Auf 5,5 Hektar wird auf der Lörracher Seite des Tüllingers Wein angebaut. Einmal im Jahr lädt die IG Weinbau Tüllingen zur Rebbegehung ein, um über die Ernte und den Jahrgang zu informieren. Das ist die beste Zeit, sich mit den beiden bekanntesten Winzern vom Tüllinger, Karlheinz Ruser und Michi Lindemer, zu einem Glas zusammenzusetzen und ins Philosophieren zu kommen.

Unter reich behangenen Reben liegt die Stadt dem Tüllinger zu Füßen. In den drei Straußenwirtschaften wird der erste Neue Süße ausgeschenkt, in der Luft hängt der fruchtig-süße, leicht gärende Geruch herbstlicher Weinberge. Niemand käme im September auf die Idee zu behaupten, es gäbe einen schöneren Stadtteil als Tüllingen.

In den warmen Sonnenstrahlen des Abends spaziert die Gruppe gemächlich Karlheinz Ruser hinterher, dem Obmann der IG Weinbau und einzigem Vollerwerbswinzer Lörrachs. Obwohl er im Ruhestand ist: 2,2 Hektar Reben hat er abgegeben, bewirtschaftet nun noch drei Hektar. Er hat zur Rebbegehung geladen, einem Anlass mit mehr als 40-jähriger Tradition, bei dem es nicht nur um das aktuelle Weinjahr, sondern auch und vor allem um den Austausch geht.

Vergangene Woche beginnt die Lese, Ruser ist zufrieden mit den bislang erreichten Öchslegraden. Die Ernte eilt nicht so sehr wie vergangenes Jahr, als es wärmer war. „Die Säure bleibt in den kühlen Nächten gut erhalten“, sagt Ruser. Wenn das Wetter trocken bleibt, seien Menge und Qualität gut. In einzelnen Schwarzrieslingtrauben haben sich Kirchessigfliegen eingenistet und im roten Gutedel – der eine Mutation des weißen ist – auch, aber man könne sie aussortieren, sagt Ruser. Einige der Reben haben Sonnenbrand abbekommen, dem Grauburgunder war‘s zu heiß.

Was zur Folge hatte, erklärt Ruser, dass die Trauben auf der Schattenseite besser gewachsen sind. Die Winzer plagt ein anderes Problem, erklärt Ruser den Gästen der Rebbegehung – Tülinger, Vertreter der Stadt, Presseleute und auch der Pfarrer sind mit dabei. Das Volksbegehren „Pro Biene“ will den Winzern den Einsatz jeglicher Pestizide verbieten. „Das, was wir spritzen, schadet den Bienen nicht“, sagt Ruser. Jede zweite Gasse zwischen den Reben säen die Winzer mit Blumen ein, sie arbeiten mit Imkern zusammen und verstehen nicht, was das Ganze soll.

Heiteres Unverständnis über die Sache mit dem Zoll

Unverständnis, aber vor allem Erheiterung, macht sich an der Grünen Grenze zur Schweiz breit. Michael Lindemer, bislang in Lörrach durch Trachten, Fasnacht und Straußi bekannt, gelangte zuletzt dadurch in die Zeitung, dass ihm der Zoll knapp 500 Euro Einfuhrgebühr für seinen alten Bora abknöpfte, weil er illegalerweise damit über die Grüne Grenze fuhr. Und ihm später das Geld zurückerstattete, als dann auch noch das Fernsehen anklopfte.

„Da, die Reben sind auf Schweizer Gebiet, der Weg daneben ist deutsch“, zeigt Lindemer: „Der Winzer müssti jedes Mol sienen Traktor verzolle.“ Er berichtet, dass er nun versuche, eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen – es aber bisher nicht geschafft habe, obwohl er zwölfmal durchs Hauptzollamt verbunden worden sei. Ungefähr ein Dutzend Winzer gibt es am Tüllinger. Die Grenzen kümmerten sie bislang kaum. Ruser zeigt auf eine verrostete Schranke. „Die wurden erst während der RAF-Zeit aufgestellt“, erinnert er sich. Damals, als die Polizei auf der Jagd nach Christian Klar, dem Terroristen mit den Lörracher Wurzeln war.

