Im Gewann Bitzelen nördlich des Kalvarienbergs und in direkter Nachbarschaft zur Kleingartenanlage Helgeringen war jahrhundertelang eine Lösslehmgrube in Betrieb. Der Abbau bediente die hier ansässige Ziegelei, in der bis 1970 Ziegel hergestellt wurden.

Altbürgermeister besitzt die Lehmgrube

In seiner Ortschronik geht Verfasser Leopold Döbele davon aus, dass die Murger Lehmgrube weit über jene Zeit hinaus genutzt wurde, in der ihre Geschichte stichfest nachgeschrieben werden kann. 1863 ist Altbürgermeister Xaver Gerteis Besitzer der Lehmgrube. Später erwirbt der Murger Bauunternehmer Adolf Ortstein das Gelände und errichtet um 1900 darauf die Ziegelei. 1902 war dort eine Dampfziegelei in Betrieb. Ortstein war ein bedeutender Bauunternehmer und benötigte entsprechende Mengen an Baumaterial.

Die Nordwand der Ziegeleigrube mit der Fundstelle eines Stoßzahns vom Mammut. Im Vordergrund Konservator Egon Gersbach. <em>Bild: Hanss Horn</em>
Die Nordwand der Ziegeleigrube mit der Fundstelle eines Stoßzahns vom Mammut. Im Vordergrund Konservator Egon Gersbach. | Bild: Hanss Horn

Als Ortstein wenige Jahre später in Konkurs geht, erwirbt im November 1906 Emil Döbele die Ziegelei aus der Konkursmasse. Der „Ziegelei-Döbele“ betrieb das Werk bis nach dem Ersten Weltkrieg. Von 1925 bis 1939 war Karl Rogg Eigentümer der Ziegelei, die dann 1939 von August Michel übernommen wurde. Im Jahr 1970 wurde der Betrieb der Ziegelei eingestellt, weil die Lehmgrube nicht mehr erweiterbar war.

Bagger bauen den Lehm ab

Der Lehm wurde seinerzeit mit Baggern in der Grube der Ziegelei abgebaut, auf Grubenwagen in die Aufbereitungsanlage gebracht, um hier im sogenannten Kollergang gewalzt, geknetet und durch ein Feinwalzwerk gedrückt zu werden. Nächste Station war die Stangenpresse, die das Material als Tonstrang verließ. Eine Schneidevorrichtung schnitt den Tonstrang in einzelne Ziegelsteine, die in Trockenkammern getrocknet und in den Brennöfen gebrannt wurden. In der Ziegelei Murg wurden Backsteine und Hintermauersteine im Normalformat hergestellt.

Die Südwestwand der ehemaligen Lössgrube Murg heute. Rechts im Bild ist die Kalvarienbergkapelle durch den Baumwuchs nur noch schwach zu erkennen. Bild: Brigitte Chymo
Die Südwestwand der ehemaligen Lössgrube Murg heute. Rechts im Bild ist die Kalvarienbergkapelle durch den Baumwuchs nur noch schwach zu erkennen. | Bild: Brigitte Chymo

An die einstige Ziegelei erinnert heute nur noch der Ziegeleiweg auf dem früheren Betriebsgelände. Die fast senkrecht aufsteigende Lösswand, die noch in den 60ern eindrucksvoll die Kalvarienbergkapelle zu tragen schien, ist längst dicht mit sattem Grün bewachsen und lässt nichts mehr von ihren Ausmaßen erahnen.

Baugebiet "Auf der Leim" erinnert an den Lehm-Abbau

Heute sind am Standort der Ziegelei die Firmen Ultradex Planungsgeräte GmbH und der Containerdienst Lüthe beheimatet. Gegenüber auf der anderen Seite der Harpolinger Straße liegt das künftige Baugebiet „Auf der Leim“. Ein Überbleibsel, das noch auf die einstige Vergangenheit hinweist. Der Flurname Leim ist ein altes Wort für Lehm, zeigt an, dass in diesem Bereich der Boden besonders lehmig und tonig ist.

Fundstelle einer Siedlung aus der Altsteinzeit

Die Ziegelei in Murg war in 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts überregional als Fundstelle einer altsteinzeitlichen Siedlung von wissenschaftlicher Bedeutung.

  • Leben in der Altsteinzeit: Unter den damals freien, überhängenden Felsen des Kalvarienbergs fand der Jäger der Steinzeit guten Schutz und Unterschlupf. Wasser bot das nahe Rotenbächle, Wild war im Rheintal ausreichend zu finden. Der Ort war aber nicht nur Aufenthalts- und Wohnstätte. Auf dem Schotterflur vor dem Felsmassiv wurden die erlegten Großtiere wie Mammut, Nashorn, Bison oder Höhlenbär und Hirsch geschlachtet. Das Fleisch wurde an den Lagerfeuern zugerichtet und zubereitet, wie die Funde der Abfallhaufen von Knochen, besonders des Mammuts, bewiesen.

    Nach der Steinzeit legten sich Sand und Staub, von den Winden angeweht, als Löss in tausendjähriger Folge nach und nach über Knochenreste und Werkzeuge der Menschen, deckte Schicht auf Schicht und endlich auch die Felsenhöhlen am Osthang des Kalvarienbergs zu.
  • Wissenschaftliche Bedeutung: Schon lange war die Lehmgrube als Fundstelle eiszeitliche Tierreste bekannt, als Egon Gersbach, Begründer und langjähriger Konservator des Heimatmuseums Bad Säckingen, hier 1934 im Abraum der Südostecke der Lehmgrube die ersten Steinwerkzeuge aus Hornstein und Quarzit entdeckte. In den Jahren danach war die Lehmgrube immer wieder Gegenstand eingehender Untersuchungen und Forschungen. Die wissenschaftliche Bedeutung der Fundstelle lag darin, dass die Knochenreste und Steinwerkzeuge typologisch wertvoll und brauchbar waren und eine gute Altersbestimmung in geologischer Hinsicht ermöglichten.
  • Der Fundort: Der Kalvarienberg ist ein Gneissporn in 348 Meter Höhe. Ost- und Nordflanken waren mit Löss bedeckt. In Norden senkt sich das Gelände ab zu einem Engpass, durch den die Straße nach Harpolingen hinaufführt. Die Sohle der Ziegelei lag auf einer Höhe von 330 Meter über dem Meer. Die Wände der Lehmgrube ragten 10 bis 13 Meter in die Höhe.
  • Die Funde: Die meisten Funde wurden an der Südwand der Grube unter dem Gneisvorsprung des Kalvarienbergs im Gneisschutt und im älteren Löss in einer Tiefe von sechs bis zehn Metern gemacht, und waren damit eindeutig eiszeitlichen Ursprungs. Die große Häufigkeit der Funde ließ darauf schließen, dass hier eine Siedlungsstelle von Jägern der Altsteinzeit war. Gefunden wurden zum Beispiel Bogenschaber aus Feuerstein und aus Hornstein. Außerdem Klingen, Schlagsteine und Faustkeile.