„Die Angst war immer da“, erzählt Rifad Mustafa. Die Angst davor, abgeschoben zu werden, nicht mehr arbeiten zu dürfen, trotz laufender Ausbildung. Vor fünf Jahren kam der 23-Jährige mit seiner Familie als Flüchtling in Deutschland an. In der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Karlsruhe lernten sie die Schwestern Arbenita (21) und Zojnije Shabani (19) sowie deren Familie kennen. Von dort aus ging es weiter nach Efringen-Kirchen, heute lebt Rifad in Haltingen, die Shabanis in Rheinfelden. Beide kamen sie aus dem Kosovo. Nun dürfen sie vorerst bleiben.

Am 18. März 2015 sind sie mit Reisebussen bei der Gemeinschaftsunterkunft (GU) Efringen-Kirchen angekommen, das Datum hat Arbenita noch genau im Kopf. Ohne Orts- oder Deutschkenntnisse, ohne Arbeitserlaubnis oder offiziellen Aufenthaltstitel. Besonders am Anfang sei es schwierig gewesen, sich zurechtzufinden. Doch mit der Unterstützung engagierter Helfer und Mitarbeiter, wie etwa Burbuce Nezirov, Integrationsmanagerin im Landkreis für die Diakonie, kamen sie immer besser zurecht. So begann Rifad bereits im September des gleichen Jahres eine Ausbildung zum Frisör in Lörrach.

„Wenn so eine Chance kommt, musst du sie nutzen“, blickt er zurück. Über Kundenkontakt und die Arbeit mit den Kollegen lernte er nach und nach Deutsch, jeden Tag kam etwas Neues hinzu. Mit einem Schweizer sei es einmal zu einem Missverständnis gekommen, dieser wollte die Haare auf „nüün“ rasiert haben. Als Rifad ohne Aufsatz kahl zu rasieren begann, fiel das Missverständnis schnell auf. Nach einem kurzen Ärgernis habe sich der Kunde beruhigt, heute kann Rifad darüber herzlich lachen und selbst auf Schweizerdeutsch witzeln.

Doch während der Ausbildungszeit gab es auch einige Probleme mit den Ämtern. So wurde ihm zweimal zwischenzeitlich die Arbeitserlaubnis entzogen, dazu kamen mehrere Abschiebungsbescheide. Ein ständiges Hin und Her zwischen den Behörden in Lörrach, Karlsruhe und Stuttgart. Gesetzesänderungen oder Stichtagsregelungen erschwerten den Weg.

Um die Reisekosten zu den Behördengängen nach Stuttgart und Karlsruhe sowie die Anwaltskosten tragen zu können, jobbte Mustafa abends nach der Ausbildung noch in einem Restaurant, arbeitete viermal die Woche von 8 bis 23 Uhr. „Zusätzlich zur Sprache, zur Ausbildung und der Wohnung war das eine Riesenbelastung für die jungen Menschen“, erinnert sich Nezirov. Auch die Arbeitgeber würden so abgeschreckt, merkt die Integrationsmanagerin an. Auch Arbenita und Zojnije Shabani haben diese Erfahrungen gemacht.

„Immer neue Gesetze, immer neue Briefe“, erinnert sich Arbenita. Durch diverse Praktika und Vorbereitungsmaßnahmen haben sie sich für die Ausbildungssuche vorbereitet und Deutsch gelernt, Zonjije konnte einen Hauptschulabschluss machen. Über Umwege haben sie Ausbildungsstellen gefunden, zogen dafür in die GU Grenzach um. Zonjije hat in der Unterkunft nebenbei Arabisch gelernt und als Dolmetscherin eine Freundin zum Zahnarzt begleitet.

Daraufhin wurde sie zu einem Gespräch in die Praxis eingeladen und konnte im September 2016 ihre Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten beginnen. Arbenita wiederum hat auf einer Demonstration eine Frau kennengelernt, über die sie eine Ausbildungsstelle zur Medizinischen Fachangestellten vermittelt bekam. Auch sie haben in der Folge mit den Behörden zu kämpfen gehabt, denn: Eine Ausbildungsduldung ist nicht mit einem sicheren Aufenthaltstitel gleichzusetzen. Von der Perspektiv- und Rückkehrberatungsstelle des Landkreises habe man kleine Geldsummen für die Rückreise angeboten bekommen, andere Familien seien eingeknickt und hätten aufgegeben. Für die Shabanis war dies jedoch keine Option.

Teilweise hätten sie Verständnis für die Behörden, erzählen sie. Zumal es immer wieder Tipps und Unterstützung einzelner Sachbearbeiter gab, die auch nur Gesetze umsetzen würden. Das Problem bringt Nezirov auf den Punkt: „Leute, die wollen, werden gehindert.“ Letztlich sei das wie Glücksspiel, stellt Rifad fest und drückt damit das Ohnmachtsgefühl aus, das die Drei in den vergangenen fünf Jahren umgeben hat. Doch auch die Unterstützung unter- und füreinander habe ihnen Kraft gegeben. Selbst nachdem man nicht mehr in der gleichen GU untergebracht war, habe man viel Zeit zusammen verbracht und Aktivitäten unternommen, um den Kopf frei zu bekommen.

Die Beständigkeit und Hartnäckigkeit hat sich gelohnt, seit Anfang Juli haben die drei Gewissheit: Sie haben einen Aufenthaltstitel, wenn auch befristet. Ihre Ausbildungen haben sie erfolgreich abgeschlossen und wurden auch in den Betrieben übernommen, dazu haben sie den Führerschein gemacht. „Da ist eine Riesenlast abgefallen, das habe ich sofort an den Gesichtern gesehen – viel ausgelassener! Da kann man stolz sein“, freut sich Nezirov.

Auch Zonjije, Arbenita und Rifad empfinden es als Belohnung, weil sie anderen mit ihrer Geschichte zeigen können, dass es allen Widrigkeiten zum Trotz klappen kann. Auch Arbeitgebern möchten sie damit ein Signal senden. Im Kosovo würden junge Leute nicht gefördert und rutschen auf die schiefe Bahn. In Deutschland habe jeder eine Chance; wenn man ihn nur lässt. „Sucht euch ein Ziel, folgt dem Weg, kämpft dafür, gebt nicht die Hoffnung auf“, appelliert Zonjije an die Jugend. Ihre Schwester Arbenita fügt hinzu: „Und an alle, die gesagt haben, wir schaffen es nicht – wir haben es geschafft!“