Restauriert, glänzend und sorgsam verwahrt, aber von manchen Besuchern wenig beachtet, steht er in einer Vitrine im Schmiedledicksaal: Der Glockenbaum aus dem Jahre 1870. Anlässlich des 150. Jubiläums erinnert der ehemalige Ortsvorsteher von Hänner, Gerhard Goering, an die „Biographie“ dieses Kunstwerks. Und die ist recht amüsant.

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Bereits im Jahre 1990, also zur 750-Jahr-Feier Hänners, war die Geschichte anhand der Akten des ehemaligen Hännermer Musikvereins rekonstruiert worden. Sie begann Ende der 1860er Jahre, als Musiker aus dem Hotzenwald bei einem Fest in Karlsruhe ein Ständchen zu Ehren des Großherzogs Friedrich I. von Baden spielten.

Der Musikverein Hänner mit dem Glöcklebaum
Der Musikverein Hänner mit dem Glöcklebaum | Bild: Michael Gottstein

Er revanchierte sich auf wahrhaft fürstliche Art mit dem aus Messing gefertigten Glockenbaum, der ausdrücklich als Geschenk an den ganzen Hotzenwald gedacht war. Der Musikverein Rickenbach verwahrte das liebevoll „Glöcklebaum“ genannte Artefakt und führte es bei Auftritten mit sich. Bis 1910. Danach wurde die Geschichte etwas weniger nobel.

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Damals war besagter Musikverein nämlich beim Josefsfest in Hauenstein zu Gast. Auf dem Rückweg kehrten vier Rickenbacher Musikkameraden im Gasthaus „Zur Tanne“ ein. Leider waren Durst und Appetit größer als ihr Geldbeutel, so dass sie die Rechnung nicht bezahlen konnten. Kurzerhand überließen sie dem Wirt den Glöcklebaum als Pfand. Dort blieb er, bis ihn Emil Malzacher aus Oberhof auslöste. Laut handschriftlicher Urkunde veräußerte er ihn im Jahre 1923 zum Preis von 40 Goldmark an den Musikverein Hänner unter der Bedingung, dass der Glöcklebaum immer in diesem Verein zu bleiben habe. Die Hännemer pflegten das Kunstwerk, waren aber bereit, den Baum im Jahre 1960 zur 100-Jahr-Feier des Rickenbacher Musikvereins auszuleihen.

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Als sich der Musikverein Hänner im Jahre 1970 auflöste, ließ er den Glöcklebaum restaurieren und richtete eine Vitrine im Vereinsheim ein. „Von da an gehörte er der Gemeinde“, so Gerhard Goering. Diese lieh ihn im Jahre 1974 nach Rickenbach aus und musste ihn anschließend mit sanftem Nachdruck zurückfordern – gerne gaben die Leihnehmer und ehemaligen Besitzer das Kunstwerk nicht wieder her. Seither wird der Glockenbaum in Hänner verwahrt.

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Die Ironie der Geschichte: Unter den Musikern aus dem Hotzenwald, die in Karlsruhe aufgespielt hatten, war niemand aus Hänner dabei. Natürlich hatten auch die vier Rickenbacher Zechbrüder kein Recht, den Glöcklebaum zu verpfänden, weil er ihnen gar nicht gehörte. „Es ist aber nicht bekannt, ob die vier bestraft wurden“, so Gerhard Goering.