In der Mitte des Stadtteils Rhina zweigt von der Säckinger Straße die Zimmermannstraße ab. Sie folgt der ursprünglichen Wegverbindung in Richtung Laufenburg, die am Schluss steil hinauf zum Bückle verlief. Erst im 19. Jahrhundert hat man nach und nach die heutige Verkehrsachse mit annähernd gleicher Steigung den Berg hinauf ausgebaut.

Bild: Kerstan, Stefanie

Die alte Straßenführung hieß bezeichnenderweise Dorfstraße, 1953 wurde sie in Zimmermannstraße umbenannt, zur Erinnerung an den letzten Bürgermeister von Rhina Eduard Zimmermann, der im Februar des Jahres gestorben war. Der damalige Laufenburger Bürgermeister Albert Wasmer wollte den befreundeten Kommunalpolitiker ehren und die Rhinemer ein wenig versöhnen, von denen viele immer noch dem Verlust der Eigenständigkeit 1933 nachtrauerten und Laufenburg-West als Heimatort nicht begrüßten.

In dem damals noch bäuerlichen Rhina kommt Eduard Zimmermann am 26. Mai 1879 in der Säckinger Straße 37 auf die Welt, als siebtes von zehn Kindern des Ehepaars Elias und Maria Zimmermann, die eine Landwirtschaft umtreiben. In der Volksschule fällt der aufgeweckte Junge auf, eine höhere Schulbildung scheitert am schmalen Einkommen. Aber es reicht zum Kauf eines Klaviers, das sich der musikalische Eduard gewünscht hat. Nach der Schulzeit hilft er als Bauer und bildet sich durch Lesen fort. 1897 gründet der 18-Jährige mit einigen Gleichgesinnten den örtlichen Turnverein.

Die Familie

Eduard Zimmermann ist ein stattlicher junger Mann, ein hübscher dunkler Typ, gesellig und immer zum Singen aufgelegt, ein guter Jodler. Als Rekrut wird er in Karlsruhe den „langen Kerls“ zugewiesen, dem badischen Leibregiment 109. In den Haushalt des Kommandanten hat sich Maria Barbara Korn verdingt, eine evangelische Württembergerin aus Ludwigsburg, Tochter eines Buchhändlers. Wegen des Konfessionsunterschieds dauert es lange, bis die Beiden im Juni 1905 heiraten und ins Rhinaer Elternhaus ziehen. Als dort ein jüngerer Bruder sie vom Tisch verweisen will, weil sie nicht katholisch ist, erklärt die neue Frau Zimmermann: „Wem ich recht bin zum Kochen und Arbeiten, der esse mit mir auch am Tisch oder bleibe ihm fern.“ Ihre sechs Kinder werden katholisch getauft.

Die Arbeit

Im Zuge des Kraftwerkbaus Laufenburg wird in Rhina in der Nähe der Staustufe das Gasthaus „Salmen“ geschaffen und an Eduard Zimmermann verpachtet. Er ist Hotelier, Landwirt und Gemeinderechner. 1911 wird er zum Bürgermeister gewählt und bleibt es 22 Jahre bis 1933. Als Amtsperson muss er seine gewerbliche Tätigkeit einstellen. Da Rhina politisch und schulisch seine Selbstständigkeit erreicht hat, befördert er auch die kirchliche: 1913 wird ein katholischer Kirchenfonds gegründet und er spendet ein Grundstück für einen Kirchenbau. Durch die Ansiedlung von Firmen, die billigen Strom beziehen wollen, entstehen im Dorf willkommene Arbeitsplätze.

Der Erste Weltkrieg

Nach der Mobilmachung im Juli 1914 für den Krieg verabschiedet sich Eduard Zimmermann von seiner Frau und sechs Kindern im Alter von ein bis acht Jahren. Er kämpft im Elsass, in Galizien und in Nordfrankreich, wird Unteroffizier und Träger des Eisernen Kreuzes sowie der badischen Verdienstmedaille. Er kehrt im November 1918 unversehrt wieder nach Rhina zurück. In der Notzeit nach dem Krieg gründet er 1923 den gemeinnützigen Bauverein, der preiswerte Reihenhäuser errichtet. Er ermuntert zudem die Arbeitslosen und Bedürftigen zum Gemüseanbau und zur Haltung von Kleintieren.

