Der Geschichtsverein Hochrhein veröffentlichte dieser Tage sein Jahrbuch 2020 mit vielen Erzählungen aus dem Alltagsleben zwischen Hochrhein und Südschwarzwald. Auch Werner Vökt, Hauptamtsleiter der Gemeinde Murg, steuerte eine Erzählung bei. Sie handelt vom tragischen Tod eines Bäckerlehrlings in Murg anno 1956.

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Ältere Murger erinnern sich noch gut: „Da war eine helle Aufregung damals. Das machte Schlagzeilen.“ Selbst die überregionale Presse interessierte sich damals für die Ereignisse in Murg. „Todesschuss auf dem Totenbühl, Wildwestleben eines Bäckerlehrlings“, war am Freitag, 14. September 1956, im der „Abendzeitung“, einem Boulevardblatt aus München, zu lesen. Auch der SÜDKURIER berichtete: „Warnschuss traf 17jährigen tödlich.“

Wie damals üblich wohnte der Bäckerlehrling im Haus seines Lehrherrn, des Murger Bäckermeisters Karl-Friedrich Brutschy. Bild: Markus Vonberg
Wie damals üblich wohnte der Bäckerlehrling im Haus seines Lehrherrn, des Murger Bäckermeisters Karl-Friedrich Brutschy. Bild: Markus Vonberg | Bild: Vonberg, Markus

Anhand der Zeitungsberichte aus jenen Tagen und Gesprächen mit Zeitzeugen rekonstruierte Werner Vökt die Ereignisse, die zum Tod des Bäckerlehrlings Wolfgang Hubert Bechtold führten. Der 17-Jährige stammte aus Waldshut und war Halbwaise. Der Vater galt seit dem Krieg als vermisst. Als Wolfgang Bechtold im zweiten Lehrjahr in die Bäckerei Brutschy kam, war er zuvor straffällig geworden. „Der Bäckermeister Karl-Friedrich Brutschy hatte eine soziale Ader und bot Jugendlichen aus sozial schwachen Familien die Chance einen Beruf zu erlernen“, schreibt Werner Vökt. Wie damals üblich, wohnte Bechtold zusammen mit den anderen Lehrlingen im Haus der Bäckerei Brutschy und verschwand in der Nacht zum 4. September 1956 dann plötzlich. Der Bäckerlehrling hatte zuvor kleinere Diebstähle begannen und stand außerdem im Verdacht, in das Murger Schützenhaus eingebrochen und ein Gewehr samt 1000 Schuss Kleinkalibermunition gestohlen zu haben.

Wolfgang Bechtold kam an der Murgtalstraße durch die Kugel eines Polizisten um. Der Lehrling wollte über die Landstraße auf das Gelände der Textilfabrik Hüssy & Künzli flüchten. Bild: Markus Vonberg
Wolfgang Bechtold kam an der Murgtalstraße durch die Kugel eines Polizisten um. Der Lehrling wollte über die Landstraße auf das Gelände der Textilfabrik Hüssy & Künzli flüchten. Bild: Markus Vonberg | Bild: Vonberg, Markus

Der 17-Jährige war bereits einige Tage verschwunden, als die beiden örtlichen Polizisten nach einem Hinweis aus der Totenbühlstraße auf die Spur von Bechtold kamen. Im steilen, bewaldeten Abhang zur Landstraße nach Niederhof hin entdeckten die Polizisten tatsächlich einen „notdürftig zusammengebauten Unterschlupf“. „Gefunden wurde ein geladenes Kleinkalibergewehr, Munition, Lebensmittel, eine Reihe durchnässter Wildwest-Hefte und Landkarten“, schreibt Vökt.

Das Unglück nahm seinen Lauf, als Wolfgang Bechtold am 12. September von den Polizisten überrascht wurde und flüchtete. Laut der Zeitungsberichte blieb Bechtold trotz Warnrufe nicht stehen. Er rannte den Steilhang hinab, wollte die Landstraße queren, um auf das Gelände der damaligen Textilfabrik Hüssy & Künzli zu gelangen. Am Straßenrand traf ihn die Kugel eines Polizisten in den Kopf. Bechtold verstarb noch am selben Tag im Krankenhaus in Säckingen. Der Polizist gab an, gestolpert zu sein, so dass die Kugel den Kopf traf. Zeitzeugen, die der Autor befragte, blieb hingegen in Erinnerung, dass der Polizist einen Schuss auf die Beine abgeben wollte, der Flüchtende aber stolperte, so dass die Kugel den Kopf traf.