Erst vor 100 Jahren, am 12. November 1918, wurde das Frauenwahlrecht in Deutschland beschlossen. Sowohl die Möglichkeit der Stimmabgabe als auch das Recht, sich selbst zur Wahl zu stellen, musste von Frauen hart erkämpft werden. Wir fragten im Verbreitungsgebiet nach und sprachen mit einer Bürgermeisterin, Parteien und Gemeinderäten.

  • Rheinfelden: Seit den Anfängen des Frauenwahlrechts haben sich die Frauen ihre Stellung in der Rheinfelder Politik erobert. Heute werden fünf der Ortsteile von Ortsvorsteherinnen geleitet. Eine davon ist Karin Reichert-Moser. Seit 1994 steht sie Degerfelden vor, seit 1999 ist sie durchgängig im Gemeinderat und im Kreistag. „Ich habe mich immer gleichberechtigt gefühlt“, resümiert sie ihre Politikerfahrung. Allerdings ist sie überzeugt, dass es der Gremienarbeit gut tut, dass die Zahl der Frauen zugenommen hat. „Frauen haben oft eine andere Herangehensweise“, meint die pensionierte Lehrerin und fügt an, dass sich die weibliche Präsenz im Ratssaal auch positiv auf die Diskussionskultur auswirke. Reichert-Moser war nicht die erste Ortsvorsteherin in Degerfelden. „Das war meine Vorgängerin, Hedwig Kukla. Die war erste Ortsvorsteherin überhaupt in ganz Rheinfelden.“

Ursula Greifelt erste Gemeinderätin in Rheinfelden

Wenn man sich mit der Geschichte Rheinfelder Frauen auseinandersetzt, kommt man an Manuela Eder nicht vorbei. Die Stadtführerin hat sich ausführlich mit besonderen Frauengestalten auseinandergesetzt. Dazu gehört auch Ursula Greifelt. Die Kinderärztin wurde im Jahr 1953 zur ersten Gemeinderätin Rheinfeldens. Die Sozialdemokratin war politisch sehr aktiv. Ob es für sie schwer war, als einzige Frau im männlichen Gremium zu sitzen, darüber kann Eder nur mutmaßen: „Leicht war es sicher nicht.“

Der Blick noch weiter zurück in die Geschichte offenbart eine weitere politisch engagierte Frauengestalt: 1922 wurde Margarete Senn für die SPD in den Bürgerausschuss gewählt. Sie war mit ihrem Mann, einem Fabrikarbeiter, nach Rheinfelden gezogen. „Sie selbst eröffnete und führte ein Spielwarengeschäft und war politisch aktiv“, erzählt Eder. „Ihr Mann war offensichtlich sehr aufgeschlossen.“

Die Grünen: Einzige Fraktion, die nur aus Frauen bestand

Die bislang einzige Fraktion im Rheinfelder Gemeinderat, die nur aus Frauen bestand, gehörte zu den Grünen. Von 1989 bis 1994 saßen Anette Lohmann, Christa Seitz und Ilsemie Dumont am Ratstisch. „Wir wurden als Frauen immer wieder unterbrochen“, erinnert sich Anette Lohmann. Es habe oft Zwischenrufe gegeben. Ob das daran lag, dass sie Grüne waren oder Frauen? „Wohl beides“, denkt sie.

  • Schwörstadt: Christine Trautwein-Domschat, amtierende Bürgermeisterin von Schwörstadt, findet, dass gleiche Rechte für Männer und Frauen zur heutigen Demokratie dazugehören. „Frauen sind eine tragende Säule der Gesellschaft“, sagt Trautwein-Domschat, „sie sollen auch daran mitarbeiten dürfen.“ Dieser Aspekte sei vor allem wichtig, da beide Geschlechter verschiedene Ansichten und Gedanken haben, die berücksichtigt werden müssten. Für Trautwein-Domschat ist das Schlagwort „Menschenrechte“ eine wichtige Verbindung zum Frauenwahlrecht. „Menschenrechte sind geschlechtsfrei, folglich ist es logisch, dass Frauen mitwirken dürfen“, erklärt sie. Welche ihre erste Wahl war, an der sie mitwirken durfte, weiß Trautwein-Domschat nicht mehr. Ihre Begeisterung an der Beteiligung hat sie allerdings schon zu Schulzeiten bei den Schulsprecherwahlen entdeckt. Als sie endlich alt genug war, hat sie sofort von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht.

