Ein geselliger, aber nicht minder lehrreicher Anlass ist die Rebbegehung, zu der die Interessensgemeinschaft Weinbau Tüllingen alljährlich einlädt. In diesem Jahr standen der Supersommer und seine Auswirkungen auf die heimischen Reben im Mittelpunkt – und das an einem Montagabend im September, an dem der Supersommer noch deutlich zu spüren war.

Denen, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß den Weg zum Bammerthüsli unterhalb Tüllingens erklommen haben, steht der eine oder andere Schweißtropfen auf der Stirn. In der Sonne ist es sehr warm an diesem Montagabend, rund 50 Teilnehmende trudeln nach und nach ein, Bürger aus Tüllingen, Vertreter der Stadt und des Gemeinderats, die Winzer der IG Weinbau. Manch einer zieht dem Schlipfer, der als leichter Weißwein zur Begrüßung gereicht wird, einen Sprudel vor.

„Uns wäre es lieber, es hätte zehn Grad weniger und noch kältere Nächte“, sagt Rebobmann Karlheinz Ruser. „Es isch alles z’zittig.“ Die Vegetation ist viel zu früh dran, die Winzer sind schon mitten im Herbst. Mit jedem weiteren warmen Tag klettern die Öchslegrade nach oben, ein Raunen geht durch die Gruppe, als Ruser die aktuellen Zahlen nennt: Der Grauburgunder ist schon abgeerntet mit 96 Öchsle, der Weißburgunder liegt zwischen 91 und 96 Öchsle.

Der Spätburgunder kommt auf bis zu 102 Öchsle. Der Wein muss jetzt rein, sonst stimmt das Verhältnis von Geschmack, Säure und Alkohol nicht mehr: Wer will schon Weißweine mit 15 Prozent Alkoholgehalt? Immerhin, schildert Ruser beim Bummel durch die Reben, gibt es dieses Jahr keine Probleme mit der Kirschessigfliege. Ab 28 Grad hat die keine Lust mehr darauf, sich zu vermehren. Die Reben auf dem Tüllinger sind eine reine Pracht, ihnen ist nicht anzusehen, dass es ein sehr trockener Sommer war.

Die alten Rebstöcke ziehen das Wasser tief aus dem Boden – neu gepflanzte Jungreben mussten allerdings bewässert werden. Relativ neu ist auch der Lemberger, den Karlheinz Ruser seit einigen Jahren auf dem Tüllinger anbaut. Anders als der Spätburgunder muss er lange reifen – drei Jahre lang –, die Sorte ist kräftig und von dunkler Farbe und wurde bislang vor allem in Württemberg angebaut.

Die Reben auf der Schweizer Seite des Tüllinger hat mittlerweile alle Hanspeter Ziereisen übernommen. Und er wird auch einen Teil seiner Reben übernehmen, verriet Karlheinz Ruser, der seinen Betrieb aus Altersgründen verkleinern will. Zusammen mit Thomas Jost vermarktet Ziereisen die Schweizer Weine zu Preisen, von denen hiesige Winzer nur träumen können. „Le Grand rouge“, ein edler 2014er Pinot Noir aus fast vierzig Jahre alten Reben, kostet 85 Euro pro Flasche. Allerdings haben die Winzer in der Schweiz auch wesentlich höhere Kosten bei der Herstellung.

In den Reben, fast versteckt vom grünen Laub, steht „De Wiibuur vom Grenzeck“, in dem Wolfgang Gerstner zahlreiche Arbeitsutensilien der Winzer und die Wappen der Dörfer am Tüllinger mit Granitsteinen zu einem Kunstwerk verbunden hat. Eigentlich hätte es dort einen Brunnen geben sollen, denn genau dort verlaufen zwei von fünf in den Berg gefassten Röhren gespeiste Bewässerungsröhren, berichten die Winzer Helmut Ruser und Christoph Schneider. Doch das Wasserrecht liegt bei den Schweizern, die der Nutzung nicht zustimmten.

Über eine durchdachte Bodenbewirtschaftung versucht Karlheinz Ruser, den Einsatz von Herbiziden in seinen Reben zu minimieren: „Wir versuchen, auf alles zu verzichten, auf das man verzichten kann.“ Alle zwei Jahre sät er die Begrünung, untergemulcht düngt sie den Boden – die Zugabe von Stickstoff wird dadurch unnötig. In die dafür benötigte Rollhacke hat Ruser jüngst erst 7000 Euro investiert, eine Flachschar wird er für weitere 5000 Euro anschaffen.

Voller Freude äußert sich Oberbürgermeister Jörg Lutz: Wenn er den Weinjahrgang auf den städtischen Haushalt übertragen könnte, „dann hätten wir 50 Millionen Euro Gewerbesteuer“. Der Anlass in den Reben mit der offenen Sicht über die Stadt weite den Blick fürs Wesentliche: ein gutes Glas Wein. Das und noch das eine oder andere mehr genießt die Gruppe nach dem Spaziergang bei einem Vesper am Bammerthüsli beim noch gemütlicheren Teil der Rebbegehung.