Gegensätzlicher könnte die Stimmung kaum in den Ortschaftsräten wohl kaum sein: Während sich der Ortschaftsrat Hänner mehrheitlich für die Beibehaltung der unechten Teilortswahl aussprach, ist der Nachbarort Oberhof für deren Abschaffung – wenngleich hier die Entscheidung hauchdünn ausfiel. Dabei waren sich die Ortsvorsteher in ihren Auführungen einig. Roland Baumgartner (Oberhof) und Dieter Muck (Hänner) halten die unechte Teilortswahl für ein antiquiertes Modell, das in heutiger Zeit nichts mehr zu suchen hat und allenfalls für personell aufgeblähte Gremien sorgt.

Doch die Ortschaftsratsgremien sind in dieser Frage geteilt. Vor allem befürchten sie zumindest in Teilen, dass die Ortsteile gegenüber dem Hauptort Murg unterrepräsentiert sein könnten, wenn die unechte Teilortswahl wegfällt. Das letzte Wort in dieser Sache hat der Murger Gemeinderat. Die Ratsmitglieder werden sich am 9. April mit der Frage befassen. Der Ortschaftsrat Niederhof wird am Dienstag, 20. März, um 20 Uhr über die unechte Teilortswahl beraten.

Hänner mehrheitlich für Beibehalt

Die Tendenz der Abstimmung im Ortschaftsrat Hänner am Dienstagabend war klar: bei jeweils vier Gegenstimmen zu zwei Befürwortungen und einer Enthaltung, sprachen sich die Ortschaftsräte für die Beibehaltung der unechten Teilortswahl in der Gemeinde Murg aus. Und auch die Reduzierung der Gemeinderatssitze von 18 auf 14 Sitze wurde abgelehnt. Vor der Diskussion im Ortschaftsrat referierte Murgs Hauptamtsleiter Werner Vökt zu dem aktuellen Thema, wobei er Fakten und Zahlen aufzeigte. Vor allem die hohe Fehlerhäufigkeit bei der Abstimmung durch das komplizierte Wahlverfahren führte er den Ratsmitgliedern deutlich vor Augen. So führt offenkundig die Fülle an Kandidaten bei den Wahlberechtigten für Verwirrung. Bei der Wahl 2014 waren an die 100 Stimmzettel (vier Prozent) ungültig. 7758 Stimmen (19 Prozent) seien gar "verschenkt" worden oder waren ungültig.

Abgesehen davon hält Ortsvorsteher Dieter Muck (CDU) die unechte Teilortswahl für ein Modell von gestern: "Das Ortsteildenken ist nicht mehr angesagt, es ist an der Zeit es abzuschaffen." Über 40 Jahre nach der Gemeindereform sei dieser Schritt überfällig. Zumal: Er verspüre ein Gemeinschaftsdenken innerhalb der Gemeinde, das über die Ortsteilgrenzen hinausgehe, konstatierte Muck aus seiner Erfahrung als Murger Gemeinderat. Sein Appell an die Ortschaftsräte lautete dann auch, ein Zeichen zu setzen und die unechte Teilortswahl abzuschaffen. Diesem Ansinnen folgte am Ende aber lediglich CDU-Ortschaftsrätin Anja Ebner-Hagist, die Mucks Argumente unterstützte und die Ansicht vertrat: "Durch die Abschaffung der unechten Teilortswahl werden die Ortsteile sogar gestärkt."

Die übrigen Ortschaftsräte sahen die Angelegenheit dagegen wesentlich kritischer. "Ich bin hin und her gerissen", bekundete Stefan Ganser (FW): "Es steht und fällt alles mit den richtigen Kandidaten." Und gerade darin sah auch das Gros der Ortschaftsräte das Problem. Denn sollten sich nicht genügend geeignete Kandidaten für die Kommunalwahl 2019 finden lassen, die auch über Rückhalt im Hauptort verfügen, bestehe die Gefahr, dass die Ortsteile gar nicht oder nur unterdurchschnittlich im Gemeinderat vertreten sind. Bis jetzt hat Hänner zumindest ein Anrecht auf drei Sitze im Gemeinderat. Der Kommentar von Dieter Muck dazu: "Es kommt mir so vor, als ob die Ortsteile gegen den Hauptort kämpften."