Es geht zum gemütlichen Teil über. Am Bammerthäuschen werden heiße Würste serviert, Käse und Trauben stehen auf den Tischen und natürlich Wein. Ruser kredenzt einen Chardonnay aus dem Jahr 2016. „Die meisten guten Weißweine werden zu früh getrunken“, sagt er. Drei Jahre Reife würden ihnen nicht schaden. Ruser und Lindemer sind beides Tüllinger Gewächse, in beider Familien spielt Wein schon lange eine große Rolle.

Karlheinz Ruser ist im Herbst seines Winzerlebens und nun etwas kürzer getreten. Michael Lindemer, den alle nur als Michi kennen, ist gerade mal 30, hat 2012 mit seiner Familie die Lindemer-Straußi im ältesten Haus in Tüllingen eröffnet.

Ruser, der gelernte Landwirtschaftsmeister, erzählt vom Weinbau seines Großvaters in den 30er-Jahren, wie der Vater viel mehr auf den Obstbau setzte und er die Winzerei sukzessive wieder aufbaute, bis er 1995 den Obstbau ganz aufgab. Am Anfang war der Gutedel. In den 80er-Jahren folgte der Spätburgunder. Ruser hat das Spektrum nach und nach erweitert und vermarktet seine Tropfen als Flaschenweine. Rund 30 Prozent gehen in die Gastronomie, der Rest läuft über Direktvermarktung. Lindemer hingegen baut nur das aus, was er in der Straußi verkauft, den Rest seiner Trauben liefert er an die WG Haltingen – so wie die anderen Kleinwinzer am Tüllinger auch. „Deswegen hatte ich nie ein Straußi“, sagt Ruser, „im Herbst muss ich im Keller sein, da kann ich nicht nebenbei noch wirten.“

Als ein Hektar bis zu 35000 Mark einbrachte

Der Weinbau hat sich verändert: „Die 70er-Jahre waren goldene Zeiten für Genossenschaftswinzer“, erklärt Ruser. Hohe Mengen wurden abgenommen, hohe Preise ausbezahlt. Bis zu 35 000 Mark brachte der Ertrag eines Hektars. „Heute sind es noch 8000 bis 10 000 Euro“, sagt Ruser. „Man musste sich auf die Qualität besinnen.“ Lindemer zuckt mit den Schultern: „Wir haben immer an die Genossenschaft abgegeben“, sagt er. „Deren Mengenvorschriften übernimmt man auch für daheim.“

Seine Philosophie beim Weinmachen sei eher schlicht. „Ich habe es gelernt, wie ich es vorgemacht bekommen habe. Ich mach einen Wein, der zum Vesper passt.“ Für einen bestimmten Markt produziere er nicht, merkt Ruser an: „Aber meine Weine sind schöne Essensbegleiter. Sie sind alle durchgegoren und haben ganz wenig Restzucker.“ Seine Weine trügen seine Handschrift: „Wenn Ruser draufsteht, ist Ruser drin.“ Genossenschaften müssten eher mit dem Trend gehen, erklärt Michi Lindemer: „Die tragen das Risiko für alle Winzer mit.“

Langsam wird der Abend kühl, die Sonne hat sich nach Weil am Rhein zurückgezogen. Der Spätburgunder im Glas sorgt jetzt für wohlige Wärme. Die beiden kommen noch einmal auf die Bienen-Initiative zu sprechen. „Ohne Pflanzenschutz wäre der Tüllinger braun“, meint Karlheinz Ruser. „Das wäre das Ende der Regionalität“, fügt Lindemer hinzu. „Ob das dann ökologischer wäre?“ Dabei würden sie sich genau das wünschen: Dass noch mehr Leute regional kaufen, sich der Trend verstärkt. Mittlerweile akzeptierten die Leute Preise von bis zu zehn Euro pro Flasche. Das sei als Auskommen für die Weinbauern in Ordnung, sagt Ruser: „Aber reich werden wir damit nicht.“ Nur ein Wein werde noch deutlich unter seinem Wert verkauft – da sind sich die beiden Winzer einig: der heimische Gutedel.