„Hauenstein liegt hart am Rhein, so hart, daß zwischen Rhein und Schloßberg kaum Straße und eine Häuserreihe Platz haben. Der Schloßberg ragt steil etwa 60 Meter vom Rhein empor. Es mag sich wohl ganz früher kaum ein Weg geboten haben. Der Durchgangsverkehr mag sich auf dem Wasser abgespielt haben. Die Wohnhäuser stehen nur auf der einen Seite der Straße, direkt über dem Rhein, sodaß ihre Altanen luftig über dem Wasser schweben. Darum sagt der Volkswitz: Zu Hauenstein werden die Küchle nur auf der einen Seite gebacken. Warum? Weil auf der anderen Seite keine Häuser stehen. Hauenstein ist die kleinste Stadt Deutschlands. Viele, die im Auto durchflitzen, fragen oft: Ja, wo ist denn die Stadt Hauenstein? Dabei sind sie schon vorbeigeflogen.“

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So beginnt Pfarrer Peter Mossemann sein Kapitel „Leben und Verkehr, Handel und Gewerbe“ in seiner „Kurzen Chronik von Hauenstein“, die im Laufenburger Stadtarchiv aufbewahrt wird. Der Priester Mossemann kommt im Mai 1926 als Pfarrverweser nach Luttingen, ein Jahr später wird er als Pfarrer eingeführt.

Pfarrer Peter Mossemann verfasste eine Chronik über Hauenstein.
Pfarrer Peter Mossemann verfasste eine Chronik über Hauenstein. | Bild: Repro Fotostudio Höckendorff

Der Neuling wäre am Liebsten gleich wieder gegangen, nachdem er die alte enge Kirche mit dem Chorturm gesehen hatte. In den Jahren 1933/34 gelingt es ihm, das Gotteshaus durch einen Anbau nach Norden zu erweitern und die vorherige Kirche als Seitenschiff anzugliedern. Der bescheidene und beliebte Seelsorger begleitet seine Gemeinde, zu der auch Hauenstein gehört, durch den Zweiten Weltkrieg und die harte Nachkriegszeit. 1951 muss er krankheitshalber aufgeben.

Kirchenbücher geben Einblicke

Wie jeder Pfarrer in früheren Zeiten liest auch Peter Mossemann in den großformatigen Kirchenbüchern mit den Angaben zu Taufe, Hochzeit und Tod. Dort hat er auch die Einträge zweier Schiffer gefunden, die ihr nasses Grab im Rhein gefunden haben. „Johann Ebner von Hauenstein, Schiffmann, hatte am 14. April 1826 bei Laufenburg das Unglück, im Rhein zu ertrinken. Er war 35 Jahre alt und hinterließ eine Witwe mit sieben kleinen Kindern.

Andreas Ebner von Hauenstein, Schiffmann, sammelte mit einem ledigen Schiffsmann aus Etzgen Färberwurzeln, und zwar 5 Zentner, um sie in Basel abzuliefern, pro Zentner einen Gulden. Am 22. Dezember 1833 früh morgens fuhren sie mit ihrem Weidling ab und gelangten glücklich in Mumpf an um 10 Uhr. „Hier nahmen die beiden, um den oben an Rheinfelden so langen und gefährlichen Rheinstrudel, das Gewild genannt, desto besser passieren zu können, einen Steuermann zu sich und nebst diesen einen Fischer von Henkendorf, der Fische nach Basel bringen wollte.

Die Hauensteiner waren vertraut mit dem Wasser. Dennoch liess so mancher Schiffsman sein Leben im Rhein.
Die Hauensteiner waren vertraut mit dem Wasser. Dennoch liess so mancher Schiffsman sein Leben im Rhein. | Bild: Repro Fotostudio Höckendorff

Noch vor 12 Uhr mittags fuhren sie ab, und gleich nach 12 Uhr schaukelte das Schiff schon in des erwähnten „Gewildes“ erzürnten Gewässern, sodaß die Wellen nur allzu bald den leeren Raum des wohlbeladenen Schiffes füllten und die Männer samt dem Schiffe verschlangen. Der einzige Fischer erhob sich wieder, erfaßte das bald hierauf umgekehrt erschienene Schiff und wurde vom nacheilenden Schiffer Filipp Bögle von Hauenstein unter eigener Lebensgefahr dem drohenden Tod entrissen. Die übrigen drei konnten allen Nachforschungen ungeachtet weder lebendig noch tot aufgefunden werden.“

