Roland Sens wirkt völlig entspannt. Auf eine ganz besondere Weise friedlich. Als wir zum Gespräch zusammensitzen, ist dem 50-Jährigen Werbefachmann aus Laufenburg ist in keinster Weise anzumerken, dass er drei Tage zuvor noch unter ungeheuren Strapazen quer durch die Dolomiten lief. Bis zur totalen Erschöpfung. Nach 81 Kilometern, 4.728 Höhenmetern, 19 Stunden und 56 Minuten.

Bild: Müller, Cornelia

Das Ziel ist auch der Start, Brixen in Tirol, auf 560 Metern Meereshöhe. In der Nacht von Freitag auf Samstag vor einer Woche, um exakt 0.01 Uhr, nehmen 39 Zweierteams den Dolomites Ultra Trail in Angriff. Mit dabei das Läuferteam „Panic-Equalizer“, Roland Sens und Stefan Eschbach. Sie werden mit Geschichte schreiben. Es ist der erste Dolomites Ultra Trail überhaupt.

Stefan Eschbach in einem der hochalpinen Steige.
Stefan Eschbach in einem der hochalpinen Steige. | Bild: Roland Sens

Eschbach, der 34-Jährige Triathlet aus Görwihl war es, der Sens vor etwas mehr als drei Monaten eingeladen hatte, diesen Trail in den Dolomiten mitzulaufen. „Geht gar nicht“, meinte Sens damals, schob dann aber nach: „Oder doch?“ Die Zweifel bleiben, kommen und gehen bis zur letzten Sekunde vor dem Start am Samstag, 6. Juli, mitten in der Nacht. Sens läuft zwar seit über zehn Jahren regelmäßig, ist jede Woche gut 30 Kilometer unterwegs, aber bei einem ultra, also extremen Trailrunning, hatte er noch nie mitgemacht. „Ich war total nervös. Vor Aufregung hab ich vorher überhaupt nicht schlafen können, und ich fühlte mich überhaupt fit“, beschreibt Sens sein Wellenbad der Gefühle vor dem Start.

Um jede Ecke ein neuer atemberaubender Blick auf die Dolomiten.
Um jede Ecke ein neuer atemberaubender Blick auf die Dolomiten. | Bild: Roland Sens

Die Läufer werden gebrieft, erhalten genaue Verhaltensregeln. Jedes Zipfelchen Müll muss wieder mit ins Ziel. Sogar die Startnummern werden auf die Verpackungen geklebt. Die Ausrüstung ist vorgeschrieben. Unter anderem Handy mit GPS, Trillerpfeife und ein Erste Hilfe Notfallset. Auch regenfeste Kleidung. „Man muss im Falle eines Wetterumschwungs den ganzen Körper bedecken können“, erklärt Sens. Zwei Kilogramm inklusive einer gut gefüllten Trinkblase wiegt sein Rucksack schließlich.

Das gibt den Kick

Unmittelbar nach dem Start erst einmal Staunen und Verwunderung bei den „Panic-Equalizern“: „Was ist das denn?“ Die Brixener machen Party mitten in der Nacht und feuern die Läufer an. „Das gab so richtig den Kick“, lacht Sens. Beide sehen sich als Außenseiter, denn sie wissen, es sind nahmhafte Profis mit im Feld.

Der Dolomites Ultra Trail ging bis auf 2.617 Meter. Im hochalpinen Gelände waren auch Schneefelder zu queren, im Bild Roland Sens.
Der Dolomites Ultra Trail ging bis auf 2.617 Meter. Im hochalpinen Gelände waren auch Schneefelder zu queren, im Bild Roland Sens. | Bild: Stefan Eschbach

Mit Stirnlampe orientieren sich die Läufer in der Nacht. „Die ersten 20 Kilometer ging es darum, Höhe zu machen, bis auf 1600 Meter“, erzählt Sens. Auch dass seine Stirnlampe nach vier Stunden ihren Geist aufgibt. Also heftet er sich seinem Laufkollegen sprichwörtlich an die Fersen: „Zum Glück kam die Morgendämmerung relativ früh.“

Roland Sens auf schmalen Pfaden.
Roland Sens auf schmalen Pfaden. | Bild: Roland Sens

Der Trail führt die Läufer über öffentliche Forst- und Wanderwege, über alpine, teilweise sogar hochalpine Steigen. Jeder Läufer ist gefordert. „Forstwege waren noch das beste der Gefühle“, beschreibt Sens die Route, die mit gelben Punkten mal gut, mal schlecht markiert ist. Dann muss das GPS ran. Trotzdem: „Wir haben uns auch verlaufen.“ Ein hoher Prozentsatz der Strecke geht über Schotter. Die Wanderwege sind schmal. „Die Füße berühren immer wieder das Gras, und man muss auf Wurzeln aufpassen. Da werden die Füße müde“, läuft Sens den Trail in Gedanken noch einmal mit. Jede Sekunde verlangt volle Konzentration: „Jeder Schritt im Gelände ist geplant.“