Stefan Ganser enthielt sich bei der Abstimmung zur Abschaffung der unechten Teilortswahl. Dagegen stimmten die CDU-Ortschaftsräte Markus Jehlin und Alexander Ücker sowie Kurt Behringer und Richard Kaufmann (beide FW). Die Abstimmung über eine mögliche Reduzierung der Murger Gemeinderäte von derzeit 18 auf 14 verlief ähnlich. Dafür waren Dieter Muck und Anja Ebner-Hagist. Dagegen stimmten Markus Jehlin, Alexander Ücker, Richard Kaufmann sowie Stefan Ganser. Kurt Behringer enthielt sich der Stimme.

Vor der Sitzung meldete sich in der Fragerunde für Bürger Gerhard Goering zu diesem Thema zu Wort. Goering der vor über 40 Jahren selbst an der Erstellung der Ortsverfassung beteiligt war, äußerte seine Bedenken zur Abschaffung der unechten Teilortswahl und warnte, dass eine Abschaffung nicht mehr rückgängig gemacht werden könne. Er gab zu bedenken, dass dies vor allem dann schmerzlich sei, wenn kein Vertreter aus Hänner mehr im Gemeinderat vertreten sei.

Oberhof knapp für Abschaffung

Auch im Ortschaftsrat von Oberhof stand die mögliche Abschaffung der unechten ganz oben auf der Tagesordnung. Und auch dieses Ortsgremium machte sich die Entscheidung nicht leicht. Unter Vorsitz von Ortsvorsteher Roland Baumgartner (FW) entspann sich eine kontroverse Diskussion unter den Ortschaftsräten. Auch stieß das Thema bei den Bürgern auf wesentlich größeres Interesse als bei Ortschaftsratssitzungen üblich, auch wenn statt der sonst zwei dieses Mal sechs Zuschauer die Sitzung verfolgten. Nach Dafürhalten von Roland Baumgartner war der Zuspruch aus der Öffentlichkeit "trotzdem zu gering, wenn man die möglichen politischen Folgen einer Abschaffung der unechten Teilortswahl bedenkt". Für Baumgartner ein deutliches Zeichen dafür, dass die überwiegende Mehrheit der Bürger durchaus auch ohne unechte Teilortswahl leben könnte.

Daher plädierte er ähnlich wie bei der Einwohnerversammlung vergangene Woche in Hänner die Abschaffung dieses in die Jahre gekommenen Instruments. Sonja Eckert (CDU) hielt dagegen: Sie argumentierte für die Beibehaltung der unechten Teilortswahl. Die Abstimmung am Ende der Diskussion erbrachte ein denkbar knappes Ergebnis: Mit drei gegen zwei Stimmung votierte der Ortschaftsrat für die Abschaffung der unechten Teilortswahl: Roland Baumgartner, Ursula Rünzi (FW) und Angelika Eckert (CDU) waren dafür, während Sonja Eckert und Dietmar Brutsche (CDU) für deren Beibehaltung stimmten.

Im Anschluss erörterte der Ortschaftsrat ebenfalls die Frage, ob der Gemeinderat nach der Abschaffung der unechten Teilortswahl zukünftig aus 14 oder 18 Gemeinderäten bestehen soll. Hier votierte der Ortschaftsrat einstimmig für die große Variante mit 18 Gemeinderatsmitgliedern. Dies entspricht der jetzigen Stärke des Gemeinderates, allerdings ohne die Überhangmandate. Mit den Überhangmandaten zählt der Gemeinderat von Murg derzeit 21 Räte.