Das Haus am Kirchplatz von Lottstetten sieht alt und abgewohnt aus, der Putz bröckelt von den Außenwänden. Aber die Anra-Brüder – auch bekannt als die Künstlerzwillinge Andreas und Ralph Hilbert – strahlen: Sie haben es von der Gemeinde Lottstetten für ein Jahr erhalten, um daraus ein Künstlerhaus zu gestalten: „Davon haben wir schon immer geträumt“, sagen die Beiden wie aus einem Mund. Das alte Pfarrhaus stand bisher zehn Jahre lang leer, war nur vorübergehend Flüchtlingsunterkunft und Notunterkunft für eine durch Brand geschädigte Familie.

Seit Januar gestalten und renovieren die Zwillinge die zehn Räume, malen Wände an und installieren Lampen. Nur wenig Möbel – darunter ein zum stacheligen Kunstwerk umgeformter Stuhl – wollen sie behalten, denn alles soll neu mit ihrer Kunst gestaltet werden. Und die ist schon sehr präsent: Jeder Raum wird einem Thema unterstellt und zur Einstimmung lockt im Flur – frei nach Donald Trump – eine freche Skizze mit kessem Pinup-Girl: „We make Lottstetten great again!“

Andreas (vorne) und Ralph Hilbert auf der Treppe des Künstlerhauses zusammen mit zwei Schaufensterpuppen. Bild: Rosemarie Tillessen
Andreas (vorne) und Ralph Hilbert auf der Treppe des Künstlerhauses zusammen mit zwei Schaufensterpuppen. Bild: Rosemarie Tillessen

Vielleicht kurz zur Erklärung: Die Anra-Brüder nennen sich Trash-Art-Künstler. Das ist eine Kunstrichtung, die bevorzugt mit Fundstücken, Massenprodukten und Wohlstandmüll arbeitet. Andreas und Ralph Hilbert verwenden diese Materialien für ihre Collagen, Skulpturen und Installationen. Nichts scheint vor ihrer Sammelwut sicher zu sein, wie man beim Rundgang schnell entdeckt: Da türmen sich alte Fässer, ein Globus steht mitten in Plastikfolie, auf der Toilette sitzt eine wehrhafte Figur mit Gewehr und herumliegenden Patronen, und auf der Treppe stößt man auf umgestaltete Schaufensterpuppen. Denn die Anra-Brüder haben mit all ihrer Kunst eine flammende politische Botschaft, für die sie die Betrachter sensibilisieren wollen: Sie stehen für eine friedliche, kreative Welt, in der es keinen Platz für Gewalt und Unterdrückung gibt und die sich gegen Massenkonsum, Verschwendung und Schnelllebigkeit richtet.

Diese Botschaft erreicht den Besucher gleich beim Betreten der einzelnen Themenräume: Da gibt es etwa die Installation „Mensch fressen Erde“, eine Skulptur gegen Atomkraft, die nach Fukushima eine neue Aktualität erhielt: Ein mit Gabeln bewaffnetes Baby krabbelt auf einem Atomfass und symbolisiert den unersättlichen Hunger der Menschheit nach Rohstoffen. Oder den Raum mit Tafelinstallationen, in dessen Mitte bis zur Eröffnung eine riesige Festtafel aufgebaut sein wird mit aufgespießten Geldscheinen, Tellern mit Waffen und kleinen Zinnsoldaten sowie Giftmüll-Warnschildern. Diese drastische Installation – sie nennen sie „Kreativität frisst Krieg“ – haben sie schon einmal in der Stadtscheuer in Waldshut aufgebaut. Jetzt ist sie um weitere Installationen an der Wand erweitert worden. Doch nicht alles ist Anklage. Im oberen Stockwerk etwa haben die Brüder ein Atelier zum Arbeiten eingerichtet. Oder sie zeigen in einem Raum eine Installation mit ihren wunderschönen und kostbaren Künstlerbüchern, für die sie im vergangenen Jahr auf der Regio Art in Lörrach einen Kunstpreis gewannen: Diese von ihnen gestalteten Künstlerbücher, die sie irgendwo gefunden haben, wurden dann erst lange Zeit Regen und Wind ausgesetzt: „Das gibt ihnen eine spezielle Patina.“ Erst dann wurden sie künstlerisch mit Farbe, Collagen und Zeichnungen bearbeitet und mit ihrer ganz speziellen Geheimschrift „Codex Anra“ beschriftet. Und anschließend pergamentiert und damit konserviert. Der Besucher kann schon jetzt zwei dieser kostbaren Bücher über einen Beamer an der Wand durchblättern.

Ralph (links) und Andreas Hilbert vor dem Künstlerhaus in Lottstetten.
Ralph (links) und Andreas Hilbert vor dem Künstlerhaus in Lottstetten.

Es gibt auf beiden Stockwerken viel zu entdecken. Zur politischen Botschaft kommt viel Schönheit, Witz, hintergründige Ironie und Ästhetik hinzu. Gibt es da nicht manchmal auch unterschiedliche Auffassungen von Kunst? Sie lachen: „Nein, wir arbeiten immer zusammen. Bei uns klappt das.“

Am 23. März soll dieses Künstlerhaus in Lottstetten nun eröffnet werden: zunächst mit einer großen Solo-Show von eigenen Werken der vergangenen zehn Jahre und einer anschließenden kleinen Elektroparty der Gruppe „Too Many Words“. Im Lauf des weiteren Jahres sind dann auch wechselnde Ausstellungen mit regionalen und internationalen Künstlern und weiteren Events geplant. Beide sprühen vor Energie und stecken voller Pläne. Und ihr größter Traum wäre, dass ihnen das Künstlerhaus auch noch länger zur Verfügung steht.

Ein vollmundiges Versprechen der ANRA-Brüder. Bild: Rosemarie Tillessen
Ein vollmundiges Versprechen der ANRA-Brüder. Bild: Rosemarie Tillessen

Die Künstler: Seit einigen Jahren haben die Anra-Brüder ihren künstlerischen Durchbruch, etwa mit Einzel- und Gruppenausstellungen in Waldshut, Berlin, München, Teneriffa oder Lörrach und dem IBC (Internationaler Bodenseeclub). Eröffnungsprogramm am 23. März um 19 Uhr im Künstlerhaus am Kirchplatz 2 in Lottstetten mit einer großen Solo-Show (Laudatio Kolibri) und einer Elektroparty mit „Too Many Words“. Ausstellung bis 29. April, donnerstags, samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr geöffnet.