Im menschlichen Leben spielt die Orientierung eine wichtige Rolle. Damit ist die geistige Ausrichtung gemeint, aber auch die Fähigkeit, sich in der Örtlichkeit zurechtzufinden. Von der Wortherkunft könnte man die Bezeichnung Orientierung vom Begriff Orient ableiten. Der Orient befindet sich im Osten. Dort geht täglich die Sonne auf. Da der Sonnenaufgang als Symbol der Auferstehung galt, wurden einst die Längsachsen vieler Kirchengebäude dementsprechend festgelegt. Der Chor mit dem Altar ist nach Osten ausgerichtet; dorthin sendeten die früheren Gottesdienstbesucher insbesondere das Morgengebet.

Gräber blicken ebenfalls nach Osten

Auch die Gräber lagen früher parallel zur Kirchenachse. Die Toten wurden so bestattet, dass ihr Gesicht nach Osten zeigte. Die Grabsteine am Kopfende waren ebenfalls mit ihrer Inschrift nach Osten gerichtet. So auch in Hochsal. Allerdings ist die vermutlich 1081 erbaute Pfarrkirche nicht exakt der Ost-West-Richtung angepasst, was möglicherweise mit ihrem mächtigen Turm, dem sogenannten Alten Hotz, zusammenhängt. Dieser befindet sich, wie manche Historiker vermuten, auf dem Fundament eines römischen Wachturms. Doch den zur Kirchenachse angeglichenen Gräbern tat dies keinen Abbruch, sie zeigten dennoch zur aufgehenden Sonne. Vollständig war dies allerdings nur bis 1901 der Fall, wie aus dem Protokoll einer Tagfahrt des Bezirksamts Säckingen zu entnehmen ist.

Demnach war es dem ab 1898 in der Pfarrei Hochsal amtierenden Pfarrer Heinrich von Bank (1838 bis 1907) ein Dorn im Auge, dass er und seine Gläubigen auf dem Hauptzugangsweg durch den Friedhof zur Kirche linkerhand lediglich die Rückseite der Gräber sahen, was einen eigentümlichen Eindruck machte. Daher veranlasste er im Einvernehmen mit dem damaligen Bürgermeister Eduard Schmid (1851 bis 1939), die Grabsteine links des Weges in westliche Richtung umzustellen, sodass man beim Kirchgang deren Inschriften lesen konnte.

Kritik

Das gefiel allerdings nicht allen Pfarreiangehörigen des Kirchspiels, zu dem nicht nur die Bewohner von Hochsal zählten, sondern auch die von Binzgen, Rotzel, Schachen, Alb und Albert. Sie verwiesen auf die im ganzen alemannischen Land bestehende Sitte, dass sich die Gräber nach Osten auszurichten hätten. Der Widerstand regte sich auch wegen der durch die Umkehrung der Grabsteine entstehenden Kosten.

Verständnis

Doch wollten die meisten um des lieben Friedens willen nicht mit scharfen Geschützen aufwarten, denn es wurden ihnen die Gründe des Pfarrers erläutert. Weil der Kirchenfonds alle Kosten übernahm, ging die Umgestaltung des Friedhofs weiterhin vonstatten, auf die heute noch das älteste Grab aus der damaligen Zeit hinweist: das des Pfarrers und Dekans Anton Fräßle, der 1894 starb. Pfarrer Heinrich von Bank, der 1907 das Zeitliche segnete, wurde nicht in Hochsal begraben, sondern in seinem Heimatort Kirchzarten.

In den beiden ältesten Gräbern, die sich links des Haupteingangs zum Friedhof in Hochsal befinden und somit nach Westen zeigen, wurden ...
In den beiden ältesten Gräbern, die sich links des Haupteingangs zum Friedhof in Hochsal befinden und somit nach Westen zeigen, wurden 1894 und 1916 die früheren Pfarrer Anton Fräßle und Johann Werne beerdigt. | Bild: Richard Kaiser

Die gegenwärtig noch immer vorhandene Ostausrichtung der weitaus meisten Gräber verfügt mit dem Grab des früheren Landtagsabgeordneten Fridolin Lauber (1805 bis 1883) über die älteste Ruhestätte. Dort begraben sind in der auch seine Tochter Luise Ebner, geborene Lauber, ihr Ehemann Josef Ebner und deren Tochter Elsa Ebner.

Dem früheren Landtagsabgeordneten Fridolin Lauber (1805 bis 1883) ist das älteste Grabkreuz im Hochsaler Friedhof gewidmet, das zum ...
Dem früheren Landtagsabgeordneten Fridolin Lauber (1805 bis 1883) ist das älteste Grabkreuz im Hochsaler Friedhof gewidmet, das zum Sonnenaufgang zeigt. | Bild: Richard Kaiser

Derzeit ist die Anordnung der Gräber im Hochsaler Friedhof also dreigeteilt: Begeht man den Hauptzugangsweg durch das 1895 erneuerte Tor, sind rechterhand die Ruhestätten nach alter Sitte nach Osten orientiert, linkerhand zeigen sie nach Westen und nahe des Kirchenportals weisen einige Gräber nach Süden, also der Kirche zugekehrt, und das bereits seit 1901.

In Görwihl sind alle Gräber – entgegen der traditionellen religiösen Sichtweise – westwärts, in Richtung der untergehenden ...
In Görwihl sind alle Gräber – entgegen der traditionellen religiösen Sichtweise – westwärts, in Richtung der untergehenden Sonne angelegt. | Bild: Richard Kaiser

In Görwihl ging man einen anderen Weg. Dort sind die Gräber des im Jahr 1726 vergrößerten Friedhofs zwar ebenfalls parallel zur Pfarrkirche angelegt, doch zeigen sie in entgegengesetzte Richtung: nach Westen. Während die Gläubigen im Kircheninnern zum Altar, in Richtung der aufgehenden Sonne blicken, ruhen alle Verstorbenen in Richtung der untergehenden Sonne. Bemerkenswert erscheint diese Anordnung, die eine andere Interpretation der Ost-West-Ausrichtung erkennen lässt.

Auf dem Friedhof in Obersäckingen waren die Verstorbenen bis in die 1940er Jahre in westliche Richtung bestattet, wie dieses Bild von ...
Auf dem Friedhof in Obersäckingen waren die Verstorbenen bis in die 1940er Jahre in westliche Richtung bestattet, wie dieses Bild von vor 1945 zeigt. | Bild: Richard Kaiser (Repro)

Diese Struktur bestand vormals auch auf dem Obersäckinger Friedhof, wie auf einer Fotografie vor 1945 zu erkennen ist. Die Friedhofskapelle, die auf die vormalige Martinskirche aus dem Jahr 1135 zurückgeht, ist nach Osten ausgerichtet. Durch die in neuerer Zeit umgestaltete und auch erweiterte Friedhofsanlage zeigen die Gräber, mit Wegen und Beeten geordnet, nun in alle vier Himmelsrichtungen. Der Sonnenstand ist dort nicht mehr von Belang.