Wie viele Kinder haben Sie zur Welt gebracht?

Knapp 40 000 Kinder sind in Lörrach unter meiner Leitung auf die Welt gekommen. Bei etwa zehn bis 15 Prozent der Geburten war ich dabei, das sind 6000 bis 7000 Kinder, die ich in Lörrach entbunden habe. Wenn ich hochrechne, wie viele Kinder ich über die Jahre entbunden habe, auch in Düsseldorf und in Afrika (siehe Info) , dann komme ich sicherlich auch auf 40 000. Wenn junge Frauen zu mir kommen, richten sie mir oft Grüße von ihrer Mutter aus, die auch schon bei mir entbunden hat.

Sie sind schon seit 25 Jahren Leiter der Geburtshilfe im „Eli“. Was waren in dieser Zeit die größten Neuerungen?

Als ich anfing, habe ich die Geburtshilfe dahingehend geändert, dass sie mehr auf die Frauen ausgerichtet war – was bis dahin nicht der Fall war. Das hatte nichts zu tun mit Selbstbestimmung, man hat den Frauen gesagt, wie’s läuft. Mein Credo war, dass wir nur eingreifen, wenn es ein Notfall ist. Dass die Frau bestimmen kann, wie sie gebären möchte – Wassergeburten zum Beispiel gab es bis dato nicht. Wir haben viele Geburtspositionen eingeführt und lassen die Frauen bestimmen, welche sie einnehmen wollen. Wir haben auch eingeführt, dass der Vater bei Kaiserschnitten mit in den OP darf. Und wir haben die Kreißsäle nach verschiedenen Motiven gestaltet.

Sie sind ein Verfechter der natürlichen Geburt die, wenn irgendwie möglich, ohne Kaiserschnitt ablaufen sollte.

Die Evolution hat es so eingerichtet, dass das Kind durch den Geburtskanal geht und zur Welt kommt. Das ist eine prägende Erfahrung. Man kann im übertragenen Sinne sagen: Ich hab’ es geschafft. Wenn ich einen Kaiserschnitt mache, hat das Kind diese Erfahrung nicht. Es hat es nicht geschafft und musste sich helfen lassen. Die Erfahrung der Geburt, es geschafft zu haben, kann in Krisensituationen immer wieder abgerufen werden, sie prägt das spätere Leben.

Kann im Umkehrschluss eine Geburt mit Komplikationen zu einer traumatischen Erfahrung für das Kind werden?

Wir gehen von Geburten ohne schwere Komplikationen aus. Wenn wir sehen, dem Kind oder der Mutter geht es schlecht, dann wird ein Kaiserschnitt gemacht. Dass eine Mutter ohne medizinische Indikation einen Kaiserschnitt will, ist ganz selten. Aber die Geburtshilfe ist heutzutage auch mit Angst verknüpft: Es wurde noch keiner angeklagt, weil er einen Kaiserschnitt zu viel gemacht hat. Gerade junge Ärzte mit wenig Erfahrung werden eher zum Kaiserschnitt tendieren. Wenn man die Kaiserschnittrate senken möchte, muss man die Ebenen betrachten, wo diese Entscheidungen getroffen werden. Zum einen im Kreißsaal, dort sollte eine optimale personelle Besetzung vorhanden sein. Sowohl bei den Hebammen als auch bei den Geburtshelfern, um eine optimale Betreuung der Frauen zu gewährleisten. Zum anderen ist eine intensive Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kollegen notwendig, um schon im Vorfeld Risiken zu erkennen und aufkommenden Ängsten rechtzeitig begegnen zu können

Kommen wir zur schwierigsten Frage: Welches das eindrücklichste Erlebnis, das Sie bei einer Geburt hatten?

Ich habe meine eigenen vier Kinder entbunden und meine zwei Enkel. Das sind eindrückliche Erlebnisse. Ich habe mir immer vertraut und meine Frau hat mir immer vertraut, deswegen habe ich die Geburten geleitet.