In fünf Kommunen steht eine Frau an der Rathausspitze

In nur fünf von insgesamt 35 Kommunen im Landkreis befindet sich aktuell eine Frau an der Rathausspitze. Dazu gibt es in Rheinfelden und Lörrach eine dem OB beigeordnete Bürgermeisterin. Unter dieser Mehrheit der männlichen Kollegen im Bürgermeisteramt hat Trautwein-Domschat bisher keine negativen Erfahrungen gemacht. Für sie liegt das an der veränderten Gesellschaft. „Frauen in Ämtern sind heute normal“, sagt sie.

Ihrer Meinung nach haben sich auch die Männer emanzipiert und sind über die alten Sichtweisen von Frauen als schwaches Glied der Gesellschaft hinweg. „Bei Treffen wurden die Ideen und Ansichten weiblicher Kolleginnen von den männlichen Bürgermeistern oft als interessanter und wichtiger Input gelobt.“

  • Grenzach-Wyhlen: In vielen Ortsvereinen sind Frauen klar in der Minderheit. Ausnahme ist die SPD, rund die Hälfte der 49 Mitglieder sind weiblich. Bei der FDP ist der Schlüssel am schlechtesten, 34 Mitglieder hat der Ortsverband, drei davon sind Frauen. „Ich habe trotzdem das Gefühl, dass ich gehört werde und meine Themen setzen kann“, sagt Anna Osterath, Beisitzerin im FDP-Vorstand. Sie hat im Ortsverband Menschen getroffen, mit denen Politik Spaß macht – egal, ob Mann oder Frau.

Spagat zwischen Beruf, Familie und politischem Engagement

Gleichwohl weiß sie, dass sich Frauen mehr anstrengen müssen, um Gehör zu finden. Auch der Spagat zwischen Beruf, Familie und politischem Engagement sei nicht leicht zu bewältigen. Als Osterath 2013 mit ihrer Familie von Potsdam nach Grenzach-Wyhlen gezogen ist, nutzte sie die ehrenamtliche Arbeit auch, um anzukommen. Für sie käme es nie in Frage, nicht zu wählen. „Demokratie muss man mitgestalten.“ Deshalb wird sie sich bei der Kommunalwahl auch für die FDP aufstellen lassen. Und damit – im Falle einer Wahl – aus einer rein männlichen Fraktion eine gemischte machen.

Zu Beginn stand eine Unterschriftensammlung

Die einzige Frau in ihrer Fraktion war bis vor kurzem auch Ulrike Ebi-Kuhn, die seit 1989 für die CDU im Gemeinderat sitzt. Damals war sie sogar die einzige Frau im gesamten Gremium. „Jetzt ist es viel schöner“, findet Ebi-Kuhn, die 1985 in die Partei eintrat. Die Wurzel ihres kommunalpolitischen Engagements liegt in ihrer Familie begründet, genauer gesagt, bei ihren Kindern. Die waren im Schwimmverein, und als die Gemeinde überlegte, das Hallenbad zu schließen, machten die Kinder mobil. „Mama, das darfst du nicht zulassen.“ Also sammelte Ebi-Kuhn Unterschriften zum Erhalt des Bads und ging auf die Straße. „Und wissen Sie was? Das würde ich heute immer noch machen.“

Doppelbelastung bremst die Aktivitäten

Dass mit dem Wahlrecht nicht automatisch die Gleichstellung der Frau erfolgte und es bis heute großen Handlungsbedarf gibt, sehen Annette Grether, Thea Schöllermann und Grunhild Merkle, die den Ortsverein führt. Ein Thema, das alle umtreibt, ist die Familienarbeit. Sprich, Frauen bleiben eher Zuhause, versorgen Haushalt und Kinder und verdienen weniger – im Alter führt das zu Armut, was eine Schande sei, so Merkle. „Gleiche Rechte sind unabdingbar, nützen Frauen aber nur bedingt, wenn sie vielfache Pflichten haben“, formulieren die drei grünen Frauen. Diese Doppelbelastung führe auch dazu, dass Frauen sich weniger häufig politisch engagieren als Männer. „Wann sollen sie denn noch aktiv sein?“

Termin: Eine Veranstaltung zum Thema findet am Dienstag, 20. November, 20 Uhr, im Kino „Rheinflimmern“ statt. Nach einer Einführung von Manuela Eder wird mit dem Film „Die Göttliche Ordnung“ an gesellschaftliche Veränderungen der 1968er Jahre erinnert.