Herr Lahl, die Schweiz und Frankreich forcieren die Bahnanbindung des Euroairports. Auf Schweizer Seite ist das Projekt inzwischen finanziert. Wie steht das Land zu dem Vorhaben?

Grundsätzlich sehen wir eine Bahnanbindung positiv. Uns freut es, wenn die Schweiz und Frankreich jetzt dabei sind, damit vorankommen. Aber man darf nie vergessen: Dieser Bahnanschluss dient aus unserer Sicht primär Interessen in der Schweiz und Frankreich.

Obwohl rund ein Viertel der inzwischen fast neun Millionen Fluggäste, also fast 2,5 Millionen Menschen aus Baden-Württemberg kommen?

Wir sehen uns keineswegs ganz außen vor und sind auch bereit, das Projekt mit einem Interessenbeitrag finanziell zu unterstützen.

So klar war das bislang aber nicht: Das Land und gerade das Verkehrsministerium waren hinsichtlich dieses Interessenbeitrags, den der frühere Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) schon 2009 in Aussicht gestellt hatte, zuletzt eher vage.

Das stimmt so nicht. Wir drücken uns nicht. Die Aussage eines Ministerpräsidenten , bezogen auf langfristig angelegte Infrastrukturplanungen, hat Bestand. Auch wenn es inzwischen zehn Jahre her ist, Herr Oettinger nicht mehr amtiert und sich die politischen Verhältnisse verändert haben. Was offen ist, ist die Höhe dieses Beitrags.

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Es ist also ein für allemal festzuhalten: Das Land steuert einen Beitrag zur Bahnanbindung des Euroairportes bei?

Ja.

Wie hoch fällt dieser aus?

Das ist eine Frage der Verhandlungen. Diese führen wir nicht über die Presse. Wir als Land Baden-Württemberg sind gerne dazu bereit, uns konstruktiv und im Sinne der Förderung des Schienenpersonennahverkehrs als umweltverträgliche Alternative zum Pkw-Verkehr zu beteiligen. Aber bislang ist unklar, was das Projekt kostet. In diesem Stadium konkrete Summen zu sprechen, ist aus unserer Sicht zu früh.

Uwe Lahl
Uwe Lahl | Bild: Sebastian Berger

Die zehn Millionen Euro, von denen Günther Oettinger 2009 sprach, sind also nur ein Orientierungsrahmen?

Wir kennen bislang nur grobe Kostenschätzungen. Auf welcher Grundlage könnten wir die Höhe des Interessenbeitrags benennen? Klar ist: Baden-Württemberg beteiligt sich an dem Projekt. Über die Summe wird zu sprechen sein.

Im Juli wollte sich das Ministerium in der Frage anders als das Regierungspräsidium Freiburg nicht so klar festlegen. Hat das Ministerium seine Position nachjustiert oder gab es Abstimmungsprobleme?

Weder noch. Als oberste Verwaltungsebene, die solche Projekte als letztlich entscheidende Instanz ausarbeitet, müssen wir behutsam und mit einem Blick für das ganze Land operieren. Das Regierungspräsidium kann sich mehr aus der regionalen Perspektive des Regierungsbezirkes positionieren. Das liegt doch auf der Hand.

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Hierzulande gibt es vereinzelt Zweifel am Mehrwert einer Bahnanbindung, weil die direkte Anbindung der deutschen Seite nur langfristig nach der Eröffnung des angedachten Bahntunnels in Basel, des Herzstückes, geplant ist, und auch dann nur für die Strecke aus Richtung Freiburg und Offenburg.

Zum einen brauchen Schieneninfrastrukturprojekte ihre Zeit. Das erleben wir immer wieder – ein Beispiel ist die Elektrifizierung am Hochrhein. Zum anderen ist zu bedenken, dass das Fahrgast- und damit das Verkehrsverlagerungspotenzial auf die Schiene, um das es auch geht, entlang der Oberrheinstrecke im südbadischen Einzugsgebiet des Flughafens am größten ist. Freiburg mit Umland, der Kreis Emmendingen und der Ortenaukreis kommen zusammen auf rund eine Million Einwohner. Da ist eine Durchbindung effektiver und nachhaltiger, als eine aus dem Wiesental mit einem Zehntel dieses Potenzials. Diese Logik ist nachvollziehbar. Bahnen und S-Bahnen sind Massenverkehrsmittel. Aber hier eröffnen sich, wenn das Herzstück um das Jahr 2040 funktionieren sollte, ganz neue Möglichkeiten für die Anbindung des Wiesentals an den Euroairport. Fahrgäste aus dem Wiesental können dann statt in Basel SBB in der neuen unterirdischen Haltestelle Basel-Mitte mit kurzer Wartezeit zum Euroairport bequem umsteigen.

Das heißt, für Flugreisende aus dem Kreis Lörrach, die öffentliche Verkehrsmittel nutzen, bleibt es trotz Bahnanbindung des Euroairportes bei der unbequemen Lösung eines Umsteigens in Basel?

Deshalb arbeiten wir mit dem Kreis Lörrach an einer ergänzenden und auch schnelleren Alternative. Wir wollen eine Regiobus-Linie im Stundentakt von Lörrach über Binzen, Haltingen, die Palmrainbrücke und dem Bahnhof Saint-Louis zum Euroairport etablieren. Diese Linie ist vergleichsweise schnell zu realisieren, weil keine aufwändige Infrastruktur gebaut werden muss, und würde vom Land mit 50 Prozent bezuschusst. Dann gibt es Alternativen: die S-Bahn mit Umsteigen in Basel oder die Regiobus-Linie.

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Ist dieser Bus komplementär zur Bahnanbindung des Euroairportes gedacht oder entfällt sie mit dieser wieder?

Zunächst kommt die Regiobuslinie einfach früher. Eine Schienenanbindung des Euroairports kommt frühestens in zehn Jahren, ich vermute erst nach 2028. Solange können wir den Bus verkehren lassen, und zwar additiv, nicht alternativ. Wir wollen das Bahnprojekt nicht unterlaufen, eine Langfristperspektive des Busses hängt dann von den Auslastungen ab. Aber ein Angebot, das den wachsenden nördlichen Teil des Ballungsraums um Lörrach und Weil am Rhein besser erschließt, gegebenenfalls den Vitra Campus integriert und direkt mit Saint-Louis und dem Flughafen verbindet, könnte auch dauerhaft Potenzial haben.

Welchen Stellenwert haben diese grenzüberschreitenden Nahverkehrs- und Schienenprojekte für das Land?

Das hat sehr hohen Stellenwert. Dafür engagieren wir uns und haben es dank des Einsatzes von Minister Winfried Hermann und der regionalen Bundestagsabgeordneten geschafft, dass das Bundesverkehrsministerium, das für die Infrastruktur grenzüberschreitender Schienenprojekte zuständig ist, eine eigene Haushaltsposition erhält, um Projekte finanzieren zu können. Wir sind zwar nicht völlig außen vor, was den Ausbau angeht, akzeptieren es aber nicht, den grenzüberschreitenden Verkehr zur Ländersache zu erklären, wie es der Bund zeitweise versucht hat. Dem Bund gehört die Infrastruktur, er kann nicht nur den Straßenbau bevorzugen. Es muss mehr Geld in die Schiene investiert werden. (alb)