Was bedeutet so eine lange Trockenperiode wie in diesem Sommer für das Wasserkraftwerk am Tumringer Wuhr?

Die Wasserkraftwerke am Rhein haben gar nicht so sehr gelitten. Aber die Zuflüsse des Rheins waren monatelang trocken. Bei der Lörracher Anlage war es extrem, weil ein Teil des Wassers in den Gewerbekanal fließen muss. Von Mitte Mai bis Ende November stand das Kraftwerk durchgehend. Es lief keine Minute. Wir produzieren in Lörrach normalerweise im Schnitt zwei Millionen Kilowattstunden im Jahr, letztes Jahr hatten wir eine Million. Ironie des Schicksals: Anlagen, die gebaut werden, um den Klimawandel zu bremsen, leiden besonders unter dem Klimawandel.

Sind die sich verändernden klimatischen Bedingungen also ein Problem für die erneuerbaren Energien?

Das ist unterschiedlich. Untersuchungen zeigen, dass wir viele ganz trockene Sommer bekommen. Das ist für die Wasserkraft nicht so entscheidend, denn wir haben im Sommer schon immer mit wenig Strom kalkuliert. Das ist eher ein Problem für die Gewässer­ökologie. Die Prognosen sagen auch, wir werden nasse und wärmere Winter kriegen, sodass die Wasserkraftwerke von November bis Mai sehr gut und ohne Ausfälle wegen Frost laufen müssten.

Und bei Sonne und Wind?

Bei der Solarenergie ist es so, dass Hitze nicht so toll ist – aber Sonnenschein. Die Solarproduktion nimmt im Trend zu, was bedeutet, dass wir im Sommer weniger Wolken haben. Bei der Windenergie leben wir gerade in Süddeutschland stark vom Winter. Wir brauchen die Stürme aus dem Südwesten. Und ob die weniger werden, ist umstritten. Bei Wind und Wasser verlieren wir vielleicht drei oder vier Prozent in den nächsten 30 Jahren. Das hält die Energiewende aber nicht auf. Das kann man ganz gut ausgleichen: Bei der Windenergie kann man an derselben Stelle ein Vielfaches produzieren, wenn die Anlagen höher sind und längere Flügel haben. Unsere erste Anlage aus den 1990er Jahren hat 100 000 Kilowattstunden im Jahr produziert. Die, die wir nächstes Jahr bauen werden, bringt zehn Millionen.

Wie sieht es mit der Wirtschaftlichkeit von erneuerbaren Energien aus?

Die erneuerbaren Energien sind sehr preiswert geworden. Die neuen Wind- und Solaranlagen produzieren für fünf bis sechs Cent pro Kilowattstunde. Viel billiger als ein neues Gas- oder Kohlekraftwerk, geschweige denn ein Atomkraftwerk. Volkswirtschaftlich ist es auf jeden Fall rentabel. Ob es betriebswirtschaftlich rentabel ist, hängt natürlich davon ab, was der Staat für Rahmenbedingungen setzt. Ob er zum Beispiel CO2 bepreist. Dann wären die Erneuerbaren wirtschaftlich haushoch überlegen. Aber dagegen gibt es, wie man an der Kohlekommission sieht, große Widerstände.

Was bräuchten Sie von der Politik?

Die Landesebene hat starken Einfluss darauf, was und wie genehmigt wird. Es ist ein Trauerspiel, dass die Hindernisse vielfältig sind, die Verfahren lange dauern, teuer und risikobehaftet sind. Die wirtschaftlichen Bedingungen entscheidet im Wesentlichen der Bund. Die Bundesregierung hat viel getan, den Ausbau zu drosseln, um die Großkonzerne und die Kohlekraftwerke wirtschaftlich zu schützen.

In den aktuellen Umfragen sind die Grünen weit vorne, auch andere Parteien sprechen mehr von Umweltschutz. Verändert sich da gerade etwas?

Ja. Früher waren wir gerade mit der Windenergie nicht willkommen. Regierungen haben versucht, den Bau von Windmühlen zu verhindern. Jetzt will man die Energiewende. Als die Ökostromgruppe angefangen hat, vor 32 Jahren, hatten wir einen Anteil von vier Prozent erneuerbarer Energien in der deutschen Stromproduktion. 2018 waren es 40 Prozent. Es gibt Millionen von Menschen, die sich engagieren. Aber die Energiewende führt zu Veränderungen. Erstens führt sie zu einer Veränderung der Produzentenstruktur. Es sind nicht mehr die Großkonzerne, die den Markt bestimmen.

Dagegen wehren sie sich. Zweitens: Auch Menschen haben Angst vor Veränderung. Da, wo wir schon Anlagen gebaut haben, fallen die Vorurteile weg, etwa: Durch Windkraftanlagen breche der Tourismus ein. Es gibt immer wieder völlig informationsresistente Menschen. Das kann uns aber nicht aufhalten. Wir können nicht warten, bis der Letzte Ja sagt.

Wo liegen die Vorteile bei dem Konzept des Wasserkraftwerks hier in Lörrach, an dem sich die Bürger beteiligen?

So haben die Bürger die Möglichkeit, sich vor Ort einzubringen. Und: Die Menschen setzen sich mit der Klima- und Energiefrage auseinander. Die Akzeptanz ist auch viel höher, wenn die Leute selber davon profitieren, als wenn das irgendein anonymer Investor ist. Zudem sinken die Produktionskosten etwa für Windenergie ständig, und wenn wir hier, verbrauchsnah, produzieren, fallen die Transportkosten weg. Und dann ist da noch der Sicherheitsaspekt. Wenn man, wovon manche träumen, den Strom nur in Schottland und der Sahara produziert und eine dicke Leitung zu uns legt, dann würde es reichen, die zwei Leitungen zu sprengen und bei uns wäre es dunkel.

Fragen: Dora Schöls