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Je höher die Sonne steigt, umso heißer wird es im Gelände. Jetzt wechseln eiskalte Schattenstellen mit sengender Sonnenhitze. Der Trail zehrt mehr und mehr an den Kräften. Sens spürt das linke Bein. Die Knie, die Achillessehne. Irgendwann nach 60 Kilometern auch die Füße. Mal geht eine Schotterstraße so steil nach oben, dass sie eigentlich nicht zu begehen ist. Mal tut sich ein derart riesiger Steilhang auf, dass sich Sens fragt: „Wie komm ich da bloß runter?“ Am höchsten Punkt sind die Läufer auf 2617 Metern. Es gibt Momente, in denen Sens so erschöpft ist, dass er nicht einmal aus dem eisigen Schatten ein paar wenige Meter weiter in die wärmende Sonne wechseln kann. Dann denkt er: „Weiter.“

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„Weiter, weiter, mach einfach weiter“, das hatte sein Mentor ihm auch mit auf den Weg gegeben. „Du musst im Kopf das Rennen machen“, hatte Andreas Hausy, ein routinierter Ultra- und Genussläufer aus Wutöschingen in der Vorbereitungszeit zu Sens gesagt. Hausy gab nicht nur wertvolle Tipps, sondern stellte auch einen Trainingsplan für Sens zusammen. „Dafür bin ich extrem dankbar“, sagt Sens.

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Gut drei Monate hatte Sens an Vorbereitungszeit, und von Anfang an war ihm klar; „Wir brauchen die Maximalzeit, also 20 Stunden.“ Im Training geht es um Ausdauer und Kraft. Von 30 Kilometer die Woche, schraubt er seine Laufleistung langsam auf 80 Kilometer hinauf. Oft geht es in den Schwarzwald. Zusammen mit seinem Border Collie Hildi, mit dem er auch Canicross macht. Im Laufen trainiert Sens auch gezielt Rhythmuswechsel und schnelles Gehen mit und ohne Stöcke.

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Und Essen. Ja, Essen. „Du machst Pausen und isst“, hatte ihm sein Mentor vorgegeben, um den Körper an Essen unter Anstrengung zu gewöhnen. Sens, der bis dahin nur mit Trinken beim Laufen unterwegs war, pausiert nun regelmäßig und verzehrt „alles was dick macht“. Wie hochenergetische Riegel in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Aus gutem Grund: „Bei einem Trailrun verbraucht der Körper 800 Kalorien pro Stunde, bei einem normalen Lauf nur 400 Kalorien“, weiß Sens.

Einhalten von Zeitlimits

Auf dem Trail in den Dolomiten fielen die Esspausen mit den einzelnen Stationen zusammen. „Es waren von Station zu Station Zeitlimits einzuhalten. Ansonsten war man draußen. Das war unsere Challenge“, so Sens. Auch das Essen ist eine Herausforderung. Es gibt Brühe, Tee, isotonische Getränke, Cola, süße Kekse, Banane, „komische Obladen“, Melone. Manche streuen sich sogar Salz auf die Melone. Sens hat Glück, sein Körper verträgt diese Mixturen.

Der ganze Körper schmerzt

Weiter. Nach jeder Pause schmerzt erst einmal der ganze Körper. Der Trail ist eine echte Berg- und Talfahrt. Bei aller kräftezehrender Herausforderung überwältigt aber immer wieder die monumentale Schönheit der Landschaft in den Dolomiten, die UNESCO Weltnaturerbe ist. „Wir waren geflasht von der Natur“, ist Sens noch immer beeindruckt. Obwohl die Zeit im Nacken sitzt, bleiben Sens und Eschbach zwischendurch stehen um zu schauen und zu genießen. Am Ende summieren sich Pausen, Schauen und Fotos auf gut 3,5 Stunden der Gesamtzeit.

Die Nerven liegen blank

Auf der letzten Etappe zum Ziel hin liegen dann doch die Nerven blank. „Wir waren total ausgelutscht und wussten nur, wir müssen bis 20 Uhr im Ziel sein“, erinnert sich Sens an die letzten 10 bis 15 Kilometer. Nichts passt mehr zusammen. Markierungen fehlen, die elektronischen Kilometerangaben stimmen nicht, und zu allem hin lösen sich die Laufschuhe von Eschbach auf. Auch der Magen macht Eschbach zu schaffen. Mit Vollgas, im Zick-Zack und mit letzter Kraft geht es bergab, einziger Orientierungspunkt ist der Kirchturm im Tal.

Am Ende kommt die Euphorie

Um 19.56 Uhr, also vier Minuten vor dem Zeitlimit, laufen die „Panic-Equalizer“ durchs Ziel. „Dann war da die Linie, und wir haben uns total gefreut. Alles war gut“, lacht Sens. Nach viel Trinken und Salztabletten kommen die Euphorie, verdienter Stolz und nach dem Duschen schließlich die Entspannung. Jetzt lässt auch die Konzentration nach. Der Kopf wird leer. „Ich konnte nicht mal mehr was auf dem Handy schreiben“, erzählt Sens. Hunger ist da. Aber nach einer halben Pizza ist Schluss. Mehr geht nicht. Am Ende unseres Gesprächs erzählt Sens von einem ganz „speziellen Gefühl“, das er jetzt hat und meint: „Man muss es für sich machen.“ Sens spricht auch von Luxus: „Menschen mit Handicaps haben dazu keine Möglichkeit.“ Geht er wieder auf Trail? „Ich weiß es nicht“, sagt Sens.