Lörrach – Weiß. Blau. Gelb. Bunt sind die Straßenränder im Landkreis Lörrach derzeit. Und was da so wächst, sind nicht nur Allerweltsarten, sondern auch solche, die die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg auf der Roten Liste gefährdeter Pflanzenarten führt. Ruth Noak, promovierte Biologin aus Steinen-Lehnacker, kennt viele der Arten und ihre Standorte entlang der Kreis- und Kommunalstraßen. Sie schwärmt von Flügelginster, Wald-Geißbart, Großer Gelber Fingerhut und Berg-Sandglöckchen: Arten, die sie sonst kaum noch findet.

Warum diese botanischen Raritäten gerade an der Straße wachsen, darüber informiert das Baden-Württembergische Ministerium für Verkehr in seiner Broschüre „Straßenbegleitgrün“: „In einer Zeit zunehmend intensiver Landnutzung stellen die Flächen entlang von Verkehrswegen zusammen mit Feldrainen, Wegrändern, Waldwegen und Gräben in manchen Regionen häufig die einzigen extensiv genutzten Bereiche dar.“ Auf Wiesen, Weiden, im Wald oder in Gärten sucht man diese Pflanzen meist vergebens. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes beträgt jedoch der Anteil der Bundes-, Landes- und Kreisstraßen nur ein Prozent der Bodenfläche im Landkreis Lörrach – wenig Platz für botanische Seltenheiten.

Ruth Noak war mehr als 20 Jahre ehrenamtliche Naturschutzbeauftragte des Kreises und kennt viele der Standorte schon seit Langem. In dieser Zeit hat sich viel entwickelt. Das baden-württembergische Verkehrsministerium erkennt mittlerweile an, dass „die etwa 27 000 Hektar Straßenbegleitgrün in Baden-Württemberg wichtige Elemente der grünen Infrastruktur sind. Sie können als Rückzugs- und Teillebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten eine wichtige Funktion im Naturhaushalt übernehmen.“

Hinsichtlich der praktischen Arbeiten entlang der Straße rät das Ministerium zu einer „ökologischen Orientierung der Pflege“. Sie soll so ausgerichtet werden, dass „die biologische Vielfalt am Straßenrand zunimmt“, allerdings fügt das Ministerium an: „Ohne, dass die verkehrlichen und betrieblichen Belange darunter leiden.“ Der Landkreis Lörrach sieht das genauso, sagt Mai-Kim Lâm, Pressesprecherin des Landratsamtes: „Die Straßenmeistereien können durch eine entsprechende Ausrichtung der Grünpflege einen Beitrag zum Artenschutz leisten. Die Verkehrssicherungspflicht steht jedoch an erster Stelle.“

Mähen nach der Samenreife

Stellt sich die Frage, wie praktische Naturschutzarbeiten entlang der Straße tatsächlich umgesetzt werden können. Das Verkehrsministerium nennt drei Punkte: Die Wahl des Pflegezeitraums, die Pflegehäufigkeit und die Mähtechnik. Die Pflanzen sollten „erst Samenreife erreichen“, bevor sie gemäht werden. Es sollte so oft gemäht werden, dass Büsche nicht aufkommen, die sonst seltene Gräser und Kräuter verdrängen. Zu häufiges Mähen habe zur Folge, dass „die Anzahl vorkommender Tier- und Pflanzenarten abnimmt.“

In Sachen Mähtechnik warnt das Ministerium ausdrücklich vor dem Mulchen. Dazu heißt es: „Beim Mulchen und der Pflege ohne Abräumen verbleibt das Schnittgut auf der Fläche ... Dadurch wird die Nährstoffverfügbarkeit des Standorts erhöht. Das führt dazu, dass konkurrenzschwache Arten, wie sie auf nährstoffarmen Standorten vorkommen, von konkurrenzstarken Arten, die an nährstoffreiche Standorte angepasst sind, verdrängt werden.“ Aus Sicht des Naturschutzes sind die „Magerstandorte“ jedoch interessanter.

Der Landkreis Lörrach wird nach Angaben von Pressesprecherin Mai-Kim Lâm folgendermaßen aktiv: Zwischen den beiden Straßenmeistereien des Kreises in Schönau und Kandern-Wollbach sowie weiteren des Landes finde ein regelmäßiger Austausch statt. Die Landesstelle für Straßentechnik bietet Schulungen und Fortbildungen in straßenbetrieblichen Aufgaben für Straßenmeister und Straßenwärter an, die sich auch mit Aspekten der ökologisch orientierten Pflege auseinandersetzen. Es gibt außerdem einen „Abgleich der Pflegehäufigkeiten“.

Keine Alternative zum Mulchen

Bei der Straßenmeisterei Kandern-Wollbach ergibt sich in Bezug auf ökologische Aspekte ein anderes Bild: „Ökologisch sensible Stellen entlang der Straße wurden bislang nicht bestimmt; im derzeitigen Ressourceneinsatz ist das auch nicht geplant“, sagt deren Leiter Thomas Ühlin. Bei der Mähtechnik scheint kein Weg am Mulchen vorbeizuführen: „Eine Alternative zum Mulchmäher gibt es nicht, zumal das Mähgut mit großem Arbeitskräfte- und Arbeitszeitbedarf aufgenommen und abgefahren werden müsste. Solche Ressourcen stehen uns nicht zur Verfügung. Balkenmäher anzuschaffen, ist nicht vorgesehen.“

Auf Kommunalebene sieht es ähnlich aus. Dietmar Thurn, Bauamtsleiter der Gemeinde Steinen, sagt: „Es wird immer gemulcht.“ Die Gemeinde mäht nicht selbst, sondern vergibt Aufträge an drei bis vier Selbstständige, beispielsweise Nebenerwerbslandwirte. Und die hätten nun mal Mulchgeräte. Was die Pflegehäufigkeit anbelangt, orientiere man sich vor allem an Sicherheitsaspekten. Im Fokus stehe, die Übersicht entlang der Straßen zu gewährleisten. Zwei Mal mähen im Jahr ist die Regel, in einem feuchten Jahr auch drei Mal. Thurn steht neuerdings in Verbindung mit dem Landschaftserhaltungsverband. Die Gespräche seien aber erst am Anfang. Botanikerin Ruth Noak sieht Luft nach oben: Eine Kompromisslösung zwischen Verkehrssicherheit und Naturschutz hält sie für möglich.