Fricktal – „Gauche, gauche.“ „Non, viens inci“, „A terre“: Befehle auf Französisch, und das auf den Hängen unterhalb des Laubberghofs im Mettauertaler Ortsteil Wil.

Hans van der Graaff, der Wanderhirte aus Sorvilier im Berner Jura, zieht mit seinen 300 Schafen wieder durchs Fricktal. Und weil seine Hütehündin, die siebenjährige Thaïs, auch von dort stammt, muss er sie eben auf Französisch anweisen.

300 Schafe hütet Wanderhirte Hans van der Graaff.
300 Schafe hütet Wanderhirte Hans van der Graaff. | Bild: Hans Christof Wagner

Dafür spricht er mit Rob, seinem dritten Hund neben Zeus, Englisch. Aber der ist gerade ausgebüxt, runter nach Wil, um dort in den Vorgärten Katzenfutter zu stibitzen. Später wird jemand aus dem Dorf anrufen und Bescheid geben, dass er unten ist. Rob hat einen Anhänger um den Hals mit der Natel-Nummer von van der Graaff darauf.

Wintereinbruch zwingt zum Zukauf von Futter

Seit 2018 ist van der Graaff mit der Herde des Schafhalters Karl Tanner aus Schneisingen unterwegs. Durchs Fricktal führt er sie inzwischen das dritte Mal. Als er Anfang Dezember zur Tour aufgebrochen ist, hätte er nicht erwartet, dass die Schafe bald auf einer 30-Zentimeter-Schneeschicht stehen würden.

„Der abrupte Wintereinbruch im Januar war ein Problem“, erzählt van der Graaff: „Ich musste für sechs Tage Futter zukaufen, Heu und Silage.“ Jetzt haben die Schneeschmelze und der Regen danach die Weiden matschig werden lassen. Für die restliche Tour hofft der Schäfer auf besseres Wetter: Seine weiteren Stationen: Gansingen, Kaisten, Oeschgen, Frick. Van der Graaf sagt: „Mal sehen, wo es uns bis Mitte März noch hin verschlägt.“

Danach wird er erst einmal zur Familie zurückkehren. Aber nur für wenige Wochen, denn den Sommer über ist er auf der Alp und kümmert sich dort um eine andere Schafherde. „2020 war ich sogar bis November dort“, berichtet er. Und kaum zu Hause brach er schon wieder zur seine Wintertour auf. Reklamiert die Frau da nicht schon einmal? „Nein, die weiss genau, dass es sinnlos ist, mich anbinden zu wollen“, sagt er.

Ans Aufhören denkt der 70-Jährige nicht

Seit 1997 lebt er so. Und will daran festhalten, „solange es geht“. Wobei der 70-Jährige nicht befürchtet, dass nach ihm niemand mehr käme. Im Gegenteil – das Interesse am Wanderhirtendasein sei grösser denn je. Auf dem Gebiet versuchten sich aktuell so manche: „Viele geben nach einem Jahr wieder auf, weil sie falsche Vorstellungen haben“, sagt er: „Nostalgiker“ und „Romantiker“ nennt er sie. Und sagt: „Mit Romantik hat mein Beruf nichts zu tun. Das ist harte Arbeit.“

Die Arbeit bestehe darin, „alles in Harmonie zueinander zu bringen“. Dass es gar nicht nach Arbeit aussieht, obwohl viel davon drinsteckt. Auch im Vorfeld schon – die Route so legen, dass es für die Tiere nicht so anstrengend ist, mit den Bauern abklären, wo er sie weiden lassen darf, Ausschau halten nach den Wiesen, auf denen das saftigste Gras wächst. Dort zu weiden, wo der Bauer gerade erst die Gülle ausgebreitet hat, mögen sie nicht so gerne. Aber auf der Wiese von Laubberghof-Bauer Demian Vögeli schmeckt es ihnen.

Dass seine Tiere dort eingezäunt auch die Nacht verbringen werden, glaubt van der Graaff nicht. Vögelis Wiese ist bald abgefressen. So zieht die Herde weiter. „Vielleicht bleiben wir noch in Wil, vielleicht geht es Richtung Gansingen“, sagt er – Freiheiten eines Wanderhirten.