Zu einer Zeit, als für die Grundschulen Baden-Württembergs noch nicht einmal Englisch als Fremdsprache auf dem Bildungsplänen stand, lernten Grundschüler in der Murgtalschule schon fleißig Italienisch. Das ist mittlerweile 20 Jahre her. Und bei den stetigen Veränderungen im Schulbereich ist es umso bemerkenswerter, dass es diese deutsch-italienische Klasse an der Murgtalschule noch immer gibt und sie jetzt ihr 20-Jähriges Bestehen hat. Die Murgtalschule war 1999 eine von zwei Grundschulen in Baden-Württemberg, in denen Italienisch unterrichtet wurde.

Schulleiterin Stephanie Hikisch und der ehemalige Schulleiter Armin Brutsche zeigen, wo die italienische Partnerschule Pinzolo liegt.
Schulleiterin Stephanie Hikisch und der ehemalige Schulleiter Armin Brutsche zeigen, wo die italienische Partnerschule Pinzolo liegt. | Bild: Brigitte Chymo

Auch 20 Jahre später sind es landesweit noch immer nicht mehr als drei Schulen landesweit. Dass Grundschüler ausgerechnet in Murg eine solche Möglichkeit hatte, hängt mit dem relativ hohen Prozentsatz italienischer Mitbürger in Murg zusammen und mit engagierten Menschen. Der frühere Bürgermeister Michael Schöke, der damals kommissarische Schulleiter Georg Dockhorn, Schulamtsdirektor Kurt Müller, und der ehemals als Verein agierende italienische Bildungsträger Coascitt, zuständig für den Muttersprachunterricht an den Schulen, brachten die erste deutsch-italienische Klasse auf den Weg. Zuvor hatte eine Umfrage bei den Eltern der künftigen Erstklässler ergeben, dass 50 Prozent ihre Kinder in der deutsch-italienischen Klasse anmelden würden.

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Mit dem Start der deutsch-italienischen Klasse 1999 trat auch Armin Brutsche seinen Posten als Schulleiter der Murgtalschule an. Während die Lehrer und Lehrerinnen damals in der zweisprachigen Klasse mit Kindern deutscher und italienischer Muttersprache echte Pionierarbeit leisteten, schlug sich der damalige Schulleiter mit verwaltungstechnischen Details herum. Denn wie sich per Zufall plötzlich herausstellte, war die zweisprachige Klasse noch gar nicht genehmigt. Erst 2001 lag das ersehnte Papier aus dem Kultusministerium auf dem Tisch, waren die gegenüber Regelklassen vier bis fünf Mehrstunden pro Woche genehmigt und war die deutsch-italienische Klasse als Projekt damit offiziell.

Lehrer der ersten Stunde

Marianne Gauerke und das Lehrerehepaar Maria und Luigi Alario, beide über Coascitt eingestellt, waren die Lehrer der ersten Stunde. Jahre später übernahm das italienische Konsulat diese Funktion. „Wir hatten zum ersten Mal Teamteaching an der Schule“, erinnert sich Brutsche, der das Projekt bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2017 begleitete. Da die Kinder in bestimmten Fächern in zwei Gruppen eingeteilt werden, und das jeweilige Thema zunächst in der einen und dann in der anderen Sprache unterrichtet werden, waren und sind enge Absprachen zwischen Klassenlehrer und italienische Kollegen erforderlich.

Mehrstunden kein Problem

Er habe nie den Eindruck gehabt, dass die Mehrstunden für die Kinder ein Problem seien, meint Brutsche im Rückblick. Als kurze Zeit später auch Englisch an der Grundschule unterrichtet werden musste, seien die Italienischstunden etwas reduziert worden, erzählt Brutsche. Die deutsch-italienische Klasse war von Anfang an für Kinder egal welcher Nationalität offen. Meistens waren das Kinder aus deutschem und italienischem Elternhaus. „Bisweilen hatte wir aber auch ein türkisches Kind mit in der Klasse“, erinnert sich Stephanie Hikisch, die 2017 die Schulleitung der Murgtalschule übernahm.

Zweisprachigen Kinder

Starke und schwächere Jahrgänge spiegeln sich bis heute auch in den deutsch-italienischen Klassen wieder. Mal reicht es für eine eigene Grundschulklasse bei der Einschulung mal nicht. Dann werden die „zweisprachigen Kinder“ als eigene Gruppe in der Klasse geführt. Von den Schülerzahlen in der vierten Klasse hängt es auch ab, ob über den Muttersprachenunterricht für kommende, interessierte Fünftklässler weiter Italienisch angeboten wird. Die Fortführung in der Sekundarstufe sei immer Thema gewesen, erzählt Brutsche. In den ersten Jahren habe es Absprachen mit den weiterführenden Schulen gegeben, damit interessierte Schüler am Muttersprachenunterricht teilnehme konnten. Irgendwann habe da dann nicht mehr geklappt.

Austausch mit Pinzolo

Bis heute haben die Kinder von der ersten Klasse weg Kontakt mit italienischen Kindern. Zunächst bestand ein Austausch mit dem italienischen Torbiato, dann mit Pinzolo. Jedes Jahr fährt die jeweils vierte Klasse im Mai/Juni nach Pinzolo, der Gegenbesuch ist dann im Herbst. Das Interesse der Kinder mit deutsche Muttersprache an der deutsch-italienischen Klasse war von Anfang an sehr gut. Brutsche schätzt, dass über die Jahre jeweils ein Drittel der Kinder aus deutschsprachigem beziehungsweise italienischsprachigem Elternhaus stammten und ein Drittel aus deutsch-italienischem Elternhaus.

Vorteil für Kinder

Aus Erfahrung der beiden Pädagogen profitieren alle Kinder. „Die deutschen Kinder lernen früh und spielerisch eine andere Sprache und Kultur kennen“, so Hikisch. Für die italienischen Kinder wiederum liegt der Vorteil darin, dass sie in Kleingruppen intensiv Deutsch lernen: „Der Spracherwerb ist schneller und damit auch der Lernerfolg.“ Brutsche nennt einen weiteren Aspekt: „Es ging immer auch um die Integration.“ Pünktlich zum 20-Jährigen wurde die deutsch-italienische Klasse übrigens ab 2018/19 zur Regelklasse erklärt. Nach fast 20 Jahren mit Projektstatus.