Die drei Secondi könnten hier schon mal die Bürgerrechte beantragen. Bereits acht mal haben sie mit ihrem Programm Laufenburg und Murg besucht. Mit „Zürich Hauptbahnhof“ sind sie gar zum zweiten Mal auf einer Bühne der Region. Dieses Mal in der ausverkauften Pfarrscheuer in Luttingen.

Renata Vogt von der Kulturinitiative „Die Brücke“ freute sich sichtlich, die drei Schauspieler, die sie 2008 auf der Schweizer Künstlerbörse in Thun kennen gelernt hatte, wieder zu begrüßen. „Die drei Secondi“ stehen als Synonym für all diejenigen, die in der Schweiz geboren sind und seit vielen Jahren in der Schweiz leben oder sogar eingebürgert sind. Doch die Migration treibt oft seltsame Blühten und die drei Schauspieler habe diese zu einem bunten Strauss von Vorurteilen und Klischees gebunden.

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Und das ging so: Es ist Juli. Im Züricher Hauptbahnhof nimmt der Zug, der nach Reggio/Kalabrien fährt hunderte von Italiener, die die Sommerferien in ihrer Heimat verbringen wollen, auf. Hier finden in einem Zugabteil schicksalhaft drei Männer zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Kulisse ist spärlich und trist wie es Zugabteile so sind: Ein Rahmen für die Tür des Zugabteils, ein Rahmen für das Fenster, eine Bank und eine Kofferablage – das war‘s. Und die Koffer – auch Rahmen. Aber so ein Koffer gibt was her.

Beispielsweise der Koffer von Lello (Fabrizio Pestili). Er stinkt nach Käse und beinhaltet tausend Geschenke, die der Kalabrese, der kein Wort Schwitzerdütsch redet, in den Betriebsferien seiner Familie nach Kalabrien mitbringen wird. Oder der Koffer von Franz (Frederico Dimitri), Sohn eines Schweizer Kochs, der auf dem Weg zu seiner Geliebten Mariana ist. Franz funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk, berechnet zentimetergenau den Stauraum für die Koffer, und lässt den Seinen dabei keine Minute aus den Augen.

Und da wäre noch der Koffer von Giuseppe Spina. Diesseits des Rheins wäre dieser Italiener deutscher wie ein Deutscher. Auf dem Weg zur Hochzeit seines Cousins wird der Bedauernswerte mit allen Eigenschaften eines Süditalieners konfrontiert, die er doch so gerne hinter sich lassen würde.

120 Zuschauer in der Pfarrscheuer

Natürlich wurden bei der Bedienung von Klischees alle Register gezogen. Ein Schweizer, dessen einziges Problem zu sein schien, wie er in einem engen Zugabteil die Bügelfalten seiner Shorts retten kann. Und Giuseppe, der Süditaliener, der überschwänglich, laut und distanzlos erscheint und sich konsequent der schweizerdeutschen Sprache verweigert.

Oder eben der angepasste Schweizer mit Migrationshintergrund, den vor lauter Scham über seine Landsleute Magengeschwüre plagen. Auch wenn Italiener wirklich nicht langsam sprechen können und die 120 Zuschauer größtenteils des Italienischen nicht mächtig waren, verstanden alle die Dramatik. Die Überzeichnung der Vorurteile haben die Zwerchfelle der 120 Zuschauer ordentlich strapaziert. Die Zugaben zeigten dann auch, dass diese drei Schauspieler ihr Programm schier unerschöpflich ausbauen können.