Lörrach (tm) Nach einem Stimmen-Konzert ist nachts auf dem Marktplatz eine Streiterei unter stark Betrunkenen eskaliert: Ein 50-jähriger Mann stach mit einem Messer auf einen 19-Jährigen ein, der ihn provoziert hatte. Der 19-Jährige erlitt zwei Stichverletzungen und wurde notoperiert.

Der 50-Jährige wurde nun wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und elf Monaten auf Bewährung verurteilt. Der 50-Jährige ist seit Jahrzehnten drogenabhängig. Seit einiger Zeit ist er im Methadonprogamm, konsumiert aber trotzdem Valium und Amphetamin und trinkt öfter einiges an Alkohol. Die beiden vergangenen Jahre lebt er im Obdachlosen-Wohnheim und versah einen Ein-Euro-Job. Am 22. Juli 2016 trank er mit einem Bekannten Bier und eine halbe Flasche Kräuterlikör, sagte der Angeklagte. Zuvor habe er zwei oder drei Valium-Tabletten geschluckt. Als Zaungäste hörten sie sich das Stimmen-Konzert von Massive Attack auf dem Alten Markt an (die während ihrer Show zu Toleranz und Friedfertigkeit aufriefen). Trotzdem endete der Abend mit einer massiven Attacke.

Der Angeklagte habe pausenlos auf ihn eingeredet, und das habe ihn gestört, berichtete der Bekannte vor dem Schöffengericht. „Als ich ihm sagte, er soll die Schnurre halten, wurde er verbal aggressiv“, erzählte er. Das haben zwei 18 und 16 Jahre alte Jugendliche mitbekommen, von denen sich der Ältere zuvor im Grütt ebenfalls stark betrunken hatte, und wollten den Streit schlichten. Der Bekannte ging daraufhin weg. Der Streit war damit erledigt, als der 19-Jährige dazu kam. Er sei von der After-Hour-Party im Burghof gekommen, wollte in eine Bar am Alten Markt und habe einen Streit bemerkt, sagte er.

„Es sah aus, als bräuchten die Jungs Hilfe“, meinte er. Der Angeklagte sagte, der 19-Jährige sei sehr aggressiv gewesen und habe ihn beleidigt und angespuckt. Auch die beiden anderen Jungs sagten, der 19-Jährige habe mit den Beleidigungen angefangen und sich sehr provozierend verhalten. Bei dem 19-Jährigen, der schon mehrmals wegen Körperverletzung vorbestraft ist, stellte man nachher 2,6 Promille fest.

„Du alter Sack, ich schlag dich!“, habe er dem Angeklagten hinterhergerufen, berichtete der 18-Jährige. Irgendwann wollte sich der 50-Jährige diese Beleidigungen nicht mehr gefallen lassen. Er lief ihm hinterher um einen Baum mit einer Sitzbank herum, dann stach er mit seinem Vespermesser auf den 19-Jährigen ein. Zuvor hatte niemand das Messer gesehen. Der Angeklagte ging davon und warf das Messer weg, wurde aber schon beim Kino von der Polizei gestellt. Seitdem saß er in Untersuchungshaft. Der 19-Jährige erlitt einen Stich in die Brust und einen in den Unterbauch, der etwa sieben Zentimeter tief ging. Organe wurden nicht verletzt. Die Verletzungen waren nicht lebensgefährlich, hätten es aber leicht sein können, stellte eine Gerichtsmedizinerin fest. Auch der Angeklagte war betrunken, er hatte wohl mehr als zwei Promille, und das Valium könnte die Wirkung verstärkt haben, sagte die Gerichtsmedizinerin.

Dass der 19-Jährige ohne Grund angefangen habe zu pöbeln, wertete Staatsanwalt Rainer Hornung für den Angeklagten als strafmildernd. „Es war allerdings keinesfalls eine notwehrähnliche Situation“, sagte er. Er forderte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Das sah auch Verteidiger Matthias Wagner so, der aber auf die Provokation durch den 19-Jährigen abhob und darauf, dass der Angeklagte bislang lediglich wegen eines Diebstahls geringwertiger Sachen vor Gericht stand. Er hielt ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung für angemessen. Auch das Schöffengericht stellte fest, die Aggression sei vom 19-Jährigen ausgegangen.

Der Angeklagte habe versucht, deeskalierend zu wirken, dann aber umgeschaltet, sagte der Vorsitzende, Richter Dietrich Bezzel. „Es war keine Notwehr, aber nicht sehr weit von einer Notwehrsituation entfernt. Niemand muss sich beleidigen und provozieren lassen.“ Aber es gab wohl keine körperlichen Angriffe seitens des 19-Jährigen, daher war es absolut unangemessen, mit einem Messer zuzustechen. Der Angeklagte bekommt einen Bewährungshelfer, muss 80 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und eine Drogen- und Alkoholtherapie absolvieren.