„Auf dem Weg zur Demokratie haben Frauen eine wichtige Rolle gespielt“, sagte Muhterem Aras. Die baden-württembergische Landtagspräsidentin war am Samstag beim Tag der Demokratie in Lörrach zu Gast und hielt die Revolutionsrede. Sie erinnerte an die Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren und betonte, dass nach wie vor einiges zu tun sei. In der Innenstadt gab es zudem mehrere Themenführungen, eine Podiumsdiskussion und einen Markt.

Die Rede

Wenn man auf die Revolutionen zurückblicke, sehe man die Männer mit ihren Flaggen und ihren erhobenen Waffen, sagte Aras bei ihrer Ansprache. Es lohne sich aber immer, einen zweiten Blick auf das zu werfen, was einem präsentiert wird. Frauen seien es gewesen, die etwa die Fahnen bestickten, eine ebenso revolutionäre und damals strafbare Tätigkeit.

Zu oft sei der Beitrag der Frauen zur Revolution übersehen worden. Erst am 3. November 1918 hätten sich die Frauen endlich mit ihren Forderungen nach einer Wahlrechtsreform durchgesetzt; in Baden mal wieder etwas schneller als im Rest des Landes. So konnten Frauen hier bereits am 5. Januar 1919 wählen und gewählt werden.

„Was würden die Vorkämpferinnen von damals heute sagen“, fragte die Landtagspräsidentin. Zum einen sei vieles erreicht worden, seit 14 Jahren habe man eine Bundeskanzlerin, mittlerweile sogar die erste EU-Kommissionspräsidentin. Auf den zweiten Blick jedoch müsse man feststellen, dass der Frauenanteil im Bundestag bei der jüngsten Wahl auf den niedrigsten Wert seit 20 Jahren gefallen sei. Auch der Landtag in Stuttgart sei nur zu 26,6 Prozent weiblich. Noch immer gebe es 22 Gemeinden im Land ohne eine einzige Frau im Gemeinderat. Parlamente sollten eigentlich der Spiegel der Gesellschaft sein. Wie damals brauche es auch heute Mut und einen zweiten Blick, so Aras.

Die Frauen der Stadt

Was wäre eine Feier zum 100. Jubiläum des Frauenwahlrechts in Lörrach ohne den Blick auf Lörrachs Frauen? Auch hier haben Frauen um ihre Rechte gerungen, auch hier wollten Frauen sich in das gesellschaftliche Leben einbringen. Heike Röckel führte eine interessierte Schar durch die Stadt. Dabei erzählte sie nicht nur von Lörracher Frauen.

Revolutionssuppe beim Markt der Zivilgesellschaft.
Revolutionssuppe beim Markt der Zivilgesellschaft. | Bild: Martina David-Wenk

Am 11. September 1911 hatten Rosa Luxemburg und Clara Zetkin der damals aufstrebenden Industriestadt einen Besuch abgestattet. Der Markgräfler Hof mit seinem großen Saal war der städtische Veranstaltungsraum, in welchem auch politische Versammlungen stattfanden. Im Eckhaus der Teichstaße und der Tumringer Straße wohnte Minna Vortisch. Sie hatte sich für das Frauenstimmrecht stark gemacht und war 1918/19 auch kurzzeitig Mitglied des Volksrates, einer Erweiterung der Arbeiter- und Soldatenräte. Gemeinsam mit Lisa Rees-Stier hatte sie den Lörracher Hausfrauenverein gegründet. Emilie Herbster war die einzige Gemeinderätin, die den ersten Bürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg mitgewählt hatte. Erst 1971 sollte es mit Anni Rosenke wieder eine gewählte Gemeinderätin geben, 1982 sind es dann drei gewesen. Heute sind von 32 gewählten Räten 14 Frauen, womit Lörrach fast an der 50 Prozent Marke kratzt.