Sie haben es sich zugetraut, die eigenen Kinder zur Welt zu bringen?

Ich habe viel erlebt, deswegen habe ich immer ein Vertrauen in das, was ich kann. Man hat mich oft gefragt, was mir mein Aufenthalt in Afrika gebracht hat. Dort habe ich gelernt, auf mein eigenes Können zu vertrauen. Ich habe gelernt, dass wenn A nicht funktioniert, B dann funktioniert. Außerdem hat meine Frau die Kinder zur Welt gebracht, ich habe die ganze Geschichte nur überwacht. Bei meinem ersten Enkel habe ich auch einen Kaiserschnitt gemacht.

Ist die Geburtshilfe Ihre Lebensaufgabe? Es ist zu einem großen Teil Ihr Verdienst, dass das Eli heute ein solches Renommee in der Geburtshilfe hat.

Die ganze Entwicklung, die das Eli genommen hat, hat es darüber genommen, dass ich die Geburtshilfe gestaltet und den Weg gewiesen habe, dass wir Perinatalzentrum wurden. Ich bin Chefarzt geworden wegen der Geburtshilfe. Es war mir nie zu viel, ich habe es einfach gern gemacht und bin immer noch gerne bei einer Geburt, obwohl ich schon tausende erlebt habe. Es ist immer wieder ein Wunder der Natur. Was gibt es Schöneres auf der Welt als Geburtshilfe?

Sie hatten auch dahingehend einen Traumjob, dass sie sehr frei gestalten und die Mutter-Kind-Station komplett neu entwickeln konnten.

Es hat sich sehr viel getan. Die Väter übernachten heute hier in Familienzimmern. Die Kinder sind jetzt immer bei der Mutter. Wir haben die Station so umgestaltet, dass die Kinderschwestern, die Hebammen und die Krankenschwestern einer integrative Wochenbettpflege machen. Sie betreuen gemeinsam Mutter und Kind. Dazu mussten sie voneinander lernen. Man weiß, dass der Kontakt zur Mutter für die seelische Entwicklung des Kindes mit ausschlaggebend ist. Wir haben Begleitzimmer geschaffen, wenn im Perinatalzentrum Level 1 ein Kind länger krank ist, kann die Mutter bei uns übernachten, damit sie immer bei ihrem Kind sein kann.

Wie, glauben Sie, wird sich das in Zukunft als Teil eines Zentralklinikums entwickeln?

Die Zukunft wird’s zeigen. Ich hoffe, dass einige Dinge übernommen werden, die wir errungen haben. Es bleibt abzuwarten, wie sich ein Perinatalzentrum im Zentralklinikum gibt. Im Eli haben sich die Dinge über Jahre entwickelt und der Orden hat viel Geld investiert. Was vielleicht heutzutage nicht mehr vorhanden ist, um in Räume und Kapazitäten zu investieren.

Und wie geht es für Sie persönlich weiter? Können Sie sich ein Leben ohne die Geburtshilfe überhaupt vorstellen?

Es wird nicht einfach sein, aber man muss irgendwann abschließen. Ich übergebe die Station als Gesamtes, sie steht gut da. Man muss gehen, so lange es die Leute noch schade finden, dass man geht. Und Afrika steht immer noch vor der Tür. Dort ist ein Senior auch anerkannt (lacht).

Ich werde also die Geburtshilfe nicht ganz aufgeben. Und meine Frau ist immer mit dabei. Nach Afrika gehe ich nicht alleine. Aufgrund des Bürgerkriegs ist es politisch schwierig, und es bleibt abzuwarten, wann sich die Dinge so weit beruhigt haben, dass wir wieder in den Südsudan gehen können. Andere Möglichkeiten sind Kenia und Tansania mit der Hilfsorganisation Amref – Health for Africa. Vorausgesetzt, ich bleibe gesund genug, um Geburtshilfe zu leisten und die Kollegen zu trainieren.

Fragen: Kathrin Ganter