Lörrach/Freiburg – Seit elf Monaten sitzt ein 55-jähriger türkischer Familienvater unter dem Verdacht, seine 18-jährige Ziehtochter im März 2018 in seinem Auto auf einem Feldweg an der Lucke bei Lörrach vergewaltigt zu haben, in Untersuchungshaft. Vergangene Woche ist eine Aussagepsychologin im Prozess gegen den 55-Jährigen am Landgericht Freiburg zu dem Ergebnis gekommen, dass aus der Aussage der 18-Jährigen auf einen Beischlaf mit dem Ziehvater geschlossen werden könne. Dass es dabei Gewalt gegeben habe, sei nicht zu belegen.

Der Fall, der die 16. Große Strafkammer des Landgerichts unter der Leitung von Alexander Schöpsdau seit Mitte Januar in sieben Verhandlungen beschäftigt hat, hat eine türkische Großfamilie entzweit. Da ist jener Teil, der hinter der 18-Jährigen steht und ihr glaubt. Und da ist der andere, der von der Unschuld des 55-jährigen Onkels überzeugt ist. Vergangene Woche kam eine Psychiaterin und Psychologin zu Wort, die die Aussage der 18-Jährigen auf Antrag der Staatsanwaltschaft auf Glaubwürdigkeit zu überprüfen hatte. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Aussagen einen Beischlaf belegen, nicht aber, dass er mit Gewalt erzwungen worden sei. Dazu habe die Zeugin bei den Schilderungen des Kerngeschehens, insbesondere bei der Beschreibung der Fesselung ihrer Handgelenke, bei der Begutachtung andere Angaben als im Gericht gemacht. Darüber hinaus soll es im Auto dunkel gewesen sein, dennoch will sie Details wie ein eingerissenes Päckchen mit Kondomen genau gesehen haben.

Geschehen rekonstruiert und als Video aufgezeichnet

Vor der Erstattung des Gutachtens sahen sich die Prozessbeteiligten Videosequenzen der Polizei von einer Rekonstruktion des Tatgeschehens an. Ein Mann und eine Frau spielten nach Anweisungen der 18-Jährigen die Vergewaltigungsszene in einem viertürigen Mazda nach, wie ihn der Angeklagte damals gefahren hatte. Wobei der Mann deutlich jünger als 55 Jahre und die Frau einen halben Kopf größer als die 18-Jährige waren. Das Umlegen der beiden Rückenlehnen auf die Rücksitze wurde ebenso nachgestellt, wie das Fesseln der Beifahrerin mit dem Hosengürtel des Fahrers. Dann folgte das Überklettern der Mittelkonsole seitens des Fahrers und sein Bemühen, sich über der Beifahrerin zu halten, in dem er sich mit den Armen auf Polstern der Rückenlehne abstützte. Nunmehr verlagerte sich das Geschehen in dem engen Auto auf die Rücksitzbank. Die nicht uninteressante Schlüsselszene, wie es dem auf beide Knie und Arme gestützten Fahrer alsdann gelungen sei, sich und der Frau die Hosen runter- oder auszuziehen, wurde nicht nachgestellt. Die Staatsanwaltschaft, so hieß es, habe dies den Schauspielern nicht zumuten wollen.

Nun litt und leidet der Angeklagte laut den Auskünften seiner Verteidiger Sinan Akay und Urs Gronenberg seit Jahren unter massiven Rückenschmerzen. Er sei deshalb operiert worden und habe sich in ambulanter Behandlung befunden. Die von der 18-Jährigen geschilderten Bewegungsabläufe im Auto seien ihm daher körperlich nicht möglich gewesen. Dem widersprach ein Orthopäde der Uniklinik Freiburg als Gutachter. Gerade in der sogenannten Missionarsstellung sei der Stress für die Wirbelsäule am geringsten. Außerdem schütte der Körper bei Gedanken an sexuelle Handlungen und beim Sex Endorphine aus, die laut zahlreicher Studien das akute Schmerzempfinden bis zu 70 Prozent lindern können. Zudem, so der Gutachter, sei das Schmerzempfinden individuell sehr verschieden.

Wie aber werden die Aussagen der 18-Jährigen zu werten sein, die sich mit den Worten „ich bin keine Jungfrau mehr“ knapp zwei Monate nach der von ihr angegebenen Vergewaltigung an einen Cousin gewandt hatte? Wie ist ihr Satz bei der Gutachterin, „er hat es sich einfach genommen“ zu interpretieren? Schildern sie eine Vergewaltigung oder ein Überrumpeln durch den Onkel, das zu einem gewaltfreien und damit nicht strafbaren Beischlaf geführt haben könnte? Mögliche Antworten auf diese und mehr Fragen werden die Staatsanwältin, die Nebenklägeranwälte und die Verteidiger Ende des Monats in ihren Plädoyers geben. Das Urteil ist für den 5. Mai geplant.