Die Projekte

Mitte der 1920er Jahre gibt es eine gewisse wirtschaftliche Erholung und der Bürgermeister verwirklicht mit den Steuereinnahmen Beachtliches. So in der Dorfstraße ein Spritzenhaus mit Schlauchturm, den eine welsche Haube abschließt. Zugleich wird er Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr. Im September 1925 wird die staatliche Schule auf der anderen Seite der Durchgangsstraße eingeweiht. Trotz seiner souveränen Amtsführung oder gerade deswegen wird ihm der Erfolg geneidet, es gibt Widerstand im Ort, einige verübeln dem Bürgermeister, dass er seine Dienststunden im längst abgerissenen Gasthaus „Bischoff“ verbringt. Ein Dienststrafverfahren wird beantragt und eingestellt, der Gemeinderat will ihm nicht mehr folgen. Ende Oktober 1925 legt der Bürgermeister seine Amtswürde und seine Amtsbürde nieder. Daraufhin ermuntern ihn die Stillen im Dorf und bewegen ihn zu einer erneuten Kandidatur. Anfang Dezember wird Eduard Zimmermann mit fast Zwei-Drittel-Mehrheit bestätigt.

Die Nachkriegsjahre

Mit Eifer wird weiter gehandelt. So stellt die Gemeinde Bauland und Darlehen zur Verfügung. Im Sommer 1927 wird die Turnhalle eingeweiht, im Herbst das Kriegerdenkmal des Gutachter Künstlers Kurt Liebich mit dem Grundgedanken: Die Jugend ehrt die Krieger. Trotz der Weltwirtschaftskrise wird der ganze Ort kanalisiert und neben dem Schulhaus eine Kinderschule eröffnet. 1932 wird das Rathaus umgebaut. Die Zeit erfordert es auch, dass es für die Arbeitslosen verbilligte Brennstoffe und Notstandsarbeiten gibt.

Die Naziherrschaft

Ende 1932 hatte Reichspräsident von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Ende Januar 1933 hatten die Nazis mit der Machtergreifung das Gesetz des Handelns in ihrem Sinne ergriffen. Das SPD-Mitglied Eduard Zimmermann wird am 28. März vorläufig aus seinem Amt entfernt, das fehlende Bekenntnis zum Nationalsozialismus wird als mangelnde vaterländische Gesinnung gewertet, was den Weltkriegssoldaten schwer trifft. Nach Verhören durch Braunhemden steht fest: fristlose Entlassung ohne Pensionsanspruch. Er und seine Familie litten danach persönlich und materiell viel.

Das Ende

Manchmal wird es so dargestellt, als wäre diese Entlassung eine Folge der Eingemeindung von Rhina nach Laufenburg (Baden), die gesetzlich am 8. November 1933 erfolgt ist. Über die Vereinigung beider Orte hatte man seit 1919 mehrfach verhandelt: 1924, 1928 und 1932. Bei Kriegsende ist Eduard Zimmermann 66 Jahre alt. Als die französischen Besatzer Gemeinderäte wählen lassen, wird er 1947 Laufenburger Stadtrat und stellvertretender Bürgermeister und bald auch Befürworter der angestrebten Ausgemeindung von Rhina, die allerdings im Kreistag scheitert. Nach vier Jahren beendet er – alt und krank geworden – seine politische Laufbahn. Am 20. Februar 1953 folgt er seiner geliebten Frau im Alter von 74 Jahren in den Tod. Seinen Sarg tragen vier Gemeinderäte hinauf zum neuen Friedhof im Schulerholz, begleitet von vielen Trauernden.