Merkwürdig: Da ziehen fischhäutige maskierte Menschen durch Laufenburg, um später Würste, Brötchen und Orangen in die Menge zu werfen. Noch merkwürdiger: Diese Menschenmenge brüllt Sprüche, welche für den Nicht-Alemannen oder Nicht-Laufenburger kaum verständlich sind.

Am merkwürdigsten: Die Fischhäuter und andere in ihrem Gefolge stehen tatsächlich in aller Herrgottsfrühe freiwillig auf, um auf Töpfen, Blechbüchse oder Trommeln Krach zu machen. Tschättermusik nennen sie das. Ganz ehrlich: Von außen betrachtet wirkt das, als seien die Laufenburger nicht ganz bei Trost.

Isabell Montebello lebt seit 2018 mit ihrer Familie in Neukaldeonien, einer Insel im Pazifik. Von hier berichtet die Laufenburger regelmäßig aus ihrem Leben.
Isabell Montebello lebt seit 2018 mit ihrer Familie in Neukaldeonien, einer Insel im Pazifik. Von hier berichtet die Laufenburger regelmäßig aus ihrem Leben. | Bild: Isabell Montebello

Von jeher hatten Völker, als sie noch in Stämmen organisiert waren, Riten. Diese werden manchmal als Traditionen bis in die heutige Zeit beibehalten. Genauso ist es mit der fünften Jahreszeit in Laufenburg. Sie erinnert uns möglicherweise daran, wie unsere Vorfahren am Laufen nachdem die Sonnenwende gefeiert war, den Winter austrieben, um in die fruchtbare Jahreshälfte zu starten. Im christlichen Kontext soll sie vor der vierzigtägigen Fastenzeit, welche am Aschermittwoch beginnt und mit Ostern im Frühling endet, nochmal die Gelegenheit geben, ausgelassen zu feiern!

Stammesordnung regelt das Leben

Es gibt Orte auf dieser Erde, da ist die Gesellschaft und ihr politisches, wirtschaftliches und soziales Leben noch heute in Stammesordnung organisiert. Einer dieser Orte ist Neukaledonien oder auch „Kanaky“, wie die Inselgruppe von der indigenen Bevölkerung genannt wird. Mitunter ein Grund warum Neukaledonien kein gewöhnliches französisches Übersee-Territorium ist, ist diese stets geltende ursprünglich gebliebene Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

sax la neukaledonien
sax la neukaledonien | Bild: Grafik dpa

Verlässt man die Hauptstadt Nouméa befindet man sich schnell in der „Brousse“, dem Buschland und Dschungel. Die Westküste der Insel zählt zwar noch zahlreiche und weite alte Landbesitzungen der Nachfahren der ehemaligen europäischen Sträflinge.

Das gesamte Staatsgebiet ist jedoch den Stämmen der indigenen Bevölkerung zugeordnet. Die Stämme leben heute noch am Meer oder im Landesinneren wie seit jeher: Machen Tauschgeschäfte untereinander mit Fisch gegen Wurzeln und Gemüse, haben ein Stammesoberhaupt und leben nach überkommenen Regeln, die sowohl praktische wie moralische Lebensgrundsätze vorgeben.

Strand auf Neukaledonien.
Strand auf Neukaledonien. | Bild: Isabell Montebello

Trotz des französischen Einflusses steht selbst die Regierung auf den kanakischen, von den Stämmen vorgegeben Grundfesten. Kein Gesetz erfolgt ohne Bewilligung des „sénat coutumier“. Diese Versammlung besteht aus Vertretern aller Stämme des Landes.

Jeder trägt Verantwortung

Mir kommt diese ursprünglich gebliebene Gesellschaftsform noch wie eine heile Welt vor. Abmachungen werden durch Gesten besiegelt, die einem von jeher vereinbartem Protokoll folgen und bestimmte Kodierungen beinhalten. In der Gemeinschaft wird jedem Mitglied eine Verantwortung bei der Kindererziehung zugeschrieben. Sowieso ist sehr wenig des individuellen Lebens Privatsache!

Um Leben und Tod geht es auch bei der Laufenbruger Fasnacht. Auf diesem Totenkopf geloben die Mitglieder der Zunft, bis ans Lebensende den Narronen anzugehören.
Um Leben und Tod geht es auch bei der Laufenbruger Fasnacht. Auf diesem Totenkopf geloben die Mitglieder der Zunft, bis ans Lebensende den Narronen anzugehören. | Bild: unbekannt

Personen, die gegen die überkommenen Regeln verstoßen, verlieren das Recht in der Gemeinschaft zu leben. Der „Buschfunk“ funktioniert. Benimmt sich im Norden einer daneben und wird ausgeschlossen, dauert das nicht lange bis dies in den anderen Stämmen des Lande die Runde macht.

Was passiert mit den Ausgeschlossenen?

Meistens gehen sie in das stammesfreie Gebiet und landen in einem der aus Blechhütten und Zelten bestehenden Vorstadtviertel der Hauptstadt Nouméa. Sie finden Arbeit oder treiben sich in der Stadt und an den Stränden herum. Ist die ausgeschlossene Person einsichtig, kann sie über einen dafür bestimmten Brauch um Verzeihung, Nachsicht und damit um Wiederaufnahme bitten.

Wichtig: das Gastgeschenk

Auch dem Brauchtum des Gastgeschenkes kommt eine entscheidende und politische Rolle zu. Sei es eine schlichte Einladung zum Grillfest oder ein offizieller Staatsbesuch – die Überreichung des Gastgeschenkes ist stets eine kleine Zeremonie, wobei sich nach Rang und Namen das Geschenk an für sich nicht von einfachen oder gehobenen Verhältnissen unterscheidet. Oft sind es Baumwollstoffe mit traditionellen Mustern und Motiven oder aus Palmenblättern geflochtene Körbe gefüllt mit Yam-Wurzeln, anderen lokalen Gemüsesorten oder saisonalen Früchten. Die Rede kann lang oder kurz sein, persönlich oder allgemein gehalten, sicher ist: Kein Empfang ohne diesen Brauch!

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