hörner und Baritone, vier Tubas und drei Musiker am Schlagwerk. Für moderne Blasmusik, die oft auf dem Notenblatt steht, dürfen es bis zu fünf Schlagzeuger sein, merkt Witzig an. „Momentan können wir uns glücklich schätzen“, freut sich Übelin über die gute Besetzung und blickt auch auf 22 Jungmusiker.

Gute Zusammenarbeit mit der Musikschule

Die Ausbildung wird in den eigenen Reihen und in Zusammenarbeit mit der Musikschule gemacht. Kostenlos geht es auch im Verein nicht. Zehn Euro für die Stunden und zehn Euro für die Instrumentenmiete müssen sein. Der Vorstand zeigt sich dankbar für „eine fundierte Spendenbasis.“ Die wird gebraucht, um finanziell über die Runden zu kommen. Darüber generiert der MV fünf Veranstaltungen: zwei Konzerte und verschiedene Festbewirtungen.

Engelwirt gibt einen Kredit von 300 Mark

Der Musikverein wurde gegründet, um in der Freizeit gemeinsam zu musizieren und örtliche Festlichkeiten zu begleiten. Heute handelt es sich zumindest für den Vorstand um einen Betrieb, für den der Begriff Freizeitbeschäftigung eingeschränkt gilt. 17 Leute waren es am Anfang in einer Zeit, als nur Feuerwehr- und Militärkapellen bestanden. Der damalige Engel-Wirt habe laut Vorstand 300 Mark als Kredit geleistet, um Instrumente zu kaufen. Übelin, Witzig und weitere Mitstreiter haben nicht gezählt, wie viele Stunden sie mit der Erarbeitung von Chronik und Festschrift, die Klarinettistin Julia Gatz gestaltet, im Jubiläumsjahr des Musikvereins schon verbracht haben, die detailliert von der Gründung bis heute berichtet. Es galt, das Festwochenende über drei Tage Ende Mai zu organisieren.

Ein tolles Team stemmt das Jubiläum

Zuvor den feiert der Verein, am 8. April, Geburtstag. Die längste Arbeitssitzung zur Planung dauerte mal bis 2.30 Uhr morgens. Da ist es sehr hilfreich, wenn laut Übelin „ein sehr tolles Team“, das Unternehmen Jubiläum stemmt.

Reichskapelle auch für politische Zwecke

Beim Lesen der alten Protokolle hat der Vorstand einiges über die Vergangenheit herausgefiltert. Zum Beispiel, dass der Probenbesuch früher einen „Wert gehabt hat“, sagt Witzig. Wer nicht erschien, musste zahlen. Tiefschläge gab es in der Vereinsgeschichte auch. Mit dem Nationalsozialismus wurde das Orchester in seiner zivilen Form aufgelöst und als Reichskapelle auch für politische Auftritte genutzt. 1948 erfolgte die Wiedergründung des Musikvereins Herten.

Ein Fest, das eine große Bandbreite abdeckt

Für Übelin und Witzigist ist Musik das Hobby, um „die Probleme des Alltags zu vergessen“. Sie wünschen sich für die nächsten Wochen deshalb: „Ein schönes Fest für den Verein, seine Mitglieder und die Bevölkerung, für die Musik dazu ist in ganzer Bandbreite gesorgt."

Termin: Die Festschrift „125 Jahre Musikverein Herten“ wird zum Gründungstagam Montag, 8. April, bei einem Apéro im Rathaus ab 19.30 Uhr vorgestellt.