Der Markt

„Was wäre Ihnen besonders wichtig, wenn Sie Oberbürgermeisterin von Lörrach wären?“ Oder: „Was wäre Ihre erste politische Maßnahme als Kanzlerin?“. Diese Fragen stellten die Vertreter des Gemeinderats an ihrem Stand auf dem Markt der Zivilgesellschaft. Als eine von 13 Vereinigungen oder Organisationen luden sie die Bürger ein, ins Gespräch zu kommen. Die Antworten reichten von mehr Klimaschutz über eine bessere Integrationspolitik über gleiche Bildung hin zu einer besseren Bezahlung für soziale Berufe. Man könnte fast meinen, die Lörracher setzen sich nach wie vor für die Erfüllung der Ziele Gustav Struves ein, getreu dem Leitsatz „Wohlstand, Bildung, Freiheit für alle“.

Gleichwohl drängte sich der Eindruck auf, dass die Cafés rund um den Marktplatz auf die meisten Besucherinnen und Besucher einen größeren Reiz entwickelten als der Markt der Zivilgesellschaft. Daran konnten auch Muhterem Aras, Oberbürgermeister Jörg Lutz, Bürgermeisterin Monika Neuhöfer-Avdic und Josha Frey nichts ändern, die sich nach Aras‚ Rede unter das Volk an den Ständen mischten. Die City Band der Stadtmusik Lörrach sorgte für musikalische Unterhaltung, während am Essensstand eine sogenannte Revolutionssuppe aus „Chrut un Ruebe“ angeboten wurde.

Landtagspräsidentin Muhterem Aras mit Oberbürgermeister Jörg Lutz. Aras hielt die Revolutionsrede.
Landtagspräsidentin Muhterem Aras mit Oberbürgermeister Jörg Lutz. Aras hielt die Revolutionsrede. | Bild: Martina David-Wenk

Die Schauplätze

Angeblich, so Stadtführer Hubert Bernnat, sei die deutsche Republik von Struve bereits im Stettener Gasthaus Rössle ausgerufen worden, bevor man schließlich nach Lörrach weiterzog. „Aber das gönnen wir den Stettenern nicht“, grinst er verschmitzt. Die Teilnehmer der Führung „Schauplätze der Revolution von 1848/49“ lachen. Eins wurde schnell deutlich: Die Wirte spielten eine wichtige Rolle. Ob nun der Wirtssohn und damalige Bürgermeister Karl Wenner vom „Wilden Mann“ oder der damalige Hirschenwirt Markus Pflüger; ohne die Unterstützung wichtiger lokaler Akteure wäre die dreitägige Revolution wohl nie möglich gewesen.

Das zeigt auch die Zeitreise in den September 1848 des freien Theaters Tempus fugit. Johannes Demmler suchte als Markus Pflüger zu Beginn Freiwillige für eine Bürgerwehr. Mit den 20, die es an diesem Abend sind, ist der Hirschenwirt zufrieden. Markus Pflüger ist von der Revolution überzeugt, wenn auch nicht so fanatisch wie Gustav Struve (Maximillian Scheible), den er vor dem „Pädagogikum“ (heute das Dreiländermuseum) treffen wird.

Struve freut sich über die Freiwilligen und mit ihnen will er am Rathaus die Republik ausrufen. An der Kirche will ihn der dortige Pfarrer Reinhard Schellenberger (Jusuf Röben) aufhalten, er befürchtet einen blutigen Ausgang des Putsches. Der Dialog zwischen Schellenberger und Struve, zwischen dem Bedächtigen und dem Revolutionär, hat an Aktualität nichts verloren. Noch immer geht es um die Radikalität. Nach seiner Rückkehr aus den USA hatte Gustav Struve übrigens den ersten deutschen Vegetarierverein gegründet. Diesen gibt es immer noch. Dass Struve kein Fleisch aß, sah Hubert Bernnat mit Augenzwinkern als einen der Gründe, weshalb die Revolution schnell scheiterte. „Es war gerade Weinlese. Welcher Bauer verlässt für einen Vegetarier und Nicht-Alkoholiker seine Reben?“