In Murg droht dem Hella-Doll-Heim für Schwerstbehinderte die Schließung. Bis spätestens zum 31. August 2019 muss die Einrichtung die Vorgaben der 2009 vom Land Baden-Württemberg erlassenen Heimbauverordnung erfüllen. "Das können wir nicht. Uns fehlen zur Umsetzung die finanziellen Mittel", sagt Heim-Geschäftsführerin Ines Bauernfeind. Sie hofft auf eine Sondergenehmigung und damit das Fortbestehen ihres Haus, bereitet sich gleichzeitig aber auch auf die Schließung vor.

Die Hälfte lebt seit 30 Jahren hier

Derzeit werden an der Rheinstraße in der 1954 von der Kinderkrankenschwester Hella Doll gegründeten Einrichtung 15 mehrfach schwerstbehinderte Personen im Alter von 6 bis 51 Jahren in dem Heim betreut. "Die Hälfte unserer Bewohner lebt seit über 30 Jahren hier", sagt Ines Bauernfeind, die Tochter der Gründerin. Alle derzeitigen Bewohner seien mit schwersten Behinderungen im Kinderalter aufgenommen worden. Einige blieben dann Jahrzehnte bis ins Erwachsenenalter hier. Derzeit zwölf Personen arbeiten in der Einrichtung, darunter Krankenschwestern, Kinderkrankenschwestern, Altenpfleger, Erzieher und Pflegehelfer, so Bauernfeind.

Für einen Umbau fehlt das Geld

Spätestens am 31. August könnte für Bewohner und Beschäftigte die Zeit in dem Heim am Murger Rheinufer enden. Zu diesem Zeitpunkt müssen nach einer zehnjährigen Übergangszeit die Vorgaben der 2009 in Kraft getretenen Heimbauverordnung erfüllt werden. Diese schreibt zum Beispiel für Bewohnerzimmer eine Mindestgröße von 14 Quadratmetern oder mindestens ein Bad für zwei Bewohnerzimmer vor. Die Räumlichkeiten in dem 1975 zuletzt baulich grundlegend umgestalteten Haus erfüllen diese Vorgaben nicht. Für einen Um- oder Anbau fehlt der privaten Betreibergesellschaft das Geld.

Verordnung sieht Sondergenehmigung vor

"Wir haben jetzt einen Rechtsanwalt beauftragt, mit dem Landratsamt abzuklären, ob wir eine Sondergenehmigung erhalten können", sagt Bauernfeind. Eine solche Genehmigung ist laut Verordnung möglich, wenn dem Träger einer zum Zeitpunkt des Inkrafttretens bereits bestehenden Einrichtung die Erfüllung der Anforderungen technisch nicht möglich oder aus wirtschaftlichen Gründen nicht zumutbar ist. Insbesondere "Heime mit weniger als 15 Plätzen" und "mit einem speziellen Betreuungskonzept für immobile schwerstpflegebedürftige Personen" wird eine Ausnahmeregelung in Aussicht gestellt. Dennoch bereitet sich Ines Bauernfeind auf den schlimmsten Fall vor und sucht nach alternativen Unterbringungsmöglichkeiten für ihre Schützlinge.

Kinderärztin kritisiert "grauenvolle Vorschriften"

Alarm wegen einer drohenden Schließung des Heims schlug jetzt im Jugendhilfeausschuss des Landkreises Waldshut die Kinderärztin Barbara Zissel aus Bad Säckingen. Das private Heim in Murg gehöre zu jenen vielen Heimen, die das die Umsetzung der Landesheimbauverordnung nicht schafften, und wo ein Teil der Vorschriften auch nicht sinnvoll sei, so Zissel. Zu den „grauenvollen Vorschriften“ gehörten zum Beispiel Duschen im Wohnbereich der Bewohner, obwohl viele der Schwerstbehinderten eine Dusche gar nicht alleine benutzen könnten.

Heimaufsicht liegt beim Landkreis

Landrats-Stellvertreter Jörg Gantzer und Sozialdezernentin Sabine Schimkat, die bei der Aufsicht von Heimen auch als Landesbehörde handeln, traten der Darstellung von Barbara Zissel entgegen, wollten sich aber in der öffentlichen Sitzung auch nicht zum speziellen Vorwurf äußern. Solche Kontrollen des Landes seien nicht neu und es sei „keine Nacht- und Nebelaktion geplant“, versicherte Sabine Schimkat.