Im Kreis fehlt es nicht nur an bezahlbarem Wohnraum. Dieser Mangel trifft zunehmend auch die Mitte der Gesellschaft. Dieses Fazit ziehen die Verantwortlichen des Erich-Reisch-Hauses auf Basis der Nachfrage nach den Beratungs- und Hilfsangeboten der Einrichtung im vergangenen Jahr. Diese Entwicklung und die hohe Nachfrage nach günstigen Wohnraum sei „beunruhigend“, betonte Stefan Heinz, Leiter der Einrichtung der Wohnungslosenhilfe, mit dem Jahresbericht am Montag in Lörrach. Tatsächlich zeige sich der Bedarf nach mehr sozialem Wohnungsbau immer deutlicher.

Der Verlust oder der drohende Verlust der Wohnung wird angesichts der Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt für immer mehr Menschen im Kreis zum Problem. Diese Aussage wagen Heinz und sein Team im Erich-Reisch-Haus auf Basis der Entwicklungen vergangenes Jahr und vor dem Hintergrund, dass ihre Zahlen vergleichsweise belastbar seien, so Heinz. So betreute die Fachstelle für Wohnungssicherung in den Büros in Lörrach, Weil und Rheinfelden 2017 erneut mehr Haushalte als 2016. Die Übernachtungszahlen der Notschlafstelle zeigen ebenfalls nach oben und die Nachfrage nach längerfristigen Wohn- und Betreuungsangeboten verharrte auf hohem Niveau (Info).

Das Thema Wohnungsnot überschatte derzeit zwar vieles, schilderte Heinz, aber es ist gleichwohl nicht das einzige, das die zum Netzwerk der kirchlichen Hilfsorganisationen zählende Einrichtung 2017 beschäftigte. Auch die klassische Obdachlosenhilfe bis hin zu dem 2016 begonnenen Projekt der mobilen Obdachlosenbetreuung spiele weiter eine zentrale Rolle. Indes gibt’s auch da Verschiebungen, erläutert Marc Horn. So beobachte er in seinem Bereich neben der klassischen Klientel, der durch Sucht oder psychische Probleme Wohnsitzlosen, ebenfalls zunehmend Vertreter einer Mittelschicht – Menschen, die auf der Suche nach Arbeit und von dem boomenden Arbeitsmarkt und den hohen Löhnen in der Schweiz angelockt wurden und in der Regel mit Hilfe von Zeit- und Leiharbeitsfirmen auch Arbeitsplätze finden, aber eben keine Wohnung in der Region. Auch diese mitteleuropäische Variante des Wanderarbeiters suche inzwischen immer häufiger Hilfe im Erich-Reisch-Haus.

Viele Ressourcen fließen inzwischen aber fraglos in die Beratung und Begleitung von Haushalten, die von Wohnungsnot bedroht sind. Die Gründe dafür reichten von Mietschulden infolge von Krisen wie einer Scheidung bis zu Eigenbedarfskündigungen, schildert Sylvia Ziegler von der Fachstelle Wohnungssicherung. Auch da sei zu beobachten, dass diese Entwicklung zunehmend Normalverdiener aus der Mittelschicht treffe – etwa Alleinerziehende mit Kindern, die nach einer Trennung Probleme bekommen, die Miete noch zu bezahlen, angesichts der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt aber auch kaum eine Chance hätten, in der Region günstigeren Wohnraum zu finden, erklärt Ziegler. Rund 30 Prozent der Haushalte kämen dabei inzwischen im Übrigen auf eigene Initiative und vor einer Räumungsklage in die Beratung. Dass diese 2017 für 102 Haushalte eine Sicherung der Wohnung ermöglicht oder eine Alternative eröffnet habe, sei ein „besonderer Erfolg der Einrichtung“.

Insofern sei zu hoffen, dass die Landesregierung ihre Ankündigung einhalte und ein flächendeckendes Netz an Präventionsfachstellen einrichte und finanziere, erinnert Stefan Heinz diese an ihren Koalitionsvertrag. Noch wichtiger aber sei eine stärkerer Wiederbelebung und ein forcierter Ausbau des sozialen Wohnungsbaus. Die Politik rede da mittlerweile erfreulicherweise zwar schon viel darüber, aber gebaut wird nach wie vor zu wenig , stellt Heinz fest.

 

Erich-Reisch-Haus

Das Erich-Rausch-Haus bietet Hilfe und Prävention an für wohnungslose Menschen und gehört zum Fachverband für Prävention und Rehabilitation der Erzdiözese Freiburg. Neben der Zentrale in Lörrach hat es Beratungsstellen in Weil und Rheinfelden, eine Wärmestube in Weil und seit 2017 eine Wohngruppe nur für obdachlose Frauen in Lörrach-Brombach. Die präventiven Angebote der Fachstelle für Wohnungssicherung nutzten 2017 exakt 343 Haushalte (2016: 339). Den Beratungsdienst suchten 765 Menschen auf (2016. 813). Die Übernachtungen in der Notschlafstelle stiegen auf 1384 (2016:1272). In längerfristigen Wohn- und Betreuungsangeboten waren 141 Personen registriert (2016: 144). 97 Betreuungen wurden beendet. (alb)