Über die Zeit des Nationalsozialismus im badischen Laufenburg schwieg sich die Lokalgeschichtsschreibung bisher weitgehend aus. In der 1979 bis 1986 von beiden Laufenburg herausgegebenen dreibändigen Geschichte der Stadt sind den Geschehnissen 1933 bis 1945 gerade einmal sieben Seiten gewidmet. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist jetzt erstmals eine Darstellung erschienen, die sich ausführlich mit jener unheilvollen Zeit befasst. Für den Inhalt der von der Stadt Laufenburg veröffentlichten Bands zeichnen Martin Blümcke und Franz Schwendemann verantwortlich.

„Es ist eine großartige Leistung, die sie da vollbracht haben“, verbeugte sich Bürgermeister Ulrich Krieger am Dienstag im Rathaus bei der offiziellen Vorstellung des Buchs vor den beiden Autoren. Bald zehn Jahre haben sie auf das Projekt verwendet – ehrenamtlich und ohne einen einzigen Cent Aufwandsentschädigung zu verlangen. „Es ging zu Beginn gar nicht um ein Buch, es ging um das Sammeln der Heimatbriefe“, sagte Franz Schwendemann. Zwischen 1939 und 1944 versandte die Stadt 45 dieser Rundbriefe an jene Laufenburger, die während des Kriegs in Europa oder Nordafrika als Soldaten, Matrosen, Reichsarbeitsdienstleistende, Rotkreuzschwestern, Nachrichten- oder Luftwaffenhelferinnen im Einsatz waren. Die Auflage betrug bis zu 550 Exemplare. Das war enorm viel, denn das badischen Laufenburg zählte zum Kriegsende nicht einmal 2000 ortsanwesende Einwohner.

Die Titelseite der Heimatbriefe zeigt ein Bild des Kriegerdenkmals Rhina, das im Mai 1943 in den Heimatbriefen veröffentlicht wurde.
Die Titelseite der Heimatbriefe zeigt ein Bild des Kriegerdenkmals Rhina, das im Mai 1943 in den Heimatbriefen veröffentlicht wurde. | Bild: Vonberg, Markus

Eigentlich sind es zwei Bücher, die in dem 464 Seiten starken und 1,3 Kilogramm schweren Band zu einem vereint sind. 352 Seiten umfasst der leicht vergrößerte Faksimile-Nachdruck der Heimatbriefe. Sie stellten eine Mischung aus Standesamtsregister sowie Orts- und Vereinschronik dar. Eingestreut sind immer wieder Laufenburger Bildansichten, gerne aus der „Friedenszeit“. Der Ton ändere sich nach der Niederlage von Stalingrad im Januar 1943 merklich, so Martin Blümcke. „Da kommt erstmals so etwas wie Nazipropaganda zum Vorschein.“ Die Heimatbriefe waren auch ein soziales Medium: Unter der Rubrik „Was Kameraden Euch sagen wollen“, erschienen manchmal seitenlang Grüße der Soldaten aneinander.

Leser der Faksimiles, deren Originale Blümcke und Schwendemann in Laufenburger Haushalten, bei Sammlern und in Archiven auftrieben, müssen sich allerdings bewusst machen, dass die Heimatbriefe natürlich nur ein von den nationalsozialistischen Machthabern retuschiertes Bild jener Zeit zeichnen. Jede einzelne Ausgabe wurde vor der Veröffentlichung von der Geheimen Staatspolizei abgenommen und gegebenenfalls zensiert.

112 Seiten umfasst in dem Buch die Schilderung der Zeitumstände, in denen die Heimatbriefe entstanden. Weil die Laufenburger Nazis kurz vor Kriegsende alles sie belastende Schriftmaterial vernichteten – Hitlerjungen verbrannten unter Aufsicht städtische Akten am Rheinufer, so Blümcke – liegen vergleichsweise wenige schriftliche Quellen aus jener Zeit vor. Blümcke und Schwendemann befragten deshalb an die 100 Zeitzeugen, von denen die Frauen ungleich mehr berichteten als die Männer. Wichtiges Material boten auch die an Stadtarchiv gekommenen Ausschnitte aus „Albbote“, „Schwarzwälder Bote“ und der NS-Tageszeitung „Der Alemanne“, die Johann Egger und seine Tochter Else jahrzehntelang gesammelt hatten. Schließlich gibt es noch die bisher unveröffentlichten Aufzeichnungen, die der Zöllner Philipp Rudigier nach Kriegesende über die Zeit ab 1930 zu Papier brachte.

In diesem Umschlag bekam Feldwebel Karl Lang den Heimatbrief an die Front zugeschickt.
In diesem Umschlag bekam Feldwebel Karl Lang den Heimatbrief an die Front zugeschickt. | Bild: Fotostudio Höckendorff

Blümcke und Schwendemann legen die Geschichte Laufenburgs 1933 bis 1945 in 38 abgeschlossenen Geschichten dar. Sie sind mal einzelnen Personen gewidmet, wie dem 1924 bis 1944 amtierenden Bürgermeister Alois Häffner. Mal werden thematische Fragen behandelt, wie die Situation bei der Lebensmittelversorgung. Es geht um Alltagsaspekte, wie beispielsweise jene Frauen, die in der Feuerwehr die im Krieg befindlichen Männer ersetzten. Dann wieder schildern die Autoren, wie es Ostarbeitern und Kriegsgefangenen in Laufenburg erging.

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Nachdenklich werden den Leser die Schilderungen machen, wie man in der Kleinstadt Laufenburg nach 1945 mit der Nazizeit umging. Einer der tonangebenden Nationalsozialisten war Arthur Wekerle. Der beim Kraftwerk beschäftigte Bautechniker war 1939 bis 1944 NSDAP-Ortsgruppenleiter. Einen Tag vor Einmarsch der Franzosen verschwand er spurlos und tauchte erst im Februar 1946 wieder auf. Zwar verlor Wekerle wegen seiner nationalsozialistischen Tätigkeit seine Anstellung beim Kraftwerk, für das er aber freiberuflich weiterarbeitete. Nur zwölf Jahre nach Kriegsende hatte der Mann wieder einen großen Auftritt. Beim Festumzug zum 750-jährigen Stadtjubiläum 1957 durfte ausgerechnet er Franz II., den letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reichs verkörpern. Sein Hitlerbärtchen hatte sich Wekerle inzwischen abgenommen.