Auf der Staffelei im Atelier „Quelle“ von Trudi Hofer in der Laufenburger Altstadt steht ein hochformatiges Bild vom Wasentor. Es ist noch nicht fertig, aber hat schon in der Anfangsphase einen hohen Wiedererkennungswert: Die Uhr ist mit goldener Farbe gemalt, am Torbogen ist jeder einzelne Stein, auf dem Dach jeder Ziegel erkennbar.

Flucht vor dem IS

Das Bild stammt jedoch nicht von Trudi Hofer selbst, sondern von Raja Dibeh, einem Künstler aus Syrien, der mit ihr das Atelier teilt. Vor sechs Jahren ist er vor dem seit 2011 tobenden syrischen Bürgerkrieg geflohen, nachdem er als Christ und Künstler ins Visier des so genannten „Islamischen Staates“ (IS) gelangt war.

Dibeh, Jahrgang 1971, gelang die Flucht in die Schweiz, wo er seither als „vorläufig aufgenommen“ gilt. Bislang war er an 15 verschiedenen Orten untergebracht. Seit dem 1. Januar 2021 lebt er in der Asylunterkunft in Wegenstetten im Fricktal.

Krieg durchkreuzt Pläne

Nach eigenen Angaben hat er in seinem Heimatland Kunstmalerei studiert und an etlichen Ausstellungen teilgenommen. Zudem war er von 1994 bis 2015 Vorsitzender der „Union of Fine Arts in Syria“. Aber eben: Der Syrienkrieg durchkreuzte seine Karriere. In der Schweiz versucht er nun, sich eine neue Existenz als Künstler aufzubauen.

Nach Laufenburg ist er durch einen von der regionalen Integrationsfachstelle organisierten Deutschkurs gelangt. Dabei hat er die Kunstmalerin Trudi Hofer, die in dem Kurs als Freiwillige mitarbeitet, kennengelernt. „Er wollte einfach einen Ort zum Malen“, berichtet sie. Raja Dibehs umfangreiches Werk ist im Syrien-Krieg entweder vernichtet worden oder verloren gegangen. Aber die Malerei hat er nicht aufgegeben.

Bilder mit winzigsten Details

Als er in Basel lebte, malte er das Münster mit den kleinsten Pinseln auf ein A4-Format. Auch auf diesem Bild ist jedes Detail haargenau festgehalten. So geht er immer vor: geduldig, aufmerksam, technisch perfekt, ein Meister seines Fachs. Was auch Trudi Hofer erkannt hat.

„Was er kann, kann ich nicht“, sagt sie. Ihre Malerei ist ungegenständlich, experimentell, vielfältig, passt in keine Schublade. Trotzdem bringt sie der anderen Malweise von Raja Dibeh großen Respekt entgegen. „Wir stehen nicht in einer Konkurrenz zueinander“, betont Trudi Hofer, „und wir können trotz der Unterschiede einander immer fragen: Was meinst du, was hältst du von meinem Bild?“. Die kulturellen Unterschiede sind für Beide kein Thema.

Bilder von Laufenburg

Trudi Hofer (66) hat das 30 Quadratmeter große Atelier in der Marktgasse im Herbst 2019 bezogen. Ihre Philosophie: „Ich arbeite gerne mit Leuten und versuche immer wieder, sie zu ermutigen, in ihren Bildern sich selbst zu sein.“ Ihren Gast aus Syrien hat sie ermutigt, Bilder von Laufenburg zu malen.

Das Kraftwerk hat er gemalt, das Wasentor entwickelt sich, dazwischen fertigt er Stillleben an, Landschaften, symbolische Bilder, die seine Lebenssituation darstellen. Raja Dibeh ist fast jeden Tag im Atelier tätig. Ausnahme: Wenn Trudi Hofer einen Kurs hat. An allen anderen Tagen ist Dibeh willkommen. Kann sich den Schlüssel holen, darf nehmen, was an Farben da ist. Oft teilen sie den 15 Quadratmeter großen Malbereich – sie in der Mitte des Raums, er beim Fenster. „Zwei können gut hier drin arbeiten“, weiss Trudi Hofer.