Herr Ernst, wovor müssen die Feste in der Region geschützt werden, vor äußeren oder inneren Gefahren?

Dietmar Ernst: Im Grunde genommen vor beidem. Nehmen wir mal den Innenbereich, die baulichen Gegebenheiten: Brennbare Gegenstände oder Alltagsgegenstände wie eine Fritteuse können zur Gefahr werden. Das gehört zu den inneren Gefahren. Auch die Enge an solchen Festen, es kommen sehr viele Menschen, es gibt ein Gedränge. Auch das sind potenzielle innere Gefahrenquellen. Was die Gefahr von außen betrifft, also einen möglichen Terroranschlag, so gibt es im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Freiburg keine konkrete Gefahrenlage wie etwa eine Terrorwarnung, aber die abstrakte ist stets gegeben.

Gehört nicht auch der Festbesucher selbst zu den inneren Gefahren?

Selbstverständlich muss auch der Besucher als innere Gefahr miteinbezogen werden. Häufig wird Alkohol konsumiert, oftmals mehr als gut tut und dann kommt es zu Konflikten. Der Festbesucher spielt eine besondere Rolle, denn es gibt immer wieder Streitereien, Schubsereien, plumpe Anmache, Körperverletzungen oder Diebstähle. Er steht da also ganz klar auch im Fokus.

Stimmt es, dass Polizeikräfte aus dem Landkreis abgezogen werden, um zum Beispiel Bundesligaspiele zu sichern, und dann vor Ort fehlen?

Die Frage muss man zweigeteilt beantworten. Zum Einen haben wir bei Großveranstaltungen wie Bundesligaspielen oder großen Konzerten einen erhöhten Personalbedarf. Das können die örtlichen Dienststellen allein nicht leisten und erhalten dann Unterstützung. Entweder aus den eigenen Reihen oder von anderen Präsidien. Das ist Fakt und Alltag. Wenn jetzt in einer Gegend allerdings Veranstaltungen sind wie das Stettemer Strooßefescht oder das Trottoirfest in Rheinfelden, dann brauchen wir hier das Personal. Da werden dann keine Leute abgezogen, sondern eher Verstärkung angefordert.

Hat die Gewaltbereitschaft in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen?

Gewalt ist ein Dauerthema, auch wenn die Zahlen hie und da rückläufig sind. Gewalt wird in der Öffentlichkeit besonders wahrgenommen und beeinträchtigt das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung in besonderem Maße. Und auch die Art der Gewaltbereitschaft und die Anwendung von Gewalt haben sich verändert. Es wird rücksichtsloser zugeschlagen und getreten, sogar wenn das Opfer schon am Boden liegt. Wenn es zu einem Konflikt oder einer körperlichen Auseinandersetzung kommt, wird mit einer beängstigenden Brutalität vorgegangen. Ein weiteres Phänomen ist zudem, dass sich Umstehende schneller einmischen und das nicht etwa schlichtend und beruhigend. Was damals wie heute gleich ist: Wenn es zu Konflikten kommt, spielt meist der Alkohol eine entscheidende Rolle. Alkohol wirkt enthemmend und fördert bei vielen Menschen die Aggressivität. Hinzu kommen nicht selten Solidarisierungen zwischen Zuschauern und Beteiligten gegen die eingesetzten Polizeikräfte.

Könnte das an der Lust an Videos und Fotos für soziale Medien liegen?

Das ist eine der negativen Begleiterscheinung der digitalen Welt. Wenn wir heute einen Einsatz führen, dann haben wir sofort Menschen um uns herum, die ihre Smartphones zücken, um alles zu filmen und nicht selten damit den Einsatz erschweren oder behindern. In Einzelfällen kommt es dann zusätzlich noch zu Konflikten mit den Umstehenden. Das betrifft nicht nur die Polizeiarbeit, sondern auch die der Feuerwehr und des Rettungsdienstes.

Ist Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit gegenüber Polizisten ein Trend?

Leider ja. Die Delikte gegenüber Polizeibeamten oder auch Einsatzkräften insgesamt haben zugenommen in den vergangenen Jahren. Die Hemmschwelle, aktiv vorzugehen gegen Einsatzkräfte, ist deutlich gesunken.

Müssen Feste wie das Stettemer Strooßefescht, das Altweiler Straßenfest oder das Trottoirfest tatsächlich vor der Terror geschützt werden?

Eine konkrete Terrorgefahr gibt es für unsere Region nicht, wir haben keine konkrete Gefährdungslage. Gleichwohl hat sich die Welt und mit ihr auch die Sicherheitslage insgesamt verändert. Die Gefahr ist allgegenwärtig, auch wenn sie wie in unserem Fall nur abstrakt und eben nicht konkret vorhanden ist. Aber niemand kann ganz gewiss sein, dass nicht auch hier im Landkreis mal etwas Schlimmeres passiert. Davor ist keiner gewappnet. Deshalb müssen wir uns auf alle Eventualitäten einstellen, dazu gehört auch die Sicherung vor Terrorgefahren.

Wie wirkt sich das aufs Sicherheitskonzept aus?

Dazu gehört auch das Freihalten von Fluchtwegen sowie das Schaffen von Zugängen für Rettungs- und Einsatzkräfte. Da gibt es unterschiedliche Maßnahmen für verschiedene Gefährdungslagen. In Großstädten kommen deshalb Poller schon eher zum Einsatz, wie an den hiesigen Festen. Schließlich können und wollen wir keinen Käfig drum herum bauen. Grundsätzlich geht man ja davon aus, dass die Besucher am Stettemer Strooßefescht, Trottoirfest oder am Altweiler Straßenfest friedlich und fröhlich miteinander feiern wollen. Diese Entwicklung stimmt jedenfalls seit Jahren positiv.

Gibt es ein Sicherheitskonzept für alle Feste einer bestimmten Größenordnung?

Was für alle Feste gleichermaßen gilt ist, dass ein Sicherheitskonzept erstellt werden muss. Das heißt, es müssen sich im Vorfeld die Beteiligten wie der Veranstalter, die Genehmigungsbehörde wie Stadt oder Landratsamt, Polizei, Feuerwehr und weitere Rettungskräfte an einem Tisch zusammensetzen. Gemeinsam wird dann ein Konzept erarbeitet, das individuell für das jeweilige Fest gilt. Es gibt durchaus allgemeine Vorgaben, die für alle gleich sind, aber auch individuelle Bestimmungen, weil die Feste untereinander nicht vergleichbar sind, die Gegebenheiten vor Ort jeweils anders sind. Übrigens sind auch Hygienevorschriften ein Teil des Sicherheitskonzept.

Steigende Sicherheitsauflagen führen für Veranstalter zu höheren Kosten. Gefährdet das die Zukunft von Festen?

Als Veranstalter muss man sich heute schon überlegen, ob man das in dem Rahmen noch leisten kann und will. Es mag manchmal scheinen, als ob die Kosten in keinem Verhältnis zum Ertrag stehen. Ich bin selbst Vereinsmitglied und kann sagen, dass die Lust sich ehrenamtlich zu engagieren dadurch schon ausgebremst werden kann. Dennoch: Wir leben in einer Zeit, die solche Sicherheitskonzepte erforderlich macht.

Fragen: Maja Tolsdorf