Vertraut mit dem Wasser

Im Unterschied zum Beruf der Schiffer gab es bei den Flößern weniger Gefahrenmomente, weniger Unfälle, wenn sie auch häufig nass und durchnässt wurden. Pfarrer Mossemann charakterisiert dieses Gewerbe so: „In früheren Jahren, bis tief ins 19. Jahrhundert hinein, wurden die Schwarzwaldstämme auf dem Rücken des Rheinstromes in den Handel gebracht. Die Hauensteiner, so nahe am Rhein, vertraut mit dem Wasser, waren vielfach in der Holzflößerei beschäftigt. Diese Flößer waren stark, derbe Männer, doch wieder voll Humor nach getaner Arbeit, wenn sie sich ein Viertele Wein gönnten. Geld war bei ihnen rar. Einmal fiel einem Flößer bei seinem Geschäft ein „Fränkli“ in den Rhein. Mit süß-saurem Gesicht sah der Flößer nach und sprach: „Versoffen wärst doch, aber nett uf die Art!“

Grenzer gegen Schmuggler

Wie überall in Grenzgebieten so blühte auch in Hauenstein im 19. Jahrhundert der Schmuggel. Er war verboten und gefährlich, aber deswegen auch verlockend. Und gelohnt hat er sich zudem. Pfarrer Mossemann: „Ich glaube, manche Hauensteiner haben nachts geschmuggelt und bei Tag geschlafen.“ Beim Ausüben haben die Schmuggler den wachsamen Grenzaufsehern – so die amtliche Bezeichnung – manches Schnippchen geschlagen und sich bei Bier und Wein über sie lustig gemacht. Sehr zum Ärger der Betroffenen. Hin und wieder wurden Schmuggler gestellt und gestraft, aber meistens blieben sie unerkannt.

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„Oftmals, so wurde mir (Pfarrer Mossemann) glaubwürdig erzählt, standen auch ein Schmuggler (Eduard Bögle, der Vater des Flößers Josef Bögle) und der Grenzwächter einander mit gespanntem Hahn gegenüber hinter einer Hausecke oder hinter einem schützenden Busch. Die Lage war also höchst gefährlich. Jeder hatte das Leben des anderen in seiner Hand. Was taten sie? Sie waren vernünftig, unterhandelten miteinander und das Resultat ihrer Unterhandlung war: Jeder senkt das Gewehr und ging seine Wege!

Erinnerung an Schmugglerstreich

Noch eines Schmugglerstreiches will ich gedenken. Eduard Bögle kam mit seinem Weidling vom Schweizer Ufer mit reicher Beute. Froh steuerte er dem badischen Ufer zu. „Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell.“ O weh! Ein Grenzer hatte ihn gesichtet, lauerte hinter einem Busch, froh, einen guten Fang zu machen. Bögle legte nichts ahnend seinen Weidling an. „Halt!“ rief der Grenzer (Beury soll er geheißen haben) und sprang schnell entschlossen in den Weidling, den Schmuggler samt Schmugglerware fest zu nehmen.

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Doch auch der Schmuggler bewahrt Geistesgegenwart, warf die Ruderstange weg, sprang ans Ufer und gab dem Weidling einen kräftigen Tritt, sodaß er weit in den Strom hinausglitt. Die Wellen nahmen alsbald den Weidling mit dem Grenzer, ohne Steuer und Ruder, mit stromabwärts. Beury schrie um Hilfe: Helft dem Beury, Hilfe, Hilfe! Kurz vor den Laufenburger Stromschnellen brachte man den Grenzer ans Land. Die Stromschnellen wären sein Tod gewesen.

Abenteuer hat Nachspiel

Dieses Abenteuer hatte natürlich für Bögle ein Nachspiel. Davon schweigt die Geschichte. Aber den Kopf hat es ihn nicht gekostet.“ Wovon konnte man sonst noch in der Kleinstadt leben, die um 1900 etwas mehr als 200 Einwohner zählte? Sicher gab es Bäcker und Metzger, zudem bestanden zwei Wirtschaften. Wie in anderen Orten beiderseits des Hochrheins verdienten auch in Hauenstein Nagelschmiede ihr Brot mit Eisennägeln für schwere Schuhe und Stiefel. Eine Besonderheit bildete der 1811 geborene Georg Leber, Kettenschmied und Bürgermeister. Für einige Brücken der aufkommenden Eisenbahn stellte er aus weichem schwedischem Holzkohleeisen tonnenschwere Gliederketten her.

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Seine Chronik aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg schließt Pfarrer Peter Mossemann mit diesem Abschnitt: „Heute lebt in Hauenstein nur ein kleiner Teil von der Landwirtschaft. Es ist auch unmöglich. Die Gemarkung ist sehr klein. Sie umfaßt nur 29 Hektar Ackerboden. Viele gehen in die Fabrik der Nachbarschaft, so nach Albbruck, Laufenburg, Waldshut und Säckingen. Andre Zeiten, andre Menschen! Heute ist das Leben nur noch eine nervöse Hatz. Wenn so ein alter Hauensteiner heute unsere Verhältnisse sehen würde, ich glaube, er ginge gern wieder ins Grab zurück.“

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