Wie kann die Stadt künftig die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus und das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit gestalten und aufrechterhalten? Wie können Themen wie Demokratiegeschichte oder Flucht und Migration aufgearbeitet und im Gedächtnis der Stadt bleiben? Mitte 2018 wurde ein Prozess angestoßen, bei dem eine Gruppe historisch interessierter Bürger ein Konzept zur Erinnerungskultur erarbeitet. Zum vierten Mal trafen sich die Teilnehmer und stellten Ergebnisse der Arbeitsgruppen vor.

Das Konzept zur Erinnerungskultur wird verschiedene Module beinhalten. Geplant ist, dass im September der Gemeinderat darüber abstimmt, sagt Sonja Raupp, stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Kultur und Tourismus, die den Prozess koordiniert. Beim vierten Workshop standen die Themen Rundwege und Stolpersteine im Mittelpunkt. Ein Vorschlag der Gruppe ist, beschilderte Rundwege in der Stadt einzurichten, so dass man sich bei einem Spaziergang durch die Innenstadt mit der Geschichte beschäftigen kann. Hubert Bernnat stellte einen Vorschlag für einen Rundgang mit zwölf „Schauplätzen des Nationalsozialismus“ vor.

Stationen des Rundwegs

Der Rundgang erinnert zum Beispiel am Gefängnis daran, dass hier rund 10.000 Menschen zwischen 1939 und 1940 inhaftiert und anschließend in Arbeits- und Konzentrationslager überführt wurden. Im Hebelpark könnte daran erinnert werden, dass die Nazis versuchten, den Dichter Hebel für sich zu vereinnahmen. 1936 erhielt der heute sehr umstrittene Hermann Burte erstmals den Hebelpreis. Auch könnte daran erinnert werden, dass die Bevölkerung Widerstand zeigte, als das Hebel-Denkmal für Kriegszwecke eingeschmolzen werden sollte – anders als bei der Einschmelzung der Kirchenglocken, wie Bernnat sagte. Weitere Stationen sind die Bonifatiuskirche (Pfarrer Adalbert Haller war erklärter Nazigegner), das ehemalige Gewerkschaftshaus am Senigallia Platz oder das alte städtische Krankenhaus, in dem nachweislich Chefarzt Carl Keller 199 Zwangssterilisationen vornahm.

Einige Stationen des Rundwegs würden sich mit dem Rundweg „Jüdisches Leben“, den Stadtarchivar Jürgen Schaser und Historiker Ullrich Tromm vorstellten, überschneiden. Dieser Rundgang soll nicht nur an die Schoah, sondern an das jüdische Leben vom 17. bis zum 21. Jahrhundert erinnern. Hier könnten Stationen wie der Platz der alten Synagoge, die jüdische Schule, das Kaufhaus Knopf und andere Geschäfte jüdischer Inhaber beschildert werden. Markus Moehring, Leiter des Dreiländermuseums, regte an, auch den Engelplatz mit einzubeziehen, wo über längere Zeit viele Juden als Viehhändler tätig waren.

Diskussion um Stolpersteine

Ein weiteres Modul der Erinnerungskultur könnten die Stolpersteine sein. In diesem Punkt wurde kontrovers diskutiert, denn Markus Hofmann, der eine private Initiative dafür gegründet hat, sagte, „ob Stolpersteine gelegt werden, ist nicht die Frage, sondern nur noch das Wie“. Er sagte, wenn im nächsten Jahr die jüdische Gemeinde ihr 350-jähriges Jubiläum feiert, sollten die ersten Steine gelegt sein. Raupp merkte an, dass die Stolpersteine ein Modul des Gesamtkonzeptes zur Erinnerungskultur sein können, aber ob sie tatsächlich eingesetzt werden, würde sehr wohl noch diskutiert. SPD-Gemeinderätin Christiane Cyperrek sagte, sie sehe nicht die Dringlichkeit, dass zu einem bestimmten Termin die Stolpersteine liegen müssen. Verwaltung und Gemeinderat wären grundsätzlich offen. „Es ist ein sehr wichtiges Thema, dafür müssen wir uns Zeit nehmen.“ Ullrich Tromm betonte, beim Schicksal jedes Einzelnen, für den ein Stolperstein gelegt wird, müsse sehr sorgfältig recherchiert werden.

Ein einziger Fehler könne das ganze Projekt beeinträchtigen. Hofmann betonte, kein Stein würde gegen den Willen der jeweiligen Nachkommen verlegt werden.