Eine im westlichen Teil des Landkreises Waldshut vorhandene kleine Attraktion zieht 66 Meter ostwärts und wechselt gleichzeitig die Gemarkung. Es handelt sich um den achten Längsmeridian der Erde, der sich aufgrund einer korrigierten Festlegung des Erdmittelpunktes verschoben hat. Sattelitengestützte Messungen bringen es ans Tageslicht. So kreuzt der achte Längenkreis des geographischen Gradnetzes der Erde den gut frequentierten Hochrheinradweg und örtlichen Wanderweg nicht mehr auf der Gemarkung Säckingen, sondern jetzt einige Meter weiter auf der Gemarkung Murg.

Eine Hinweistafel am Wegesrand erläutert den Sachverhalt.
Eine Hinweistafel am Wegesrand erläutert den Sachverhalt. | Bild: Richard Kaiser

Die Gemeinde Murg ist also um eine Anziehungskraft reicher. Verlief der achte Längsmeridian (auch Längenkreis genannt) im schmalen Gürtel zwischen der Bahnlinie und dem Rhein bislang westlich des Rothausgrabens, der die Gemeindegrenze zwischen Bad Säckingen und Murg bildet, so schneidet er den beliebten Rad- und Wanderweg nunmehr auf dem Gebiet der Nachbargemeinde. Eine Anfrage beim Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg ergab, dass sich der achte Längengrad auf der Höhe des Breitengrades 47°33‘27‘‘ um 3,1683 Sekunden ostwärts verschoben hat, was umgerechnet 66,00 Meter entspricht. Weil der Weg nach Murg vom bisherigen Meridianpunkt aber nicht genau in Ost-West-Richtung verläuft, sondern 13,1 Grad südlich davon abweicht, beträgt die Entfernung zum aktuellen achten Längenkreis (von Wegmitte zu Wegmitte) 67,76 Meter.

Der neue Verlauf des achten Längengrades ist an Ort und Stelle markiert. Radfahrer und Fußgänger können Kenntnis von ihm nehmen; aber auch Eisenbahnfahrer überqueren den Meridian, nämlich exakt am Kilometerschild 306,4. Den neunten Längsmeridian treffen sie auf der Fahrt nach Konstanz erst kurz nach Radolfzell, denn wie zum siebten Längenkreis (in Frankreich) sind es auch bis zum neunten rund 75 Kilometer. Und beim nur wenige Meter entfernten Rheinkilometerstein 126 passieren selbst Bootsfahrer den achten Meridian.

Ausgangspunkt für die neue Bestimmung des Meridians war seine Erstermittlung im Februar 1990. Seinerzeit wurden angehende Vermessungstechniker des Flurbereinigungsamtes Bad Säckingen zum Abschluss ihrer Ausbildung mit dieser Aufgabe betraut. Das Werk wurde kurz vor dem Brückensteg mit einer Hinweistafel aus Holz gekrönt, die allerdings im März 2011 von unbekannten Rowdys demoliert wurde. Sie wurde nicht wieder neu errichtet, weil damals schon absehbar war, dass die Verschiebung des Meridians sich in Bälde in den amtlichen Karten niederschlägt.

Mit der 2018 erfolgten Neuauflage des Blattes Laufenburg der Topografischen Karte 1:25 000 war es dann soweit. Darin gab das Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg für die Bestimmung der Meridiane als geodätische Grundlage erstmals das Europäische Terrestrische Referenzsystem 1989 an. Zuvor wurde, und das bereits seit 1884, als Bezugssystem der geografischen Koordinaten das Deutsche Hauptdreiecksnetz (DHDN) angehalten, das auf dem Bessel-Ellipsoid beruht.