Günter Hoffmann hat das schier Unmögliche geschafft: Der passionierte Kunstliebhaber mit dem Fokus auf badischer und schwäbischer Malerei aus der Zeit von 1850 bis 1950 hat kürzlich die Bücher „Leben und Werk“ und das „Werksverzeichnis“ des Schriftstellers, Malers und Bildhauers Heinrich Ernst Kromer (1866 bis 1948) veröffentlicht.

Der Publikation gingen rund fünf Jahre Vorarbeiten voraus. Fünf Jahre, in denen Günter Hoffmann sich mit einem sehr umfangreichen Werk in verschiedenen künstlerischen Techniken sowie einem Künstler, der seinem Gestaltungswillen früh gefolgt ist, befasst hat.

Hoffmanns Fazit: „Heinrich Ernst Kromer gehört zu den wiederzuentdeckenden Künstlern.“ Begründung: Kromer habe ein beeindruckendes künstlerisches Werk hinterlassen. Dessen Umfang schätzt Günter Hoffmann auf rund 900 bis 1200 Zeichnungen, Aquarelle, Holzschnitte und Radierungen sowie circa 50 bis 70 Ölgemälde, die erhalten sind.

Die zwei Bücher „Leben und Werk“ und „Werkverzeichnis“ über Heinrich Ernst Kromer von Günter Hoffmann.
Die zwei Bücher „Leben und Werk“ und „Werkverzeichnis“ über Heinrich Ernst Kromer von Günter Hoffmann. | Bild: Peter Schütz

Die meisten Arbeiten Kromers befinden sich im Kreisarchiv in Albbruck, der zweitgrößte Bestand befindet sich in Privatbesitz, danach folgen die Bestände in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und im Wessenberg-Museum in Konstanz. Günter Hoffmann konnte zudem in England, Frankreich und in der Schweiz weitere Werke von Kromer ausfindig machen. „Kommissar Zufall spielt immer mit“, blickt er auf seine Recherchen zurück, „den braucht man einfach“.

„Akribischer Kunstdetektiv“

Ähnlich sieht es der Waldshuter Schriftsteller Jürgen Glocker, früherer Leiter des Amtes für Kultur, Archivwesen und Öffentlichkeitsarbeit im Landkreis Waldshut: „Günter Hoffmann ist ein versierter, akribischer Kunstdetektiv“, schreibt er in seinem Vorwort. Hoffmann habe es verstanden, seinem Werkverzeichnis „eine übersichtliche, leicht nachvollziehbare und transparente Form zu geben“, so Glocker weiter.

Deshalb sei es ein Vergnügen, mit dem neu vorliegenden Katalog zu arbeiten, fügt er hinzu. Mit Heinrich Ernst Kromer sei ein Künstler wiederzuentdecken, „der auf seltsame Weise quer zu seiner Zeit stand. Jürgen Glocker bezeichnet Kromer als „eigenständigen Kleinmeister zwischen dem 19. Jahrhundert und der Moderne, der uns lehrt, dass Kunst lediglich in den seltensten Fällen in die ordentlich eingeteilten Schubfächer der Kunsthistoriker passt“.

Günter Hoffmann, Jahrgang 1952, beschäftigt sich seit langem mit schwäbischer und badischer Kunst. Sein Hauptinteresse gilt nicht den „großen Namen“, sondern den heute vergessenen oder unbekannten Künstlern der Region Hochrhein und Südschwarzwald. Er ist Vorsitzender des Geschichtsvereins Hochrhein Waldshut und der Heinrich-Ernst-Kromer-Gesellschaft in Riedern am Wald. 2016 veröffentlichte er ein Buch über den vom Hochrhein stammenden Künstler Karl Friedrich Zähringer (1886 bis 1923), 2018 folgte das über 420 Seiten starke Kompendium „Künstler im Landkreis Waldshut vom Barock bis in die Gegenwart“.

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Als Vorsitzender der 1992 gegründeten Heinrich-Ernst-Kromer-Gesellschaft ist ihm das Leben und Werk des 1866 in Riedern am Wald (Landkreis Waldshut) geborenen und 1948 in Konstanz gestorbenen Künstlers vertraut. Dennoch: „Heinrich Ernst Kromer ist in seiner Heimat völlig vergessen worden.“ Zu Unrecht, wie jetzt seine neue Publikation beweist.

Denn Kromer erscheint darin als genauer Beobachter seiner Zeit und seiner Umgebung. Porträts, Landschaften, Szenen hat er mit einem verblüffenden Sinn für Licht und Schatten, für dramatische Haltungen, aber auch einfach nur „schöne“ Situationen zu Papier oder auf Leinwand gebracht. „Sonne im Park“ von 1943 ist so ein Bild: Eine Frau sitzt am rechten Bildrand auf einer Bank im Schatten, während um sie herum das Sonnenlicht in den Bäumen, Büschen und auf dem Rasen flirrt.

Bilder entstehen während des Luftangriffs auf Konstanz

Den Kontrast zu dieser Idylle bilden die so genannten „Schutzkeller-Motive“: Bilder, die er während den Luftangriffen in Konstanz während des Zweiten Weltkrieges um 1941/42 zeichnete. Günter Hoffmann beschreibt sie als „oft trostlose Zeugnisse der Angst und Hoffnungslosigkeit“.

Kromer zeige die Menschen mit Einfühlung und Mitleiden, so Hoffmann, „aber man spürt doch auch die Entfernung, die er zu ihnen hat“. Der Künstler würde sich „emotional unbeteiligt“ gegenüber seinen Leidensgenossen zeigen, konstatiert Günter Hoffmann, wodurch er „zum objektiven Berichterstatter von deren inneren Nöten und Sorgen“ geworden sei.

Heinrich Ernst Kromer verbrachte nur seine früheste Jugend in Riedern am Wald. In Zizenhausen besuchte er von 1873 bis 1878 die Volksschule, dann wechselte er auf die Höhere Bürgerschule in Konstanz und an das Gymnasium, das er mit einem erfolgreichen Abschluss 1887 verließ.

In Konstanz wohnte Kromer bei dem Zeichenlehrer Gebhard Gagg, der sein künstlerisches Talent erkannte. Nach einem frühzeitig abgebrochenen Studium der Germanistik in Heidelberg verlegte er seinen Wohnsitz nach München, wo er Kontakte zu den Künstlern Arnold Böcklin jun., Wilhelm Trübner oder Hans Thoma hatte. Fortan widmete er sich ganz der Malerei.

Heinrich Ernst Kromer. Repro: Peter Schütz
Heinrich Ernst Kromer. Repro: Peter Schütz | Bild: Repro: Peter Schütz

1891 zog er nach Konstanz um. Dort beschäftigte er sich nicht nur mit der Malerei, sondern auch mit der Schriftstellerei. Er verfasste Theaterstücke und Kurzgeschichten, Heinrich Ernst Kromers Leben war von wirtschaftlichen Unsicherheiten geprägt. Dessen ungeachtet schuf er ein Werk von einer großen Spannbreite und Emotionalität, das seinesgleichen sucht.

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