An diesem Abend war das Publikum Passagier. Es durfte sich fühlen wie auf der „Santa Maria“, mit der Christoph Kolumbus anno 1492 in See gestochen ist (auf der Suche nach dem westlichen Seeweg nach Indien). Man konnte förmlich auf der Brücke des Flaggschiffs hin- und hergehen, das Abfeuern der Kanonenschüsse hören und mit dem Seefahrer auf Kuba landen: eine Zeitreise ins Jahr 1492.

Ferruccio Cainero, aus Italien stammender Schweizer Autor, Geschichtenerzähler, Schauspieler, Regisseur und Ex-Clown schildert in seinem neuen Erzähltheater-Programm „Kolumbus und die Schmetterlinge“ eindrücklich und gestenreich die Expedition und Ankunft des ersten Europäers in Amerika, die Begegnung mit den Einheimischen und den Schiffbruch der Santa Maria, die auf ein Korallenriff aufläuft, weil angeblich der Schiffsjunge am Steuer eingeschlafen ist.

So gehen die Kulturtage weiter

Viel Fantasie ist immer dabei bei diesem freien Erzählen in der Tradition des Storytelling. Der Erzählkünstler Cainero bastelt in seinem Solo aus Einzelheiten des Lebens des berühmten Seefahrers einen originellen und humorvollen Erzählstoff, lässt einzelne Personen sprechen und parodiert köstlich die geizige Genueser Bevölkerung.

In einer Kurzfassung erfährt man, wer Kolumbus eigentlich war, dass mit ihm das Mittelalter endet und die Moderne beginnt. Cainerio charakterisiert den Entdecker als Händler, der Reichtum und Ruhm anstrebte und Handel auf dem Meer trieb und – heute schier undenkbar und unglaublich – ohne Navigation, ohne Satelliten und Computer aufbrach: „Wie hat er das gemacht?“

In seinen Bühnenprogrammen bringt der Erzähler, der schon zum wiederholten Male in Laufenburg war und hier auf ein treues Publikum zählen kann, Persönliches, eigene Erlebnisse und Geschichten mit Geschichte zusammen. So verbindet er den nüchternen Blick des Händlers Kolumbus mit eigenen Reflexionen und einem Rückblick auf seine Kindheit, wenn er über das „Mysterium der Schmetterlinge“ sinniert.

Mit seinem universellen Humor sprengt der wortgewaltige Cainero Sprach- und Landesgrenzen. Trotz des italienischen Akzents gibt es keine Sprachbarrieren; man versteht die Geschichte und ist gebannt von dem furiosen Ein-Mann-Erzähltheater dieser Tessiner Bühnengröße, der eindrücklichen und augenzwinkernden Schilderung von Kolumbus‘ Biografie.

Verschnaufpause gibt es an dem schönen Strand von Kuba mit lauter nackten und friedlichen Menschen, einem irdischen Paradies, wie die Spanier glaubten. Cainero berichtet aber nicht nur über Vision und Mission von Kolumbus, sondern auch von den Schattenseiten dieser frühen Exkursion, Christianisierung und Kolonialisierung. Jürgen Scharf