278 Seiten stark ist die Bachelorarbeit von Ramona Huber, die sich als DHBW-Studentin bei der Wirtschaftsförderung mit der Gastronomie in Lörrach auseinandersetzt. Die Stadt hat, so die Kurzzusammenfassung, eine vielfältige und hochwertige Gastronomie. Was heißt das aber in der Praxis? Und wie weit deckt sich die Studie mit den gefühlten Wahrheiten? Auf einer Tour durch die Innenstadt erklären das die Autorin und Wirtschaftsförderin Marion Ziegler-Jung genauer.

Es war auch die Sehnsucht nach weniger Stress, die Fabian Benndorf aus Berlin zurück in seine Heimat Lörrach gebracht hat. Nach der Hotelfachausbildung und anderen Stationen führt Benndorf seit gut einem Jahr das Café Pavillon in einer der Waben am Bahnhofsplatz. Er liegt im Trend mit seinen Kaffee-Spezialitäten und ist einer der Orte abseits des Marktplatzes, von denen Marion Ziegler-Jung sagt, man müsse sie erst entdecken: „Die Lörracher müssten ihre Stadt ein bisschen mehr wertschätzen.“ Das Café Pavillon hat bislang nur tagsüber geöffnet. „Abends ist der Platz sehr tot“, sagt Benndorf, der sich mehr Belebung – durch Veranstaltungen oder einen Wochenend-Treffpunkt – wünschen würde.

Angebotsvielfalt schneidet am schlechtesten ab

Die Stadt, sagt er, konzentriere sich zu sehr auf den Marktplatz. Man müsse den Platz neu denken, wenn das „Lö“ fertig sei, sagt Ziegler-Jung. Dort wird auch die Kaffeekette Starbucks einziehen. Benndorf fürchtet diese Konkurrenz nicht: „Wir schaffen hier eine ganz andere Atmosphäre.“ Die ist ihm wichtig, auch wenn es nicht leicht sei, passende Mitarbeiter zu finden: „Wer qualifiziert ist, geht ins Hotel oder in die Schweiz.“ Schülerinnen und junge Mütter seien seine Optionen.

Service und Kundenfreundlichkeit seien die wichtigsten Kriterien der Passantenbefragung ihrer Studie, erklärt Ramona Huber. „Die Kunden sind sehr anspruchsvoll geworden“, stellt Ziegler-Jung fest. Überraschend ist es freilich nicht, angesichts der Preise in der Lörracher Gastronomie, dass Kunden ein Mindestmaß an professionellem Service erwarten. Laut der Untersuchung sind sie auch damit ganz zufrieden. Das Preis-Leistungs-Verhältnis wird aber als eine große Schwäche wahrgenommen.

Ein bisschen bemüht wirkt es, wenn Ramona Huber vor dem „Backwerk“ erklärt, dass die systemgastronomische Aufbäckerei ein Beispiel dafür sei, wie Convenience mit dem Trend „Gesundheit“ verbunden werde: Es gibt auch Orangensaft, Salat und Veganes. Oder wenn sie anhand des wechselnden „Burger des Monats“ im „Arber“ am Hebelpark aufzeigen will, wie experimentierfreudig das Lörracher Publikum sei. Dort lasse sich der „Trend der Frische“ erleben.

Es gebe hausgemachte und individuelle Speisen und es sei ein Beispiel für einen Multifunktionsbetrieb aus Café, Restaurant und Bar. Das Restaurant im Karstadt sei ein wichtiger Treffpunkt für Ältere. Seit 2016 setze es verstärkt auf Regionalität, was sich etwa an den Flammkuchen auf der Speisekarte ausmachen ließe. In Lörrach ist viel Luft nach oben beim Mittagsgeschäft. In der Befragung empfanden die Kunden das als Schwäche: Es gebe kein zufriedenstellendes, einfaches und erschwingliches Mittagsangebot.

