Nun bekommt sie ein dauerhaftes, eigens für sie konzipiertes Zuhause, die Sammlung des Lörracher Dreiländermuseums. Mit der Entscheidung des Gemeinderats, im Osten Brombachs ein Depot zu bauen, geht eine 140 Jahre währende Wanderschaft von einem Provisorium ins andere zu Ende. Was ist das aber, was da nach Abschluss der Bauarbeiten einziehen wird? Wie entstand die Sammlung, wie wird sie gepflegt und nach welchen Kriterien ausgebaut?

  • Von der Sammlung zum Museum: Rund 50 000 Exponate umfasst die Sammlung, die damit die größte ist zwischen Freiburg und dem Bodensee. 1882, zum Jubiläum 200 Jahre Lörracher Stadtrecht, legten Bürger den Grundstein. Viele Gegenstände, die man damals als historische Zeugen einstufte, sind bis heute wichtige Stücke im Fundus; so etwa die Draisine, die in der Ausstellung zur Geschichte des Fahrrads gezeigt wurde, oder die Fahne der Revolution 1848. Schon damals wiesen Exponate auch über die Geschichte der Stadt hinaus und begründeten das Profil als Regionalmuseum.

1932 bekam die Sammlung ihr erstes Ausstellungshaus dort, wo heute der Burghof steht – das Heimatmuseum in der Alten Hofküferei. 1974 wurde das Gebäude abgerissen, die Sammlung in Scheunen der Alten Feuerwache und anderen Bauten verstaut. 1978 eröffnete das heutige Dreiländermuseum als Museum am Burghof. Die Sammlung, die rasch wuchs, fand dort teilweise Platz, anderes blieb dezentral untergebracht. Seit 1991 ist Markus Moehring Leiter des Hauses. Er baute das trinationale Profil auf, das das Lörracher Museum so unverwechselbar macht. Kein anderes Haus geht so konsequent über Grenzen.

  • Mehrspartenhaus: Mit dem trinationalen Ansatz wurde die Sammlung neu befragt und eingeordnet. Schenkungen kamen nun auch aus der Schweiz und dem Elsass, weil man dort wusste, das die Exponate in Lörrach wertgeschätzt werden, so Moehring. Heute sei das Dreiländermuseum „klar ein Mehrspartenhaus“. Es gibt die trinational ausgerichtete, historisch-volkskundliche Dreiländersammlung. Es gibt die Sammlung badische Kunst. Ganze Künstlernachlässe finden hier keinen Platz mehr, heute wird exemplarisch gesammelt. Der naturkundliche Fundus beschränkt sich auf Südbaden, der zu Johann Peter Hebel nimmt den Pfarrer und Dichter für alle Lebensstationen in den Blick.
  • Kriterien für den Ausbau: Die Sammlung wird nach strategischen Gesichtspunkten ausgebaut. Bei Schenkungen wird genau geprüft, ob ein Objekt hineinpasst. Lücken werden gezielt durch Zukäufe geschlossen. Ein Beispiel: Zur Revolution von 1848 gibt es einen guten Fundus für Südbaden, aber mit einer Grafik, die einen Bäckeraufstand abbildet, nur ein Stück zum Geschehen im Elsass. Zur Schweiz, wo zeitgleich der Bundesstaat entstand, hat das Museum nichts. Fänden sich da über Sammler, Auktionskataloge oder Antiquariatskontakte Exponate, die diese Seite illustrieren, hätte Moehring Interesse – vorausgesetzt, die fachliche Prüfung belegt die Authentizität. Die Mittel kommen oft vom Museumsverein oder Sponsoren. Gesammelt wird vor allem Alltagsgeschichtliches zum 19. und 20. Jahrhundert. Dieser Schwerpunkt ist selten, entsprechend begehrt ist der Fundus in anderen Häusern. Ohne Leihgaben aus der Lörracher Sammlung hätten die Ausstellungen zum Nationalsozialismus in Freiburg und Basel kaum stattfinden können, ist der Museumschef überzeugt.
Arne Gensch ist der Fachmann für die Sammlung.
Arne Gensch ist der Fachmann für die Sammlung. | Bild: Barbara Ruda
  • Grenzen des Wachstums: Dass nun das Depot gebaut wird, „sichert die Zukunft der Sammlung“ und damit die Leistung von 140 Jahren, sagt Moehring. Freilich ist der Depotraum endlich. So hat man eine Sammlung mit mehreren hundert Plastiktüten aus der Zeit seit den 1970er Jahren weitgehend entsorgt – auch deshalb, weil so ein Material kaum zu konservieren sei. Von wenig aussagekräftigen archäologischen Funden vom Isteiner Klotz trennte man sich ebenso wie von einem Gegenstand mit Holzwurmfraß oder Dauerleihgaben. Keines dieser Exponate war bereits inventarisiert – ist es das, wird es viel komplizierter. Nach einem festgelegten Verfahren, das der Deutsche Museumsbund festgelegt hat, wird dann „entsammelt“. Via Internet wird nach einem Haus gesucht, das den Gegenstand vielleicht brauchen kann, der Vorgang wird dokumentiert. Das Verfahren habe seine Berechtigung, sagt Markus Moehring – geht es doch um die Sicherung von Kulturgut.
  • Notaufnahmen: Was tun, wenn ein größerer Nachlass winkt, der einfach nicht abgelehnt werden kann? Bei Firmenschließungen könnte so etwas passieren, sagt Moehring, und nennt das Beispiel KBC. Vor 15 Jahren gab es da schon mal einen Notfallplan, bei dem ein Container eine Rolle spielte. Die Stoffmustersammlung dürfe auf keinen Fall verloren gehen, wenn das Unternehmen Lörrach einmal ganz verlassen würde – ist sie doch ein wichtiges Kulturgut und erzählt wesentliche Kapitel der Lörracher Wirtschaftsgeschichte. Im Moment steht das nicht an. Aber vielleicht wird es eines Tages neben Straßennamen, Parks und Häusern der Fundus des Dreiländermuseums sein, der die Erinnerung an die größte Stoffdruckerei Europas wachhält.