Am Tag der Demokratie in Lörrachs Mitte hat nicht nur von Peter-Matthias Gaede betont, der die Hauptrede hielt, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Auch Niklas Ehrentreich in der Rolle des Gustav Struve rief es vom Balkon des Alten Rathauses der Menge zu: Wer, wenn nicht Ihr! Das Volk werde die Republik bekommen, die es verdiene.

Querdenker und Visionär

Gustav Struve, der am 21. September 1848 in Lörrach die erste Republik auf deutschem Boden ausrief, würde heute vielleicht gegen Stuttgart 21 Barrikaden bauen, im Mittelmeer Flüchtlinge retten oder doch wenigstens im Knast den Lesezirkel leiten, sagte Gaede, Journalist und Vorstandsmitglied des Deutschen Unicef-Komitees.

Ein Querdenker und Visionär sei er gewesen, der Mann, der in Lörrach seit vier Jahren Anlass gibt für den Tag der Demokratie. Viele von Struves Forderungen fänden sich fast wörtlich in die Erklärung der Menschenrechte, die hundert Jahre jünger ist, so Gaede – und führte dann eindringlich aus, wie weit wir heute noch von der Verwirklichung dieser Rechte entfernt sind, teilweise auch in den westlichen Demokratien.

„Verteidigen wir das vermeintlich Selbstverständliche“, rief er in das versammelte Volk – gegen die Bräsigkeit oder auch gegen Versuche, die Erinnerungskultur zu drehen. Quälend lang sei erkämpft worden, was nun wieder vielerorts in Frage gestellt werde.

Besonders eindringlich ging Gaede auf die Rechte und das Leiden der Kinder ein. Still war es auf dem Platz, als der Redner daran erinnerte, wie der Arzt Janusz Korczak einst jüdische Kinder bis in die Gaskammern der Nazis begleitete, weil er deren Bedürfnisse ernst nahm. Es gebe die Erklärung der Menschen- und Kinderrechte. Und es gebe „die Dunkelheit dahinter“ und noch immer „erbärmliche Zahlen“, wenn es um das Wohlergehen von Kindern geht.

Erschreckende Zahlen aus den USA

Auch Bürgermeister Jörg Lutz hatte zuvor daran erinnert, dass in den USA nur noch 40 Prozent der Menschen die Demokratie für die beste Regierungsform hielten. Dabei lohne es sich zutiefst, sie zu verteidigen. Organisationen, die das tun, zeigten sich auf dem Alten Marktplatz beim „Markt der Zivilgesellschaft“ – Unicef und Amnesty International, die Schöpflin- und die Bürgerstiftung, der Gemeinderat, Lörrach International, Attac und andere. Beim einfachen Mahl kam man ins Gespräch, und den Tag über hatten ein Workshop und Führungen bereits den Tag der Demokratie bereichert.

Struve alias Niklas Ehrentreich hatte gemahnt, zu bedenken, dass Menschen die Demokratie erstreiten, dass sie sie aber auch stürzen können, wenn jene, die sie schätzen, nicht entschlossen zusammenstehen. Nichts, so wird von Jahr zu Jahr klarer, ist unmöglich.