Insgesamt habe die Innenstadt eine hohe Aufenthaltsqualität, auch die Gastronomie werde positiv wahrgenommen. „Die Gastronomie ist vielfältig und hochwertig“, stellt Ramona Huber fest. Die Kunden bewerten das in der Umfrage anders: Die Angebotsvielfalt schneidet hinter dem Preis-Leistungs-Verhältnis am schlechtesten ab. Es würden differenzierte Zielgruppen angesprochen, sagt Huber. Allerdings wäre eine noch breitere Aufstellung möglich.

60 Gastrobetriebe aller Sparten gibt es in der Innenstadt, 14 Nationalitäten seien darin vertreten. Ein gutbürgerliches Restaurant hingegen vermissen die Kunden. Am besten bewerten die Befragten – das ist kaum eine Überraschung – die Außengastronomie.

Ein Augenmerk hat Huber auf die Digitalisierung gelegt. Die Auffindbarkeit der Lörracher Gastronomen im Internet sei noch deutlich zu verbessern. Die Wirtschaftsförderin hebt hervor, dass auf der neuen Homepage der Stadt nun auch die Gastronomie schön präsentiert werde.

Unter den 17 Gastronomen, die Huber für die Bachelorarbeit interviewt hat, sind auch die Betreiber der Shisha-Bar Habibi. Diese würden auf W-Lan setzen, weil die Zielgruppe das erwarte. Allerdings ist das „Habibi“ schon Monate wegen eines Umbaus geschlossen Kann man im Märkte- und Zentrenkonzept eigentlich eine Obergrenze für Shisha-Bars festlegen? Nein, antwortet Marion Ziegler-Jung, höchstens, wenn zu viele Spielautomaten drinstehen. Andererseits seien diese Bars bei jungen Leuten sehr beliebt und es gebe einige mit guten Konzepten: „Shisha-Bars sind nicht zwangsläufig zwielichtig.“ Insgesamt fehlt aber laut der Passantenbefragung ein zufriedenstellendes Angebot mit Restaurants und Bars für junge Leute.

Bemängelt wird auch, dass kein traditionelles Café in der Innenstadt sonntags noch offen hat. Gemütlich sonntags auswärts frühstücken? Außer im „Heimathafen“ ist auch das Fehlanzeige. „Es braucht eben auch die Kundschaft, die es trägt“, sagt Marion Ziegler-Jung. Und noch vielmehr brauche es Leute, die bereit sind, sonntags zu arbeiten. Mehr Abendangebote ist ein weiterer Wunsch der Befragten, sagt Ramona Huber. Ist Lörrach zu sehr eine Einkaufsstadt, die abends tot ist? Nein, sagt Marion Ziegler-Jung. Zum einen sei ein Angebot abends auch immer eine Abwägung der Interessen der Anwohner und eine Frage des Miteinanders.

Und überhaupt seien die Vermieter wichtige Partner in diesem Geschäft. Zum einen, weil es nicht zuletzt die Pachten sind, die Einfluss darauf haben, wie teuer das Angebot letztendlich für die Kunden ist, ob ein Gastronom überleben kann oder ob es häufige Wechsel gibt. Eine große Rolle spielen die Immobilienbesitzer auch beim Thema Erneuerung und wenn es darum gehe, kreative Ideen umzusetzen: „Es braucht immer dem Vermieter als Partner.“ Stichwort Partner: Am Café Pape angekommen, lobt Ramona Huber es als besonderen Treffpunkt für die ältere Generation, wo Senioren nicht nur Freunde, sondern bisweilen auch die Liebe finden würden.

In einem anderen gelungenen Beispiel findet die Tour ihren Abschluss: Das Café mit Terrasse und hausgemachten Kuchen der Bäckerei Paul ist eine der lohnenswerten Entdeckungen in Lörrach. Es hat eine Kinderecke, ältere treffen sich zum Plausch, Studenten kommen zum Lernen, erzählt die Leiterin Ulrike Lindemann. Das Einzige, was sie bedauert, ist, dass es nicht die Kapazität gibt, mehr Speisen anzubieten, sagt sie. Lindemann, die vor drei Jahren nach Lörrach gezogen ist, hat noch einen frischen Blick auf die Stadt. Und der fällt sehr wohlwollend aus: „Hier ist immer etwas los“, sagt sie.