Seit er Rentner ist und nicht mehr Trainer auf der großen Fußball-Bühne, dreht sich bei Ottmar Hitzfeld alles um seine Familie – auch an seinem 70. Geburtstag. Als Fachmann bleibt er aber gefragt. So sehr er Interviews und öffentliche Termine genießt, bemüht er sich dabei doch stets um angemessene Beurteilungen. Dies gebiete die Fairness, sagt er. Eine Lanze bricht der Lörracher für die öffentlich stark kritisierten Franck Ribéry und Uli Hoeneß vom FC Bayern sowie Bundestrainer Jogi Löw. Ein Sonderlob hat er für Christian Streich vom SC Freiburg.

Fußball bleibt wichtig

Seine Meinung über Fußball zählt nach wie vor, besonders wenn es um Borussia Dortmund, FC Bayern München und die Schweizer Nationalmannschaft geht, mit denen er große Erfolge feierte. Hitzfeld gibt Interviews, schreibt Kommentare und nimmt an Gesprächsrunden teil. „Das hält sich zeitlich im Rahmen, aber ich bin froh, Termine zu haben. Das ist eine angenehme Beschäftigung und ich kann selbst entscheiden, ob ich etwas schreibe.“ Seinen Job beim Sender Sky gab er allerdings auf, denn „ich möchte nicht als Fernsehkommentator alt werden“.

Die Spieler des FC Bayern München lassen 2001 in Mailand ihren Trainer Ottmar Hitzfeld hochleben, der Coach zeigt jubelnd den eroberten Fußball-Champions-League-Pokal.
Die Spieler des FC Bayern München lassen 2001 in Mailand ihren Trainer Ottmar Hitzfeld hochleben, der Coach zeigt jubelnd den eroberten Fußball-Champions-League-Pokal. | Bild: Anja Niedringhaus (dpa)/Peter Gerigk

Immer nur andere kritisieren, das gefalle ihm nicht. Er sei schon zu weit weg vom Geschehen und könne daher nicht mehr „genau beurteilen, was da geht und in welcher Situation der Trainer, der seinen Kopf hinhalten muss, steckt“. Andererseits wolle er auch keine vertraulichen Informationen ausplaudern. Das sei ein Gebot der Fairness. „Man weiß immer mehr, als man öffentlich sagen darf.“

Hitzfeld mahnt zu Zurückhaltung

Hitzfeld rät Spielern ebenfalls zu mehr Zurückhaltung abseits des Rasens, etwa mit ihren Postings auf sozialen Netzwerken. „Damit bieten sie eine Angriffsfläche“, kommentiert er die Affäre um Franck Ribéry, der ein Video ins Netz stellte, das zeigt, wie er im Urlaub ein 1200 Euro teures, mit Gold überzogenes Steak serviert bekam.

Er nimmt den Franzosen, den er 2007 nach München gelotst hatte, trotz dessen unflätiger Worte an seine Kritiker in Schutz. „Man muss seine Geschichte kennen. Er musste von klein auf kämpfen und arbeitete im Straßenbau, um Geld zu verdienen. Er hat einen sehr guten Kern.“ Ribérys Aktion halte er nicht für klug, doch mehr als eine Geldstrafe zu verhängen und mit dem Spieler zu reden, habe der Verein nicht machen können. „Wichtig ist die Einsicht.“

Die Vorteile des Internets weiß Hitzfeld aber zu schätzen. Dank eines Chat-Dienstes können er und seine Frau Beatrix ihre (bald drei) Enkel auch dann täglich sehen, wenn sie nicht in München sind, wo ihr Sohn mit seiner Familie lebt. „Die halten einen ganz schön auf Trab“, sagt der Opa. Da geht es ihm nicht anders als anderen Altersgenossen. Er genießt es, die Enkel aufwachsen zu sehen.

Lob für Hoeneß und Streich und Rückendeckung für Löw

Im Gegensatz zur Mehrheit der Bundesligaspieler, die sich dieser Tage bei einer Umfrage des Fachmagazins kicker für eine Ablösung Jogi Löws aussprechen, stärkt Hitzfeld dem Schönauer den Rücken: „Ich finde es richtig, dass Reinhard Grindel ein Machtwort gesprochen hat, an Löw festhält und ihm die Chance gibt, sich nach der schlechten WM zu rehabilitieren.“ Mit der guten jungen Spielergeneration könne die Mannschaft bei der nächsten Europa- oder Weltmeisterschaft wieder zum Favoritenkreis zählen.

Mit Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß hält Hitzfeld Kontakt, und Hoeneß verteidigt er: Der FC Bayern sei das Lebenswerk des Präsidenten. Es verdiene höchste Anerkennung, dass der Verein immer Gewinne erwirtschaftet und sich im internationalen Wettbewerb gegen – immer mehr werdende – finanzstärkere Gegner erfolgreich behauptet.

Fast so gut wie das dem FC Bayern in der Champions League gelingt, gelingt das dem SC Freiburg in der Bundesliga. Dessen Trainer Christian Streich ist für Hitzfeld „immer Trainer des Jahres“, weil er mit einem so kleinen Budget nicht absteigt. Die Stärke Streichs, der wie einst auch er selbst beim FV Lörrach spielte, sieht Hitzfeld darin, seine Mannschaft zu führen und ihr eine Gewinnermentalität zu verschaffen: „Er ist eine große Persönlichkeit, die alles im Griff hat.“

Ruhiger Alltag

Hitzfeld führt daheim im Lörracher Stadtteil Stetten, wo er aufgewachsen ist, seit viereinhalb Jahren ein sehr zurückgezogenes, ruhiges Leben. Er genießt das morgendliche Aufwachen ohne den permanenten Erfolgsdruck: „Das ist ein Privileg.“ Ausflüge in die Natur stehen jetzt auf der Tagesordnung, nach Todtnauberg, Gisiboden und Böllen im Wiesental, wo er Verwandtschaft hat, und an seinem Zweitwohnsitz in Engelberg in der Zentralschweiz.

Lieber die Natur genießen als Stress im Stadion: Ottmar Hitzfeld ist glücklich.
Lieber die Natur genießen als Stress im Stadion: Ottmar Hitzfeld ist glücklich. | Bild: Peter Gerigk

Gutes Essen, eine kleine Wanderung: Das erfüllt ihn, sagt er. „Ich bin sehr heimatverbunden.“ Und weil er auch bodenständig ist, geht er keinem Gespräch aus dem Weg und erfüllt bereitwillig Autogrammwünsche, wenn er in der Öffentlichkeit angesprochen wird.

Geburtstagsfeier im kleinen Kreis

Seinen runden Geburtstag feierte Hitzfeld im kleinen Kreis der Familie, sagte er im Gespräch. Das ist ihm lieber als ein großer Empfang wie bei seinem 50. Geburtstag im Burghof. „Da sagt man jedem Gast kurz Hallo, aber niemand hat etwas davon.“ Im kleinen Kreis könne man sich besser unterhalten. Und später vielleicht eine Runde jassen – das Kartenspiel ist eine Leidenschaft Hitzfelds.